US-Justiz: 20-jähriger Räuber wird zu 162 Jahren Haft verurteilt

Fast 162 Jahre Gefängnis – dieses Urteil zu einem Leben hinter Gittern erhielt ein 20-Jähriger im US-Staat Florida jüngst für eine Reihe von Raubüberfällen. Dabei war Quartavious Davis Ersttäter und er verletzte niemanden bei seinen Taten. Das Prinzip des „Stacking“ im US-Rechtssytem macht es möglich – dabei werden die Strafmaße für jedes seiner Verbrechen addiert. In den USA wird nun diskutiert ob das noch verhältnismäßig sei, auch angesichts berstend voller Gefängnisse.

„Meine erste Straftat, und sie geben mir eine so lange Haftstrafe“, sagte der 20-jährige Afroamerikaner im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. „Genauso könnte man jetzt sagen, ich sei tot.“ Der junge Mann ist immer noch geschockt von dem Strafmaß, das ein Gericht in Florida für seine Straftaten verhängte: Für sieben bewaffnete Überfälle erhielt er 1941 Monate, fast 162 Jahre – ohne Bewährung. Zu den Zielen seiner Überfälle zählten Fastfood-Restaurants, eine Apotheke und andere Geschäfte in der Region Miami, wie die Nachrichtenagentur berichtet.

Als Anführer der Bande wurde Davis vor Gericht demnach nicht identifiziert - eher galt er als "odd man out", als Außenseiter. Seine drei Komplizen haben gegen Davies ausgesagt und dafür verkürzte Strafsätze von neun bis 22 Jahren Haft erhalten – eine Möglichkeit der Strafmilderung, die Davies nach eigener Aussage nicht angeboten wurde. Die Beweislage ist schwierig: Wie Gerichtsdokumente laut reuters zeigen, basierte der Prozess gegen ihn in erster Linie auf den Aussagen seiner Komplizen. Denen zufolge habe Davies eine Waffe gehabt und diese auch bei zwei Überfällen eingesetzt: Einmal habe er auf einen Hund geschossen, der sie verfolgt habe. Das Tier blieb unbeschadet.

Schüsse fielen auch vor einem Wendy’s-Fastfood-Restaurant in Miami. Als Davis nach dem Raub mit drei Komplizen zum Fluchtauto rannte, kam es zu einem Schusswechsel mit einem bewaffneten Kunden des Restaurants. Der Mann habe dabei einen von Davies‘ Komplizen in die linke Pobacke getroffen. Ob es Davies war, der auf ihn geschossen habe, konnte der Mann vor Gericht nicht genau sagen. Er wurde bei dem Gefecht nicht verletzt. Außer den Aussagen der Komplizen gibt es keine weiteren Berichte darüber, ob Davies eine Waffe eingesetzt hat.

Stacking: Aus Ersttäter mach „Gewohnheitsverbrecher“

Auch dass er Ersttäter ist und vorher nie mit dem Gesetz in Konflikt kam, hat dem jungen Afroamerikaner bei dem Prozess nicht geholfen. Denn bei der Urteilsfindung wurde das in den USA umstrittene Prinzip des „Stacking“ angewandt: Jede Straftat von Davies wurde einzeln gezählt, so dass er nicht als Ersttäter, sondern als Gewohnheitsverbrecher verurteilt wurde. Für sechs seiner Einbrüche erhielt er 25 Jahre, für einen zwölf Jahre.  

Auch das junge Alter des Kriminellen wurde nicht in Betracht gezogen. Erst jüngst hat das höchste Gericht in den USA, der US-Supreme Court, hier eine wegweisende Entscheidung getroffen: Lebenslange Haftstrafen für Jugendliche unter 18 ohne Bewährung seien verfassungswidrig. Pech für Davis: Ende 2010, als er seine Verbrechen beging, war er bereits über 18.

Davies kommt aus Gould, einem der ärmsten Viertel von Süd-Miami – fast 80 Prozent der Einwohner sind Afroamerikaner, 15 Prozent hispanischer Herkunft, fünf Prozent Weiße, fast jeder zweite lebt unter der Armutsgrenze. Davis war ein High-School-Abgänger und arbeitslos, zur Zeit seiner Inhaftierung lebte er von 674 US-Dollar im Monat. Bei ihm wurden eine manisch-depressive Störung sowie eine Lernschwäche festgestellt.

Nicht nur aufgrund des aktuellen Falls wird in den USA erneut die Frage der Verhältnismäßigkeit bei vielen Urteilen gestellt. Die USA haben die höchste Inhaftierungsquote der Welt: Fast ein Viertel der Weltbevölkerung hinter Gittern sitzt in den Staaten ein, die meisten unter ihnen Afro-Amerikaner. Florida hat den Ruf, besonders aggressiv zu verurteilen: So ist es etwa der US-Staat, in dem die meisten Minderjährigen eine lebenslange Haft verbüßen für Straftaten geringer als Mord. Jüngst wurde hier eine Afroamerikanerin zu 20 Jahren Haft verurteilt, die zwei Mal in die Luft geschossen hatte – weil sie sich gegen ihren gewalttätigen Mann wehren wollte.

Seit den späten 1980er Jahren gibt es in den USA das Prinzip der „Mandatory Minimum Sentences“, das sind Mindeststrafen, die bei bestimmten Verbrechen verhängt werden müssen. Hierzu zählen Gewaltverbrechen wie Raubüberfälle mit Schusswaffen, auch wenn die Waffe nicht zum Einsatz kommt. Experten zufolge kam es seit der Einführung dieser Strafsätze zu einem 800-fachen Anstieg der inhaftierten Bevölkerung. Die „US-Sentencing-Commission“, ein Gremium das die Fairness und Angemessenheit der Strafsätze im US-Rechtssystem überprüft, kam jüngst zu der Auffassung, dass die Mandatory Minimum Sentences eine abschreckende Wirkung haben und die Bevölkerung vor künftigen Straftaten der Verbrecher schützen. Das Prinzip des Stacking kritisierte die Kommission jedoch: Es sei verantwortlich für „unverhältnismäßig schwere und ungerechte Strafmaße“.

















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