„Vererbt“ in Köln-Mülheim: Judith Erb verkauft Brautkleider aus glücklichen Ehen

Die Verkäuferin notiert sich bei jedem Ankauf die Geschichte zum Kleid.

Wenn der Tag, der zum Schönsten im Leben werden sollte, sich rückblickend als Auftakt einer misslungen Allianz erweist, ist das kein Fall für Judith Erb. Im Geschäftsmodell der 35-Jährigen Wirtschaftsingenieurin ist Glück ein unverzichtbarer Bestandteil. Das unterscheidet „Vererbt“ von anderen Läden, in denen man gebrauchte Hochzeitskleider kaufen kann. Judith Erb gibt ausschließlich Brautgewänder aus glücklichen Beziehungen weiter.

Dass die Firmenidee per se in ihrem Nachnamen schlummerte, war ihr vorher gar nicht bewusst: Von Erb zu Vererbt ist es ja nicht weit und nun eine hübsche Doppelsinnigkeit im Logo. Angefangen hatte alles damit, dass Freundinnen sie baten, bei der Brautkleid-Auswahl zu helfen.

Schätze aus den Schränken holen

„Wir waren in verschiedenen Geschäften, und da ist mir erstmal aufgefallen, wie teuer die Stücke sind“, berichtet Erb. Wenn man bedenke, dass solch ein Tausend- oder gar Zweitausend-Euro-Kleid nur einmal getragen werde, stelle sich durchaus die Frage nach einer Alternative, zumal Umfärben selten zum gewünschten Ergebnis führe. Bei näherer Beschäftigung mit dem Thema stellte sie sich vor, wie viele Frauen ihr Hochzeitskleid über Jahrzehnte aufbewahren und demnach also ungeheure Schätze in Kleiderschränken schlummern. „Die müsste man da rausholen“, dachte sie sich.

Sie habe ohnehin ein Faible für alte Sachen, betont Judith Erb und deutet auf das Sofa der Großtante, das bei ihr im Laden steht.

Was heißt Laden? – Der nur 20 Quadratmeter große Geschäftsraum liegt neben dem Bootshaus im Mülheimer Hafengelände. Künftige Bräute, die eines der Modelle probieren, schauen neben dem Standspiegel durch ein bodentiefes Fenster in eine Halle, in der früher Schiffe gebaut wurden oder auf eine Wand, an der alte Hochzeitsfotos hängen. Das hat einen besonderen Charme.

Von Essen nach Köln-Mülheim

Erb, die vor zwei Jahren zunächst in ihrer Essener Wohnung mit dem Verkauf alter Brautkleider begonnen hat und nach wie vor noch einen zweiten Beruf hat, entschied sich im vergangenen Jahr bewusst für diese „Location mit Geschichte“, weil ihre Ware schließlich ebenfalls eine Geschichte kennzeichnet.

Diese hat sie stichwortartig auf Zetteln notiert, die an den Brautkleidern hängen. Zum Beispiel die von Eva-Maria, die aus der DDR stammte und sich während eines Urlaubs am Schwarzen Meer in einen Mann aus dem Ruhrgebiet verliebte. Mit Hilfe eines gefälschten Passes sollte Eva-Maria in die Bundesrepublik kommen. Aus Angst, dass ihr Ost-Dialekt sie verraten könnte, ließ sie sich vor der Zugfahrt reichlich Valium geben, so dass sie ihrem künftigen Glück schlummernd entgegenrollte. Das war im Jahr 1972.

Jedes Kleid hat seine eigene Geschichte

Solch persönliche Geschichten bekommt Judith Erb erzählt, wenn ihr Kleider gebracht werden, die meistens 30, 40 Jahre alt und älter sind. „Die Frauen erinnern sich noch mal ganz intensiv an den Moment. Man sieht das am Strahlen in ihren Augen, das ist so schön!“ Inzwischen hat Erb einen derart großen Fundus, dass sie erstmal keine weiteren Kleider annehmen möchte – oder wenn nur Modelle, die mindestens Größe 40 haben.

„Die Frauen haben damals offenbar deutlich früher geheiratet, was man an den Figuren sieht“, sagt Erb und nimmt zur Demonstration ihr derzeit ältestes Model, ein schlichtes Kleid von 1934 , aus dem Schrank. Es ist allerdings unverkäuflich.

Bei den Kundinnen, die sich für das Vererbt-Prizip entscheiden, handelt es sich selten um Frauen, die sich kein teureres neues Kleid leisten können. Vielmehr gefällt ihnen die Idee, dass mit dem Stoff einen schöne Geschichte verwoben ist. „Sie betrachten das Kleid daher als eine Art Glücksbringer für ihre eigene Beziehung.“ Ein zusätzliches Argument laute: „Wir geben das Geld lieber für einen guten DJ und ein schönes Essen aus, als für ein Einmal-Kleid.“

Vererbt, Auenweg 173/Gebäude 6 im Deutz-Mülheimer Hafengelände. Telefon: 017624641653. Brautberatung nur nach telefonischer Terminabsprache innerhalb der Geschäftszeiten freitags und samstags zwischen 11 und 17 Uhr....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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