Verschleppt Putins Regierung Ukrainer nach Sibirien, um dort neue Millionenstädte aufzubauen?

Russlands Präsident Wladimir Putin.
Russlands Präsident Wladimir Putin.

Es sind martialische Worte, mit denen Sergej Shoigu, enger Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin, die geostrategischen Pläne des Kreml umschreibt: „Die russische Macht wird durch Sibirien wachsen“. Es ist ein Zitat des Wissenschaftlers Michail Lomonosov, mit dem Shoigu seine Ausführungen zum „enormen Potential“ der russischen Fläche einleitet. Das Land sei voller natürlicher Mineralien, Edel- und Seltenmetalle, auch voller seltener Erden. Kobalt, Nickel, Lithium sind derzeit das Gold der globalen Industrie. Sie werden in E-Autos, Drohnen, Schiffen oder Kampffliegern verarbeitet. Konzerne auf der ganzen Welt bezahlen horrende Preise für die knappen Güter.

Bisher liegt das Potenzial Sibiriens allerdings brach, die Industrie ist abgezogen, die Flächen sind weitestgehend entvölkert, räumt Shoigu unumwunden ein. „Heute ist Sibirien das Zentrum der Öl- und Gasförderung. Hier befinden sich die wichtigsten Vorkommen natürlicher Mineralien, Edel- und Seltenerdmetalle. Das wirtschaftliche Potenzial des zentralen Teils Sibiriens, wo es eine optimale Kombination aus Untergrund, Wasser, Waldressourcen, Energie, bedeutendem Wissenschafts- und Industriepotenzial und Verkehrspotenzial gibt, bleibt unentdeckt“, schreibt er in seinem Aufsatz.

Es sind Sätze und Analysen, die man von einem Wirtschaftsminister erwarten würde. Shoigu ist in Putins Kabinett allerdings Verteidigungsminister, der Titel Kriegsminister wäre wohl zutreffender, er organisiert den Überfall auf die Ukraine. Vor diesem Hintergrund ist wohl auch sein Aufsatz zu verstehen, den Shoigu bereits im September vergangenen Jahres aufgeschrieben hat und der in der westlichen Öffentlichkeit kaum aufgefallen ist. Deutsche Sicherheitskreise haben Business Insider auf den Aufsatz aufmerksam gemacht, auch westliche Nachrichtendienste kennen Shoigus Ausführungen aus dem September. Die große Befürchtung lautet: Verschleppt Putins Regierung Ukrainer nach Sibirien zur Zwangsarbeit?

Brisant an dem Aufsatz ist die Ankündigung des Verteidigungsministers, drei bis fünf neue Städte in Sibirien zu schaffen, die je 300.000 bis eine Million Einwohner haben sollen. Diese Städte sollen in jenen Regionen entstehen, die besonders reich sind an den seltenen Erden und Metallen. So heißt es wörtlich in dem Aufsatz: „Bei einem Treffen mit Vertretern der wissenschaftlichen Gemeinschaft der sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften sprach ich wörtlich über die dringende Notwendigkeit, drei bis fünf wissenschaftliche und industrielle Zentren in Sibirien mit einer Bevölkerung von 300.000 bis 1 Million Menschen zu bauen“. Weiter schreibt Shoigu: „Sie müssen nur zu neuen Anziehungspunkten sowohl für die Bevölkerung ganz Russlands als auch für unsere zahlreichen Landsleute in den GUS-Staaten und im Ausland werden.“

Wenig später im Aufsatz schreibt Shoigu, dass er sich auch den Zuzug von Menschen aus der Ukraine wünschen würde. Dem Land also, das er und sein Militär ein halbes Jahr später überfallen sollten. Zwei Monate nach dem russischen Überfall auf die Ukraine sind mittlerweile hunderte Ukrainer von russischen Militärs tausende Kilometer nach Sibirien gebracht worden, in die Region Chabarowsk, in der eine dieser Städte entstehen soll. Das erfuhr Business Insider aus Kreisen westlicher Geheimdienste. Eine einfache Recherche russischer Nachrichtenseiten hätte aber auch gereicht, denn die Kreml-nahen Medien berichten seit mehreren Wochen immer wieder von so genannten Flüchtlingen, die aus der ukrainischen Hafenstadt Mariupol nach Chabarowsk „geflohen“ seien. Mariupol wurde besonders hart vom russischen Militär attackiert.

Es sollen aber auch Ukrainer aus den Regionen Donezk und Lugansk sein, die in die sibirische Provinz "geflohen" sein sollen . So berichtete etwa die russische Nachrichtenseite „dvnovosti“ am 22. April: „In einem Sonderzug kamen 311 Flüchtlinge aus der Ukraine, den Volksrepubliken Donezk und Lugansk (der Kreml hat die besetzten ukranischen Gebiete als Volksrepubliken deklariert, Anm. d. Red) im Chabarowsk-Territorium an“.

Unter den Ukrainern seien Angestellte der metallurgischen Unternehmen von Mariupol, etwa Schlosser, Gasschweißer, Kranführer, Monteure, Generalbauer und andere Spezialisten dieser Branche, berichtet „dvnovosti“. Deren Berufsbild passt genau zu dem Arbeitskräftebedarf, den die russische Regierung für den Aufbau der Städte und die Bewirtschaftung der Region braucht. Darunter seien auch noch Übersetzer, Lehrer, Ärzte und Erzieher gewesen, schreibt die russische Nachrichtenseite weiter.

Die russische Nachrichtenseite „MK RU“ berichtet, dass ukrainische Flüchtlinge ganze neun Tage mit dem Zug durch Osteuropa und quer durch Asien gereist seien, bis sie in Chabarowsk angekommen sind. Am 11. Mai berichtet schließlich die russische Nachrichtenseite "regnum", dass mittlerweile mehr als 550 Ukrainer allein in der Region Chabarowsk angekommen seien. Nur zwei Tage vorher soll der Leiter des Nationalen Zentrums für Verteidigungskontrolle Russlands, Generaloberst Mikhail Mizintsev, verkündet haben, dass an nur einem Tag insgesamt 8.700 Ukrainer nach Russland „evakuiert worden“ seien, berichtet "regnum".

Mizintsev soll demnach weiter ausgeführt haben, dass seit Beginn Überfalls auf die Ukraine bereits mehr als 1,2 Millionen Ukrainer nach Russland „evakuiert“ wurden, davon 210.224 Kinder. Westliche Geheimdienste gehen nicht von einer Evakuierung, sondern von Verschleppung aus. Auch die tagelangen Fahrten in die sibirische Provinz und die Region Chabarowsk seien nicht freiwillig passiert, erfuhr Business Insider.

Dieser Artikel erschien am 13. Mai und wurde zuletzt am 14. Mai aktualisiert.

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