Verschwunden in der Finsternis

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Der Tod von Leonard Cohen, dem unvergessenen kanadischen Songwriter-Poeten, liegt am 7. November genau fünf Jahre zurück. (Bild: Dominique Issermann / Sony)
Der Tod von Leonard Cohen, dem unvergessenen kanadischen Songwriter-Poeten, liegt am 7. November genau fünf Jahre zurück. (Bild: Dominique Issermann / Sony)

Mit ihm ging ein großer Künstler von der Bühne: Vor fünf Jahren, am 7. November 2016, starb Leonard Cohen.

"Ich bin - widerwillig - zu dem Schluss gekommen, dass ich sterben werde", sagte Leonard Cohen einige Jahre vor seinem Tod in einem Interview. Es war sicher nicht nur die Gelassenheit des Alters, die aus solch einem Zitat sprach. Denn die Themen seiner Songs wiederholten sich über fast 50 Jahre immer wieder: Es ging immer um Liebe, Sex, Glaube, Ängste und eben um den Tod. So auch auf "You Want It Darker", Cohens düsterem Spätwerk, das im Oktober 2016 erschien. Ein Album wie eine Reise in die Finsternis. Es sollte sein letztes bleiben. Nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung, am 7. November, verstarb die kanadische Songwriter-Legende im Alter von 82 Jahren. Genau fünf Jahre liegt dieser Tag nun zurück, an dem die Welt einen echten Ausnahmekünstler verlor.

"In tiefer Trauer müssen wir mitteilen, dass der legendäre Poet, Songwriter und Künstler Leonard Cohen verstorben ist", postete das Management des Kanadiers in den frühen Morgenstunden des 11. November auf seiner offiziellen Facebookseite. Zu diesem Zeitpunkt war Cohen bereits in der Familiengrabstätte in Montreal beigesetzt worden. Wie später bekannt wurde, starb er infolge eines Sturzes an Blutgerinnungsstörungen, ausgelöst durch seine Leukämieerkrankung. Regierungsgebäude in Montreal setzten die Flaggen auf halbmast, die Musikwelt trauerte lange und ausgiebig. Im Januar 2018, über ein Jahr nach seinem Tod, wurde Cohen für "You Want It Darker" noch mit einem posthumen Grammy gewürdigt.

Auch wenn der Songwriter-Poet dem Leben und seinem Werk stets mit charmantem Understatement und gelassenem Witz begegnete, so waren seine Songs doch auch das Resultat vieler durchlebter Höhen und Tiefen. Seine erste Karriere als Romanautor und Lyriker machte den 1934 in Montreal geborenen Leonard Norman Cohen zwar zum Kritikerliebling, doch seine Arbeit war nicht von größeren Erfolgen gekrönt. Und seine Musik betrachtete der zurückhaltende Dichter ohnehin nur als Zeitvertreib, als Erweiterung seiner Poesie. Diese Haltung änderte sich, als Cohen sich von Dylan-Produzent John Hammond Sr. überreden ließ, ein Album mit seinen Songs einzuspielen. Denn seine Musik war alles andere als gewöhnlich - und fand sofort großen Anklang.

"Ich bin - widerwillig - zu dem Schluss gekommen, dass ich sterben werde", witzelte Leonard Cohen einst über den Tod.  (Bild: Matt Kent/Redferns/Getty Images)
"Ich bin - widerwillig - zu dem Schluss gekommen, dass ich sterben werde", witzelte Leonard Cohen einst über den Tod. (Bild: Matt Kent/Redferns/Getty Images)

Songs von Liebe, Hass und "Hallelujah"

Schon auf seinem Debüt "Songs Of Leonard Cohen" (1967) hörten sich seine sonoren, gravitätischen Lieder nach der Weisheit des Alters an, die junge Folk-Szene legte die Worte des damals "schon" 33-Jährigen auf die Goldwaage. Dabei waren "Suzanne", "Sisters Of Mercy" und "So Long, Marianne", die Klassiker des Debüts, noch vergleichsweise einfach zu rezipierende Songkost. Verglichen mit den folgenden, düsteren Großtaten auf "Songs From A Room" (1969) und der zerklüfteten Jahrhundertplatte "Songs Of Love And Hate" (1971) war die Meisterschaft des kanadischen Weisen noch nicht vollends entwickelt.

Als Songwriter wurde er zum gefeierten Star, dessen Stern aber spätestens Mitte der 70er-Jahre zu sinken begann. Zur gleichen Zeit kämpfte Cohen mit Alkoholproblemen und Drogenmissbrauch. Parallel dazu schien auch sein musikalischer Output immer düsterer zu werden. Über das großartige, aber kommerziell desaströse Album "Various Positions" (1985) - das hier enthaltene "Hallelujah" sollte erst später durch zahlreiche Coverversionen ein moderner Klassiker werden - urteilte ein zeitgenössischer Kritiker, dass man dem Werk doch gleich eine Rasierklinge beilegen sollte, um es Suizidkandidaten einfacher zu machen. All das kam nicht von ungefähr: Cohen litt lange Zeit unter Depressionen ("Damit ist nicht ein schlechtes Date oder ein schief gelaufenes Wochenende gemeint") und begeisterte sich sogar kurzzeitig für die Heilsversprechungen von "Scientology".

