Untersuchung zeigt: Soziale Netzwerke gehen kaum gegen Antisemitismus vor

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Eine Studie hat antisemitische Beiträge, die online millionenfach geteilt und geklickt wurden, untersucht. Das Ergebnis: Trotz Prüfung durch die sozialen Netzwerke blieb die Mehrheit online stehen.

Verbrennung eines Davidsstrerns auf einer Anti-Israel-Demo in der Türkei (Archivbild: REUTERS/Umit Bektas)
Verbrennung eines Davidsstrerns auf einer Anti-Israel-Demo in der Türkei (Archivbild: REUTERS/Umit Bektas)

Ein „geschützter Raum für Rassist*innen“: Das sind, zu dem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung, die fünf größten sozialen Netzwerke Facebook, Instagram, Twitter, Youtube und Tiktok.

Über sieben Millionen Mal wurde mit antisemitischen Inhalten interagiert

Durchgeführt hat sie das gemeinnützige Center for Countering Digital Hate (CCDH), eine internationale Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, „Hass und Desinformation im Digitalen“ zu stoppen.

Dazu haben Forschende des CCDH insgesamt 714 Beiträge, veröffentlicht im Mai und Juni auf den fünf sozialen Netzwerken, gesammelt und untersucht. Sie alle beinhalteten Naziideologien, antisemitische Aussagen oder antisemitische Verschwörungserzählungen. Sie wurden über 7,3 Millionen Mal geteilt und gelesen.

Gängige antisemitische Verschwörungsmythen

Alle fünf sozialen Netzwerke haben die Beiträge zugelassen. Die überwiegende Mehrheit der Beiträge wurde auch im Nachhinein – selbst als sie als rassistisch gemeldet wurden – nicht gelöscht: Laut CCDH war das in 84 Prozent der Fall. Dabei haben alle 714 Beiträge eindeutig gegen Richtlinien der Netzwerke verstoßen.

Besonders selten gingen die Netzwerke gegen antisemitische Aussagen vor, die gängige Verschwörungen bedienten: Sie handelten etwa von „jüdischen Puppenspieler*innen“, bezichtigten George Soros oder die Familie Rothschild einer geheim geplanten „Machtergreifung“.

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Dass auch in Deutschland in den vergangenen Monaten solche und ähnliche Verschwörungen zugenommen haben, zeigt das Projekt „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern“.

In der Untersuchung des CCDH fanden sich zudem zahlreiche Holocaustleugnungen, ein in vielen Ländern strafbarer Tatbestand. Vier von fünf dieser Beiträge blieben von den sozialen Netzwerken unangerührt und damit weiterhin online.

Am wenigsten reagiert hat Facebook, das nur in knapp elf Prozent der Fälle aktiv geworden ist – obwohl das Unternehmen seit vergangenen November angepasste Richtlinien eingerichtet hat mit dem Ziel, härter gegen antisemitische Beiträge vorzugehen.

Vom Versagen, die Nutzer*innen zu schützen

Auf Rang zwei folgt Twitter, das nur elf Prozent der Beiträge sanktioniert oder gelöscht hat. Instagram und Tiktok reagierten bei rund 18 Prozent, Youtube bei 21 Prozent.

Die CCDH-Untersuchung mit dem Namen „Failure to Protect“ hat auch herausgefunden, dass die Netzwerke ihre Nutzer*innen nicht davor schützt, direkt antisemitisch angegriffen zu werden. Drei aus vier antisemitischen Direktnachrichten oder Kommentare haben keine Folgen für die Absender*innen. In nur wenigen Fällen kam es zu einer Sperrung.

Vorschlag: finanzielle Strafen

Das CCDH fordert deshalb Verbesserungen, die vor allem in finanziellen Sanktionen für die Netzwerke bestehen. Damit sollen sie zu besserer Moderation gezwungen werden und mehr Augenmerk auf Schulung und Unterstützung der Mitarbeitenden, die antisemitische Inhalte erkennen und diese entsprechend bestrafen sollen, legen.

Denn, so erklärt das CCDH, das Problem liege nicht in Algorithmen, die für die Erkennung oder Löschung solcher Inhalte zuständig seien. Auch nachdem antisemitische Inhalte gemeldet würde – das löse eine Prüfung durch Mitarbeitende der Netzwerke aus – blieben sie trotzdem online stehen.

Zusätzlich empfiehlt das CCDH auch die konsequente Sperrung antisemitischer Konten und Gruppen, in denen antisemitische Beiträge geteilt werden.

Reaktionen ohne Einsicht

Die New York Times, die zuerst über die Veröffentlichung berichtet hat, erfragte zwischenzeitlich auch die sozialen Netzwerken um eine Einordnung der Studien-Ergebnisse. Eine Sprecherin Facebooks sagte, es gebe zwar Fortschritte im Kampf gegen Antisemitismus, die Arbeit sei aber nie beendet. Twitter ließ verlauten, dass in dieser Angelegenheit noch „vieles zu tun sei“. Tiktok wolle weiter daran arbeiten, die Plattform für alle Nutzer*innen sicherer zu machen und Youtube habe in den vergangenen Jahren bereits erhebliche Fortschritte im Kampf gegen Hassrede verzeichnet – diese Arbeit solle fortgesetzt werden.

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