Mit Vincent Moissonnier unterwegs durchs Agnesviertel : „In Köln ist alles möglich“

Der Kölner Franzose zeigt uns sein Viertel.

Morgens um 9 Uhr wirkt das Zwei-Sterne-Restaurant in seiner Umgebung, als wäre es Teil einer wilden Collage. Trinkhallen, die auch Telefonkarten und Deos verkaufen, ein Reisebüro (Flüge nach Erbil) und die Spielhalle „777“ säumen das „Le Moissonnier“, hoch dekoriert vom „Michelin“ und anderen Gourmet-Führern. Um diese frühe Zeit, Stunden vor dem Eintreffen der Mittagsgäste, stehen die Stühle hochkant an den Tischen, mit den Stuhlbeinen zur Decke. Im Gastraum mit seinem honig- und messingfarbenen Interieur sieht es aus wie an Deck eines verlassenen Passagierdampfers.

Bewegung im Raum entsteht allein durch den Patron. Vincent Moissonnier nimmt Blätterteig entgegen und Brot. Er telefoniert, lässt die Männer von der Müllabfuhr durch, die etwas nach draußen schleppen, und nennt diese Zeit die ruhigste des Tages. Seit fünf Uhr schon ist er auf den Beinen und hat sich um die Einkäufe gekümmert.

Moissonnier vertritt die Spitzengastronomie

Seit drei Jahrzehnten stehen Vincent Moissonnier und seine Frau Liliane an der Krefelder Straße 25 für Kölner Spitzengastronomie. Der 56-Jährige verbringt mehr Zeit an seinem Arbeitsplatz als zu Hause, in einem Vorort. Grund genug, mit ihm durch sein „Veedel“ zu gehen, den eher nüchternen Teil des Agnesviertels.

Anfangs habe er nur ein Bistro betreiben wollen mit Wein und ein bisschen Essen, berichtet er, und streut Erinnerungen ein: an die Schießerei irgendwo gegenüber; die Frauen vorgerückten Alters, die seinerzeit in den Hausfluren saßen und Männern ihre Dienste anboten; an die Gäste, die auf raffiniertes Essen aus waren; und an seinen Küchenchef Eric Menchon, der sich darauf schon bestens verstand.

Wir gehen die Krefelder Straße stadtauswärts. Radfahrer sausen in halsbrecherischem Tempo an uns vorbei. „Fahrradautobahn“ nennt Moissonnier den leicht abschüssigen Radweg. Auf der Straße kontrolliert die Polizei. Köln wirkt hier grau und im unspektakulärsten Sinne urban. Das ändert sich schlagartig, als wir im Haus Nummer 36 den Innenhof betreten: Eine eigene Welt tut sich auf, die der ehemaligen Hansa-Brauerei. Der Grundstoff fürs Bier kam einst über einen unterirdischen Gang aus einer Malz-Fabrik ein paar Häuser weiter. 

Prinzessin der Krefelder Straße

Das historische Industriegebäude wurde von dem Architekten Klaus Müller saniert und restauriert. „Prinzessin der Krefelder Straße“, so tituliert Moissonnier Anna Müller, die Tochter des Hausherrn, scherzhaft. Im gewaltigen Erdgeschoss, wo einst die Braukessel gestanden haben müssen, wird heute gearbeitet, in den oberen Stockwerken gelebt. Noch ein paar persönliche Worte an Anna Müller und wir gehen weiter. Bereits jetzt hat sich der Kölner Franzose als souveräner Veedels-Führer erwiesen, und man ist fast verlegen, leise an seiner Ortskunde gezweifelt zu haben.

Das „Marcellino“ und sein junges sardisches Betreiberpaar sieht Moissonnier gern („liebe Kollegen“). Mit dem Lokal in der Nachbarschaft verbindet er die Erinnerung an „Uns Wäsche Bud“, eine Wäscherei, die in den ersten Jahren auch für das noch junge Restaurant nebenan arbeitete. Den Patron zieht es nun zielstrebig ins „Schaltwerk“. Inhaber Peter Czock löste mit seinem Geschäft für klassische Rennräder vor zehn Jahren einen Beerdigungsunternehmer ab.

Er bezeichnet sich als einen Handwerker alter Schule. Ausbildung noch bei Klöckner-Humboldt-Deutz! Der 55-Jährige baut klassische Rennräder neu auf. Man muss kein Fan sein, um den Anblick seiner leichten Räder zu genießen, die für Charme und Ästhetik vergangener Jahrzehnte stehen. „Je mehr man mit ihm spricht, desto teurer wird es“, witzelt Moissonnier. Sein eigenes Zweirad gibt auch er in Czocks Obhut.

Wir ziehen weiter und kommen an einem gewissermaßen offiziellen Schandfleck vorbei – als erklärtem Bestandteil unserer Tour. Das Haus Krefelder Straße Nr. 46 stehe seit Jahrzehnten leer, berichtet Moissonnier. Er zeigt auf die rot-weiße Baustellen-Absperrung, die Passanten von der bröselnden Fassade mit ihren toten Fensteröffnungen und von den schmuddeligen Garagentoren fernhalten soll.