Leonard Cohen begegnete dem Tod bis zuletzt mit den Mitteln der Poesie, auch auf seinem letzten Album "You Want It Darker" (2016) spielte das Ende eine gewichtige Rolle. (Bild: Sony)
Leonard Cohen begegnete dem Tod bis zuletzt mit den Mitteln der Poesie, auch auf seinem letzten Album "You Want It Darker" (2016) spielte das Ende eine gewichtige Rolle. (Bild: Sony)

Leonard Cohen und die Frauen

Privat war ihm kein anhaltendes Liebesglück beschieden. Cohen war nie verheiratet. Aus seiner Beziehung mit Suzanne Elrod (im Übrigen nicht die "Suzanne" aus dem gleichnamigen Song) gingen zwei Kinder hervor. Adam Cohen ist ebenfalls Musiker - er war es auch, der 2019 übriggebliebene Fragmente und Skizzen der "You Want It Darker"-Sessions für das posthume Cohen-Album "Thanks For The Dance" zusammenführte. Tochter Lorca arbeitet als Fotografin und ist die leibliche Mutter des Kindes von Songwriter Rufus Wainwright und dessen deutschem Lebenspartner Jörn Weisbrodt. "Angst" und "Feigheit" hätten ihn damals von der Ehe mit Elrod abgehalten, sagte Cohen. Ein Frauenschwarm war er dennoch: Belegt sind kurzfristige Beziehungen mit Rockröhre Janis Joplin, Mode-Fotografin Dominique Issermann und Schauspielerin Rebecca De Mornay.

Eine seiner Affären trieb ihn sogar in den finanziellen Ruin. In den 90er-Jahren hinterging ihn seine Managerin Kelley Lynch und veruntreute fast fünf Millionen Dollar, trotz einer rechtskräftigen Verurteilung konnte Cohen die Summe bis zuletzt nicht zurückerlangen. Mehr noch: 2012 wurde Lynch zu 18 Monaten Haft verurteilt, weil sie den Songwriter über Jahre - trotz eines bestehenden Kontaktverbots - immer wieder belästigt hatte. Cohens Reaktion auf den Richterspruch fiel ungewöhnlich aus: "Es befriedigt mich nicht, eine frühere Freundin an einen Gerichtsstuhl gefesselt zu sehen", sagte er. "Ich bete darum, dass Miss Lynch Zuflucht in der Weisheit ihrer Religion findet, dass ein Geist des Verständnisses ihr Herz vom Hass befreit." Es waren aber Sätze, die in das Bild des späten Cohen passten: Zum Ende hin strahlte der Grandseigneur viel innere Ruhe aus.

Unzählige Male wurden die Songs von Leonard Cohen gecovert - allen voran "Hallelujah".  (Bild: Dominique Issermann / Sony)
Unzählige Male wurden die Songs von Leonard Cohen gecovert - allen voran "Hallelujah". (Bild: Dominique Issermann / Sony)

"Erfolg ist Überleben"

"Nun, das Alter hat sicherlich viel damit zu tun, das muss ich zugeben", sagte Cohen einmal. "Ich weiß nicht, ob das mit Übungen oder Disziplin zu erreichen ist. Ich habe irgendwo gelesen, dass mit zunehmendem Alter gewisse Gehirnzellen absterben, die mit Ängsten zusammenhängen. Vielleicht liegt also alles nur an der Beschaffenheit der Neuronen." In seinem Falle war es aber nicht nur der von ihm selbstironisch kommentierte Verfall des Körpers, der seine Gelassenheit erklärte: 1994 zog sich Cohen in das Zentrum "Mount Baldy" in der Nähe von Los Angeles zurück und lebte dort unter der Anleitung des Zen-Meisters Kyozan Joshu Sasaki fünf Jahre lang als Mönch - er nannte sich damals Jikan - in Abgeschiedenheit.

Über seine Depressionen und deren Überwindung sprach Cohen zuletzt sehr offen. "Das Gefühl zu haben, dass nichts richtig läuft, dass man keine Lebensfreude verspürt, dass alle deine Pläne scheitern, damit war ich sehr vertraut. Aber ich bin froh, dass ich sagen kann: Mit Glück und dank guter Lehrer ist diese Depression - spät in meinem Leben - verschwunden."

Dass er die letzten Jahre seines Lebens im Einklang mit sich und der Welt verbrachte, macht auch eines seiner frühen Bonmots deutlich: 1972 wurde er in der Dokumentation "Bird On A Wire" gefragt, was Erfolg für ihn bedeute. "Erfolg ist Überleben", antwortete der damals 38-Jährige nach langer Denkpause. 40 Jahre später in einem "The Guardian"-Interview darauf angesprochen, erklärte Cohen, dass die Antwort immer noch gelte: "Das reicht mir völlig", sagte er - mit einem Lächeln.

Death of a Ladies Man: Leonard Cohen, hier im Jahre 1980, war auch für aufregende Liebschaften bekannt. (Bild: Evening Standard/Getty Images)
Death of a Ladies Man: Leonard Cohen, hier im Jahre 1980, war auch für aufregende Liebschaften bekannt. (Bild: Evening Standard/Getty Images)
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