Unterwegs im Mercedes 300 SE (W126)

feedback@motor1.com (Roland Hildebrandt)
Mercedes 300 SE W126

Die vieleicht schönste S-Klasse aller Zeiten wird 40 Jahre alt

40 Jahre alt? Ernsthaft? Dieses Design, welches zu den Meisterwerken von Bruno Sacco gehört? Diese Optik, die den Spagat zwischen Klassik und Moderne so gut traf, das die dazugehörige Baureihe zwölf Jahre lang im Programm blieb? Man mag es kaum glauben, aber es ist so: 1979, ergo vor 40 Jahren, stellte Mercedes die damals neue S-Klasse mit dem internen Code W 126 auf der IAA in Frankfurt vor. Zum runden Geburtstag klären wir die Frage: Wie fährt sich der Luxusliner heute?

Aber der Reihe nach: Im September 1979 präsentiert Mercedes eine neue Generation der S-Klasse. Die Modellpalette der Baureihe W 126 umfasst zunächst sieben Typen; zur Wahl stehen vier Motoren (vom 2,8-Liter-Sechszylinder mit Vergaser mit 156 PS im 280 S bis zum 500 SE mit 5,0-Liter-V8-Leichtmetallmotor, Einspritzung und 240 PS) sowie zwei Karosserievarianten – neben der Normalversion eine verlängerte Variante, wie sie bei den Oberklasse-Limousinen seit Generationen angeboten wird. Die Vergrößerung des Radstands ist diesmal mit 140 Millimetern deutlicher als sonst ausgefallen.

Alter Mercedes-Luxus im Test:

Bei der Entwicklung der neuen Baureihe stehen neben der Erhöhung des Fahrkomforts und der Sicherheit vor allem Maßnahmen zur Verringerung des Energieverbrauchs im Vordergrund. Die Ölkrise von 1973 hat die Verantwortlichen bei Daimler-Benz wachgerüttelt. Zum Glück, denn genau im Premierenjahr 1979 des W 126 treibt eine zweite Ölkrise die Spritpreise in die Höhe, die magische Grenze von einer Mark fällt. Zwar tangiert das Käufer der S-Klasse weniger, doch bei Mercedes muss man stärker auf den Flottenverbrauch achten. (Aus diesem Grund erscheint 1982 der 190, doch das ist eine andere Geschichte ...)

Die Verwendung von gewichtsreduzierenden Materialien und der geringe Luftwiderstand der im Windkanal optimierten Karosserie (cW=0,36, im Vergleich zu cW=0,41 bei der Baureihe W 116) verhelfen der neuen S-Klasse zu einem gegenüber den Vorgängermodellen um 10 Prozent reduzierten Kraftstoffverbrauch. Für den Export in die USA wird auch vom W 126 wieder eine Diesel-Ausführung produziert. Der Typ 300 SD Turbodiesel bietet wie sein Vorgänger einen aufgeladenen 3,0-Liter-Fünfzylinder, dessen Leistung allerdings um 10 PS auf 125 PS erhöht wird.

Plastik statt Chrom

Für manchen Betrachter schockierend: Erstmals hat ein Mercedes-Pkw keine Stoßstangen im klassischen Sinn, sondern stattdessen großzügig dimensionierte, kunstoffummantelte Stoßfänger, die in Bug- und Heckschürze nahtlos integriert sind. Eine optische Verbindung zwischen Bug- und Heckschürze bilden breite seitliche Schutzleisten aus Kunststoff, die zwischen den Radausschnitten auf Höhe der Stoßfänger angeordnet sind. Besonders mit Radkappen (ja, damals konnte eine S-Klasse so etwas noch haben) wirkt der W 126 etwas ärmlich.

Doch der Rest der Limousine macht das locker wieder wett: Chefdesigner Bruno Sacco kleidet den 126er äußerst gelungen ein. Sowohl Länge als auch Höhe sind gegenüber dem Vorgänger ungefähr gleich, doch in der Breite wird die neue S-Klasse um fünf Zentimeter schlanker. Dadurch und durch den Chromverzicht wirkt der W 126 ungleich schlanker. Zudem altert er so wesentlich langsamer als sein Vorgänger, dessen Lametta-Behang schon 1979 aus der Zeit gefallen zu sein scheint. 

Mercedes C 126

Ein Coupé kommt dazu

Im Herbst 1981, zwei Jahre nach ihrem Debüt, wird die Baureihe W 126 anlässlich der Frankfurter IAA um eine elegant gezeichnete Coupé-Ausführung ergänzt, die nur mit Achtzylindermotoren lieferbar ist. Vier Jahre später geschieht eine umfangreiche Modellpflege, so dass im September 1985, wiederum auf der IAA in Frankfurt, ein komplett überarbeitetes Typenprogramm der S-Klasse vorgestellt wird. Die Optik wird zum Glück dezent überarbeitet, was primär die Stoßfänger und den Flankenschutz (die berühmten Sacco-Bretter, eine Bezeichnung, die Herr B. nicht gerne hört) betrifft, aber auch die Räder, die von 14 auf 15 Zoll umgestellt werden. Richtig gelesen: 15 Zoll! Heutiges VW-Up-Format auf einer S-Klasse. Wie die Zeiten sich doch ändern.