Das Bauwerk polarisiert

Gegenüber türmt sich die Kirche St. Gertrud auf, vom Architektur-Büro Gottfried Böhm geplant, einem Pionier des modernen Sakralbaus. Mit seiner Betonfassade polarisierte das nüchterne Bauwerk, dessen Grundstein 1963 gelegt wurde. Leider hat die „tiefe Wertschätzung“ für das Gotteshaus, von der die Stadt Köln heute spricht, nicht dazu geführt, dass sich etwas am verwahrlosten Ambiente gegenüber änderte. Vincent Moissonnier, seit 1983 in Köln, erlaubt sich den Hinweis auf sein sakrales Highlight, das der Vollständigkeit halber erwähnt werden soll: „Die Kolumba-Kapelle ist wunderschön und ein spiritueller Ort.“

Wir gehen hinüber zur Weißenburgstraße 10. Dort betreibt Jasmin Autermann ihre Schuhwerkstatt. Das kleine Eckgeschäft steht für vieles, was auch der Restaurant-Chef schätzt – Menschen zum Beispiel, die ernst nehmen, was sie tun. Jasmin Autermann ist so ein Mensch. „Heilerin“, nennt Moissonnier sie, weil sie „seine kranken Schuhe heilt“. Sogar bis zur „Göttin“ bringt Autermann es in Moissonniers Lobpreis, was die Schuhmacherin mit gutmütigem Schmunzeln quittiert. Ihre kleine Werkstatt ist mit historischen Plakaten geschmückt. Utensilien wie Koffer, Taschen, alte Schuhe und sonstige Lederwaren geben ihr ein Flair, als wären hier immer schon Schuhe repariert worden.

Die Leidenschaft für sein eigenes Metier, erläutert Moissonnier, beginne beim Brot, das er aus der einzigen Bäckerei bezieht, die seinen Qualitätsansprüchen genügt („Der Teig geht über viele Stunden auf“). Die Akribie erstreckt sich weiter auf die zum Brot gereichte Butter, auf all die anderen Zutaten und auf den Wein sowieso. Mit vollem Einsatz bei der Sache ist auch sein 16-köpfiges Team. Die Küchen-Crew etwa hantiert bereits früh am Morgen wie in einem Maschinenraum mit hoch konzentrierter Arbeitsatmosphäre. Präzise und durchorganisiert wird die Vorküche erledigt.

Im Grunde sucht der Patron immer den Kontakt zu Menschen, die sich mit ganzem Herzen dem verschreiben, was sie tun. Er verabscheut das Oberflächliche, das Schicki-Micki-Gehabe, den Glamour, den viele mit der Sterneküche verbinden. Er weiß und lebt damit, dass sich hinter dem schönen Schein oft Hässliches wie Eitelkeit, Protz, Geltungssucht verbirgt – oder nur das blanke Nichts.

Abstecher zur Buchhandlung

Den Abstecher zur „Agnes-Buchhandlung“ an der quirligen Neusser Straße hat Liliane Moissonnier uns aufgetragen. Hier kauft sie ihre Bücher. Vor 20 Jahren hat Uli Ortmanns sein Geschäft eröffnet. Er macht einen zufriedenen Eindruck. Konkurrenz durch Amazon? „Nicht wirklich.“ Der Buchhändler reagiert auf den Online-Riesen so gelassen wie der Restaurant-Chef auf andere große Namen der Gastro-Szene. Frau Moissonnier, so viel verrät Ortmanns noch, kauft übrigens gerne Kochbücher.

Wir gehen auf der Neusser Straße in Richtung Ebertplatz. Am zurzeit geschlossenen Traditionslokal „Stüsser“ biegen wir rechts ab in die Aquinostraße, passieren das Bürgerzentrum „Alte Feuerwache“ und Hauswände, die über und über mit knallbunten Graffiti bedeckt sind, ehe wir auf einen Ort stoßen, der „Freude am Essen“ verspricht. So steht es auf der Visitenkarte der Bar und Trattoria „Sant’ Angelo“. Sie wird von Giuseppe und Angelo Di Salvo betrieben.

Seit fast 50 Jahren leben die Brüder aus dem sizilianischen Licata in Köln und wechseln sich in der Küche ab. „Rezepte von Mama“ verspricht Giuseppe. Die Gastrokritik übernimmt der Kollege mit den Michelin-Sternen. Moissonnier preist die Spaghetti des Hauses und den Espresso, den er „amaro“ trinkt, ganz ohne Zucker. „Ich liebe es, wenn es schmerzt.“ Das holzvertäfelte Lokal mit dem braunen Sparkästchen wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, auch den ergrauten Barista mit Krawatte und Weste umgibt ein Hauch Nostalgie. Wie der Kölner Franzose auf die Kölner Italiener aufmerksam wurde? Durch seine Stammgäste. Sie rühmten die herausragende Qualität des Espressos im Sant’Angelo. 

Tour endet an Malzfabrik

Unsere Tour endet in der schon erwähnten ehemaligen Malzfabrik an der Krefelder Straße, direkt gegenüber vom „Le Moissonnier“. Unten im Keller lagern die Weine des Patrons, und von hier aus könnte man unterirdisch bis zum Breslauer Platz hinter dem Hauptbahnhof gelangen, wäre der legendäre Tunnel nicht zugemauert.

Anfang April ist es 30 Jahre her, dass das „Le Moissonnier“ eröffnete. In der einfachen Gegend wurden Wetten abgeschlossen, wie lange es sich mit seinen gesalzenen Preisen halten würde. „Wir haben sie alle überlebt“, sagt Vincent Moissonnier. „In Köln ist alles möglich.“ Ein Satz, der alles Mögliche bedeuten kann – aus dem Mund des Mannes, der ehemalige Revoluzzer ebenso zu seinen Gästen zählt wie prominente Schauspieler und machtbewusste Manager. Für sie alle ist er schlicht „der Moissonnier“....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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