Verblüffend ernstes TV-Comeback: Jan Böhmermann wettert gegen Reiche

teleschau
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Jan Böhmermann hat seine fast einjährige Sendepause beendet. Bei der Premiere seines "ZDF Magazin Royale" im Hauptprogramm präsentierte sich der 39-Jährige überraschend unironisch. Böhmermann nahm sich Verschwörungstheoretiker vor und prangerte soziale Ungleichheit an. Mehr Moral war nie.

Seine Krawatte sei in Quarantäne, sagt Jan Böhmermann: "Die war Party machen in Berlin." Es war einer der wenigen Gaga-Gags im "ZDF Magazin Royale". Der 39-jährige Satiriker ist mit seiner neuen Sendung endlich da, wo er seit sechs Jahren hin wollte: im seriösen Hauptprogramm des ZDF. Weg vom Nischenplatz auf ZDFneo. Weg auch von seiner Produktionsfirma bildundtonfabrik. Auf zu neuen Unkenrufen. Böhmi hat dafür mal eben das altehrwürdige ZDF-Kulturschlachtschiff "Aspekte" vom Sendeplatz gekegelt. Im Vorwaschgang läuft mit der "heute-show" ein Quotenbringer. Äußerlich betrachtet beste Bedingungen.

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Doch wegen "fucking Corona" kommt der Applaus vom Band und die Band - immer noch das Rundfunktanzorchester Ehrenfeld - wird per Zoom zugeschaltet. "Moment mal, ich höre euch nicht", gibt Böhmermann zu Beginn den typischen Home-Office-Geplagten. Er sitzt hinter einem handelsüblichen monströs großen Late Night-Schreibtisch. Der Trumm sei "upgecycled aus den nicht verkauften Büchern von Peter Hahne und alten Yogamatten von Petra Gerster", flunkert er. Er bleibt allein dort sitzen und wirkt dabei manchmal noch etwas verloren. Kein Stand-up zum Aufwärmen, kein Beefträger - those days are over.

Jan Böhmermann im "ZDF Magazin Royale": Ernster als je zuvor

Böhmermann meint es jetzt wirklich ernst. "Mein Vorbild ist Gerhard Löwenthal", erklärt er - darauf hoffend, dass unter seinen jetzigen Zuschauern noch einige sind, die sich an den Journalisten und sein "ZDF-Magazin" erinnern, das zwischen 1969 und 1987 ausgestrahlt wurde. Löwenthal machte sich einen Namen durch seine unerbittliche Kritik an Menschenrechtsverletzungen in der ehemaligen DDR. Manchen, auch Linke sahen in ihm einen "verbissenen Fernseh-Agitator", einen konservativen Knochen noch dazu. Er werde, so Böhmermann, "das 'ZDF Magazin Royale' in Löwenthals Tradition fortführen".

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Er "stelle nur Fragen", äffte Böhmermann die mal mehr mal weniger prominenten Verschwörungstheoretiker nach, die derzeit auf Telegram ("das ist was für Leute, denen WhatsApp zu seriös ist") Follower sammeln. Binnen einer Woche hatte der Moderator als "The Real Jan Böhmermann" mehr als 100.000 Follower auf seinem Telegram-Kanal versammelt. Er habe dort "nur Yogi-Tee-Weisheiten" geteilt, so Böhmermann, anders als "der Dinslakener P..mmelfürst" alias Michael Wendler, denn: "Verschwörungstheorien als Fake - das geht echt nicht mehr." Es sei "eben nicht egal, was da alles geschrieben wird, das muss man mal ganz direkt so sagen", wurde Böhmermann ernst. Zuvor hatte der "Hallo Spencer"-Spencer beklagt: "Wir werden alle von einer unbekannten Hand gesteuert!"

Rundumschlag gegen Reiche

Es blieb ernst. Böhmermann teilte in einem Rundumschlag gegen Reiche aus, "die statistisch unsichtbar sind": Gegen Multimillionär Jeff Bezos etwa, dessen Unternehmen Amazon keine Steuern zahlt. Gegen Heinz Hermann Thiele, den größten Einzelaktionär der Lufthansa. Gegen die Klattens und Quandts, diese "reichen Cunts". "Wussten sie, dass sieben der elf reichsten Familien Deutschlands so vermögend sind, weil sie früher mit den Nazis zusammengearbeitet haben?", fragte Böhmermann. Er lachte nicht. "Die ungleiche Verteilung von Gut und Geld ist das Schlimmste, dazu braucht es keine Verschwörungstheorie", sagte er.

Der größte Unterschied zum alten Böhmermann: Der neue Böhmermann kommt aus seiner ironischen Deckung heraus. Er meint vieles von dem, was er sagt, jetzt wirklich ernst. Er wolle mehr Themen setzen, weniger den aktuellen Nachrichten hinterherlaufen, hatte er zuvor erklärt. Das dürfte für die Schenkelklopfer-Fraktion auf dem Sofa gewöhnungsbedürftig sein. Für die hatte sich der krawattenlose aber moralische Böhmermann zum Schluss aber doch noch etwas überlegt: Im Abspann skandierte H.P. Baxxter unterstützt vom Rundfunkorchester Ehrenfeld seinen neuen Hit: "Fuck 2020". Darauf dürften sich alle Fraktionen einigen.

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