Und es gibt neue Motoren: Zwei neu konstruierte Sechszylinder-Aggregate, die in der Mittelklasse-Baureihe W 124 neun Monate zuvor ihren ersten Auftritt hatten, ersetzen den altbewährten 2,8-Liter-Motor M 110: Anstelle der Vergaser-Ausführung kommt nun ein 2,6-Liter-Einspritzer zum Einsatz, während das parallel entwickelte 3,0-Liter-Aggregat die Nachfolge der Einspritzer-Variante des M 110 antritt. Mit genau so einem 300 SE, eiem späten Modell von 1990, bin ich unterwegs: Seine weiße Lackierung lässt ihn noch unauffälliger wirken als seine 126er-Geschwister, innen treffe ich auf dunkelblaue Velourssitze. Bemerkenswert ist der lichte Aufbau mit großen Seitenfenstern. Kein Vergleich zu heutigen Schießscharten-SUVs.

Das schlichte Armaturenbrett wird zwar durch viel Holz aufgewertet, doch es versprüht trotzdem ein wenig 200-D-Taxiflair. Maximale Sachlichkeit ist Trumpf, Mitte der 1980er-Jahre überließ Mercedes den meisten Elektronik-Spielkram noch der Konkurrenz. Gut so, denn im W 126 finden sich Augen und Hände sofort problemlos zurecht. An klassischen Analoganzeigen mangelt es nicht, inklusive der von Fans geliebten Öldruckanzeige. Doch der Erstbesitzer dieses 300 SE gönnte sich Luxus: An Bord sind mit der Klimaautomatik und dem Becker-Radio zwei damals sündhaft teure Extras. In einem der ersten W-126-Prospekte hieß es: "In einem Mercedes der S-Klasse fühlen Sie sich unterwegs zu Hause, nicht bloß untergebracht." Das kann ich nur unterschreiben ...

Mercedes 300 SE W126

Das rollende Wohnzimmer

Ich räkele mich im Fahrersessel (das Wort "Sitz" trifft es einfach nicht) und greife ins relativ große Lenkrad. Viel Spiel hat es, das merke ich schnell. Nun den Wählhebel der Viergang-Automatik durch die Gasse gezogen und auf "D" gestellt. Los gehts! Kultiviert schiebt der mit Katalysator 179 PS starke Reihensechser voran, die Stimme muss er kaum erheben. Zwar liegen bei Tempo 100 schon 3.000 Umdrehungen an, doch der 300 SE bleibt leise. Man fühlt sich sicher und geborgen, nicht nur aufgrund der Tatsache, dass der W 126 bereits anno 1981 den Fahrerairbag als Premiere in der Aufpreisliste hatte. (Der Luftsack für den Beifahrer folgte 1988.)

Es liegt an der Mischung: Einerseits noch rollendes Wohnzimmer, wenngleich nicht derart amerikanisch angehaucht wie der W 116. Andererseits eine fühl- und sichtbare Modernität, aber noch weit weg vom Elektronik-Overkill des Nachfolgers W 140. Die Kollegen der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ brachten es am 24. Mai 1986 für den Mercedes 300 SE auf den Punkt: „Einem auf Kurs gesetzten Schiff ähnlich zieht der 300 SE seine Bahn. Bodenunebenheiten schlucken Federn und Dämpfer mit größter Souveränität. Kein anderes Auto macht aus Stahl und Gummi mehr Komfort. Mit dem großen Lenkrad kann man das Auto ganz behutsam in die Kurven setzen, man kann es aber auch vergnügt in Biegungen hineinwerfen. Es macht alles mit. Das Fahrwerk weist ungewöhnlich hohe Sicherheitsreserven auf.“

Mercedes 500 SE Vatikan

Papst-Limousine und Stückzahlrekord

Apropos Sicherheitsreserven: Von den Achtzylindermodellen des W 126 wird werksseitig eine sondergeschützte Ausführung angeboten. Insgesamt wird die stattliche Zahl von 1465 Exemplaren produziert. Eine Besonderheit bilden zwei Fahrzeuge vom Typ 500 SEL, die mit einem um 200 Millimeter verlängerten Radstand und einem um 30 Millimeter erhöhten Dachaufsatz aufgebaut werden. Das erste Exemplar, das im Januar 1983 fertig gestellt wird, ergänzt den werkseigenen Mercedes-Fuhrpark um ein weiteres Repräsentationsfahrzeug, welches wie der 600 für Staatsbesuche vermietet wird. Das zweite Exemplar wird nach den Wünschen des Vatikan für den Heiligen Vater angefertigt und im August 1985 an Papst Johannes Paul II. übergeben.

Als Nachfolger der Baureihe W 126 werden im März 1991 auf dem Genfer Automobil-Salon acht Limousinen der Typenreihe W 140 vorgestellt. Obwohl die Serienfertigung der neuen Modelle bereits einen Monat später beginnt, wird auch die Produktion der Limousinen der Baureihe 126 für den Export noch einige Zeit aufrechterhalten. Die Fertigung der meisten Varianten endet zwischen August und Oktober 1991, die letzten Exemplare in Sonderschutz-Ausführung werden dagegen erst im April 1992 fertig gestellt. Insgesamt verlassen innerhalb des zwölfjährigen Produktionszeitraums 818 036 Limousinen die Produktionshallen in Sindelfingen, davon 97 546 mit Dieselmotor. Die Typenreihe W 126 ist damit die erfolgreichste Oberklasse-Baureihe in der Geschichte des Unternehmens. Ein Erfolg, der bis heute anhält: Der 126er steht bei Freunden des alten Blechs hoch im Kurs, die Talsohle bei den Preisen ist lange vorbei. Mit Glück erzielt man aber in der Nachbarschaft den einen oder anderen Treffer: S-Klassen mit Basismotor und wenig Ausstattung, die sich ältere Herrschaften gönnten.