„Vera unterwegs“: Sozial-Porno in unscheinbarem Gewand

Auf einer Road-Tour durch Deutschland besucht Vera Int-Veen Menschen, denen es finanziell schlechter geht als den meisten anderen und schenkt jenen Gehör. Doch geholfen ist ihnen damit nicht. Foto: TVNOW / Andreas Friese

Vera Int-Veen möchte die Menschen hinter der Statistik zeigen, die in Armut leben oder ohne Obdach. Sie will die Gründe zeigen. Stattdessen zerrt sie in „Vera unterwegs“ medien-unerfahrene Menschen vor die Kamera und stellt sie dann bloß.

So lautet das Versprechen von RTL hinter der neuen Sozial-Doku:

„Bildungsarmut, Altersarmut, Obdachlosigkeit, Armut trotz Arbeit oder Kinderarmut – Vera Int-Veen zeigt in ‚Vera unterwegs – Zwischen Mut und Armut‘, wie Armut in Deutschland wirklich aussieht, wer in unserem reichen Land Hunger leidet und weshalb. Sind familiäre und regionale Gegebenheiten, die unsere Jugend prägen dafür verantwortlich, wie sich unser künftiger Lebensweg gestaltet?“

Am Mittwoch nun wurde der erste von zwei Teilen der lange vom Sender angekündigten und beworbenen Sozial-Dokumentation zur Primetime ausgestrahlt – und gleich vorab: Ja, RTL hält einen Teil seines Versprechens. Die Doku zeigt Elend und Armut, Menschen, die sich aufgegeben haben. Und nein, das „warum“ spielt kaum eine Rolle.

Der Inhalt: Als ersten Schauplatz besucht Int-Veen zunächst den Ruhrpott, genauer Duisburg. Weil „Nordrhein-Westfalen die Statistik der Langzeitarbeitslosen anführe“ – solche Sätze spricht Int-Veen vor einem Ortswechsel immer aus dem Off, während Drohnenaufnahmen graue Plattenbauten oder ähnliche Vorurteils-behaftete Viertel zeigen oder im Falle des Ruhrgebiets rauchende Schlote, die es heutzutage ja eigentlich kaum noch gibt. Dazwischen spritzt Int-Veen Schlagworte wie „sozialer Brennpunkt“, „Problembezirk“, „hohe Kriminalität“, stets untermalt von dem, was sich RTL wohl als “Ghetto-Soundtrack” vorstellt: HipHop. Die Erwartungshaltung ist also gesetzt.

Unscheinbare Fragen - verheerende Antworten

In Duisburg angekommen, steuert Int-Veen einen Kiosk an, vor dem zufälligerweise eine Traube „Arbeitsloser“ steht und „Veraaaa“ zur Begrüßung ruft. Nach einem kurzen Schnack lädt sich Int-Veen zu Klaus nach Hause ein: „Kann ich mir das mal ansehen?“ Der unbedarft: „Klar.“

Klaus wohnt mit seiner Frau Bettina in der Platte, Erdgeschoss. Deutschlandflagge und Leuchtketten auf dem Balkon. Klaus, Analphabet, sucht seit zehn bis 15 Jahren Arbeit, seine Antworten schwanken, Bettina ist seit langer Zeit arbeitsunfähig, sie hat zwei neue Hüftgelenke und weitere Gebrechen. Sie bitten Int-Veen ins Wohnzimmer, nehmen auf dem Sofa Platz. Bettina und Klaus und der Hausfreund Dirk (seit 25 oder 30 Jahren keine Arbeit mehr) rauchen viel, trinken Bier.

Dann fragt Int-Veen drauf los: „Was habt ihr die letzten zehn Jahre gemacht? Wie läuft euer Tag? Darf ich mich mal umsehen?“ Die RTL-Kamera tastet in Slow-Motion die schmutzige Küche ab, das Chaos im Schlafzimmer, die Suche Klaus‘ nach dem letzten Amts-Bescheid. Die beiden, die anfangs noch bekräftigen, dass „alles schon irgendwie läuft“, geben bald zu, dass sie privat-insolvent sind. Spätestens hier wird klar: Sie wissen nicht, wo sie reingeraten sind. Bettina wird im Verlauf immer stiller, Klaus, der zeitweise untertitelt wird, weil er so in sich hineinantwortet, blickt nur noch stoisch.

Wer erwartet hat, dass Int-Veen in ihrer Doku einen neuen Blickwinkel eröffnet oder gar Lösungsmöglichkeiten, der wird enttäuscht. Vielmehr kopiert sie sich und ihre jahrelang bekannte wie kritisierte Arbeit selbst: Sie zerrt Menschen, die medien-unerfahren sind, vor die Kamera, zeigt unter dem Brennglas ihr Leben, ihr Versagen, kommentiert es zudem tolldreist: „Wisst ihr, wie viel ihr die Gesellschaft kostet? Ich habe es mal kurz mit dem Handy ausgerechnet: eine halbe Million Euro.“

Dirk und Bettina bekommen im Gegenzug, dass sie ein Kamera-Team in ihr Leben gelassen haben, das ihr Intimstes auf Links dreht und es in die Öffentlichkeit kehrt – „gut gemeinte“ Tipps von Int-Veen: „Mich schockiert nix. Aber bei euch hab ich das Gefühl, es sind immer die anderen Schuld“ oder „so leben muss kein Mensch, das liegt in eurer Verantwortung, ihr lasst alles vergammeln.“ Die Gründe, Entwicklungen, wie es dazu kommen konnte, die haben hier kein Platz. Genauso wenig wie wahres Interesse an den Personen oder Empathie.

#veragate weht durch die Sendung

Zum Abschied fragt Int-Veen, nachdem sie den beiden ihr gesellschaftliches Versagen und das eigene unwürdige Leben vorgehalten hat: „Schafft ihr das? Was macht ihr mit der Rente? Macht euch das nicht Angst?“ Bettina schweigt, blickt zu Boden. Int-Veen, mittlerweile nur noch als zynisch zu bezeichnen: „Ich geb euch einen Tipp: Holt euch Hilfe beim Amt. Ihr könnt es ändern, setzt euch hin.“ Und dann, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: „Gute Besserung.“

So laufen die zwei Stunden „Sozial-Doku“ weiter, mal findet Int-Veen Personen „zufällig“ an den Hot-Spots, wie der Tafel, mal hat sie sich im Vorfeld mit einer Familie verabredet.

Wie sie diese gefunden oder „gecastet“ hat, bleibt unbeantwortet. Dass Int-Veens Team keine Skrupel hat, „Charaktere“ künstlich zuzuspitzen, hat vor drei Jahren bereits Jan Böhmermann aufgezeigt. Für „Schwiegertochter gesucht“ hatte er damals zwei Kandidaten eingeschleust und mit versteckten Kameras die Vertragsgespräche mit RTL aufgezeichnet. Obwohl Böhmermanns Darsteller ihre Charaktere bis zur Satire überdrehten, waren trotzdem „vorgegebene Texte“ von RTL Bestandteil des Vertrags, genauso wie eine minimale Vergütung von insgesamt 150 Euro für bis zu 30 Drehtage. Die Kandidaten mussten zudem schriftlich bestätigen, dass sie an keiner geistigen Behinderung litten – wieso, kann man sich nur tiefschwarz ausmalen.

Immerhin: Das sogenannte „Veragate“ hat zur Einstellung der Sendung und zum Wechsel der Produktionsfirma geführt. Dennoch bleiben auch heute Fragen der Sorgfaltspflicht: Wie entlässt das Produktionsteam um Int-Veen die Menschen, nachdem die Moderatorin ihr Leben bloßgestellt hat? Gibt es eine Nachsorge, stehen Psychologen hinter den Kulissen bereit, um die Menschen zu betreuen?

Hilfe findet hier niemand

„Vera unterwegs“ ist Sozial-Porno, er zeigt, in welch prekären Situationen Menschen leben. Etwa Christiane, die vor häuslicher Gewalt und Drogen in ein Abrisshaus zog oder Steffen und Kerstin, denen 300 Euro im Monat bleiben, um sich und ihre beiden Kinder satt zu kriegen und zu leben oder Tim, der nicht zur Schule geht und deshalb in der Jugendarrest-Anstalt landet. Doch das „warum“ bleibt stets auf der Strecke – es gibt kein Beleuchten des Hintergrunds auch kein ernsthaftes Interesse daran. Es gibt keine Aufklärung, wie man die Situation verbessern kann, kein politischer Wille, nur grausam-zynische Kommentare von Int-Veen, wie „du schaffst das“ oder „ich hoffe, der Kampf lohnt sich für dich.“

Die Doku will „Menschen hinter den Statistiken“ zeigen, sie stellt sie aber nur bloß. Auf grausame, voyeuristische Weise. Geholfen ist damit niemand.