US-Eingriff in Syrien: Donald Trump macht sich selbst zum Feldherrn

Trump scheint keinen geostrategischen Plan zu verfolgen.

Der schmale Tisch steht schräg zum Blickwinkel des Fotografen. Auf der linken Seite sitzt sichtlich angespannt der Präsident. Um ihn herum drängen sich ein Dutzend Berater, darunter der Vizepräsident und die Außenministerin, und starren auf einen Bildschirm.

Das berühmte Foto ist knapp sechs Jahre alt. Es zeigt angeblich, wie Barack Obamas engstes Sicherheitskabinett im Situation Room, dem abhörsicheren Krisenzentrum des Weißen Hauses, über Satellit die Tötung des Terroristenführers Osama bin Laden durch ein US-Spezialkommando im 12 000 Kilometer entfernten Pakistan verfolgen.

Ähnlichkeiten zu Barack Obamas Beraterstab

Am Wochenende verschickte Sean Spicer, der Sprecher des Weißen Hauses, eine verblüffend ähnlich konstruierte Aufnahme. Man könnte glauben, der Fotograf habe seit jenem 2. Mai 2011 sein Stativ nicht verrückt: dieselbe Perspektive, ein im gleichen Winkel aufgestellter Tisch, eine dicht gedrängte Beraterrunde um den Präsidenten, die auf einen Fernsehschirm blickt.

Die Parallelen zwischen den beiden Polit-Hagiographien sind frappierend. Nur ist der Präsident auf dem zweiten Dokument blond und heißt Donald Trump. Das Foto wurde am Donnerstag gegen 21.15 Uhr amerikanischer Ortszeit in Florida aufgenommen – kurz nachdem zwei amerikanische Kriegsschiffe 59 Lenkraketen auf eine syrische Militärbasis abgefeuert hatten.

„Meine amerikanischen Landsleute“, wandte sich Trump eine halbe Stunde später an die Öffentlichkeit. Der syrische Diktator Baschar al-Assad habe einen furchtbaren Giftgaseinsatz gegen unschuldige Zivilisten angeordnet. „Kein Kind Gottes sollte eine solche barbarische Attacke erleiden.“ Deshalb habe er einen gezielten Militärschlag angeordnet. Trump, der sich sonst gerne in Satzfetzen und mäandernden Gedankengängen verliert, sprach klar und präzise. Viele Kritiker staunten.

Erstmals, urteilen Beobachter in den USA, habe man den Milliardär und Reality-TV-Moderator als Präsident erlebt. Dass der Populist, der den Wahlkampf mit der nationalistischen Parole „America first“ bestritten hatte, seine Ansprache mit Segenswünschen „für die ganze Welt“ beendete, wirkt wie eine ganz besondere Pointe.

Trump sprach sich vorher gegen einen Eingriff aus

Hatte nicht Trump vor dreieinhalb Jahren, als Assads Regierungsarmee erstmals Giftgas einsetzte und Hunderte Menschen brutal ermordete, eine regelrechte Twitter-Kanonade auf „unseren sehr dummen Anführer“ abgefeuert und Obama davor gewarnt, Syrien anzugreifen? „Wenn Sie das tun, werden viele sehr schlimme Sachen passieren, und vom Kampf haben die USA nichts!“, mahnte Trump damals.

In den Folgejahren polemisierte er gegen die „betrügerische Hillary“, deren Auslandsengagement die Gefahren für die Heimat nur vergrößert hätten. Nun soll ausgerechnet dieser Isolationist am 77. Tag seiner Amtszeit die Rolle der Vereinigten Staaten als Weltpolizei neu beleben?

Die Motivsuche ist schwierig und spekulativ. Hat Trump nach dem Giftgaseinsatz in der syrischen Stadt Chan Scheichun ein ganz besonderes Damaskuserlebnis gehabt? Oder inszeniert er sich mit zynischem Kalkül als Feldherr, um von seinem desaströsen innenpolitischen Fehlstart abzulenken?

Trump arbeitet sich an Obama ab

Der Verdacht ist unerhört, aber Trump...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung

Mit Yahoo Nutzung stimmen Sie zu, dass Yahoo und Partner Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen