Altkunden zahlen für ihre Policen oft zu viel – Wann sich ein Wechsel lohnt

Neues Jahr, neue Vorsätze. Mal wieder den Aktenordner mit den Versicherungsverträgen herauskramen und durchschauen, das steht wohl auf den wenigsten Vorsatzlisten. Sollte es aber – zumindest alle paar Jahre.

Denn nicht nur die Lebenssituation und das Risikobewusstsein ändern sich im Laufe der Zeit. „Gerade bei Sachversicherungen haben die Anbieter in den letzten Jahren ihre Leistungen für Neukunden erhöht, wobei die Beiträge nicht unbedingt teurer wurden.

Altkunden werden auf diese Neuerungen aber nicht hingewiesen“, beobachtet Bianca Boss vom Bund der Versicherten. Das bedeutet, wer seine Verträge im Ordner verstauben lässt, erhält im Schadensfall eine geringere Summe und zahlt dafür unter Umständen sogar eine höhere Prämie.

Dabei zählen Versicherungen ohnehin zu einer der größten regelmäßigen Ausgaben. Der Durchschnittsdeutsche hat im Schnitt fünf Verträge und gibt dafür 2.400 Euro pro Jahr aus, zeigen Daten des Branchenverbands GDV. Am höchsten sind dabei die Ausgaben für private Krankenvoll- und -zusatzversicherungen, dicht gefolgt von den Prämien für die Lebensversicherung (siehe Grafik).

Ein guter Versicherungsmakler überprüft die bestehenden Policen selbstständig regelmäßig und macht Vorschläge zur Optimierung. Wer keinen persönlichen Makler hat, kann auf Online-Angebote wie Clark, Allesmeins, die Versicherungsmanager von Check24 oder Verivox zurückgreifen oder sich selbst darum kümmern.


Ereignisse wie Heirat, Geburt, Hausbau sind klassische Anlässe, seinen Versicherungsschutz anzupassen. „Ein Indikator, wie häufig man seine Policen überprüfen sollte, ist zunächst deren Laufzeit“, meint Marco Adelt, COO und Co-Gründer von Clark. Sachversicherungen liefen oft nur über ein Jahr, bis sie sich verlängern. Wer diese regelmäßig auf den Prüfstand stellt, könne bares Geld sparen.

Im Gegensatz dazu laufen die Verträge für Renten-, Kranken- oder Berufsunfähigkeitsversicherungen oft einige Jahrzehnte lang. Aber auch hier verbessern sich Leistungen, oder die Lebenssituation ändert sich, was Anpassungen notwendig machen kann. Ein Wechsel des Anbieters sollte hier aber nur nach sorgfältiger Abwägung entschieden werden. „Oft ist dies nämlich mit finanziellen Nachteilen für den Versicherten verbunden“, so Adelt, der früher selbst als Makler tätig war.

Die einzelnen Versicherungsarten im Überblick

Das Handelsblatt gibt einen Überblick, welche Leistungen bei den gängigsten Policen zuletzt dazugekommen sind, wo sich ein Wechsel lohnen könnte und wo eher nicht. Wichtig in jedem Fall: „Bevor Sie eine notwendige Versicherung kündigen, sollten Sie den neuen Schutz bereits abschließen“, rät Boss.

Denn die Versicherer sitzen immer am längeren Hebel. Abgesehen von der Kfz-Haftpflicht und der gesetzlichen Krankenversicherung gibt es keine Versicherungspflicht. Das heißt, Anbieter dürfen Kunden ablehnen.

Privathaftpflicht

Hier lohnt sich ein Wechsel sehr oft. Denn bei dieser Police gab es in den letzten Jahren die meisten Leistungssteigerungen, registriert das Vergleichsportal Check24. Die Anbieter passen sich den heutigen Lebenswelten an. „Bei neueren Privathaftpflicht-Tarifen sind nun teilweise Drohnen- und Cyberrisiken mit abgedeckt“, beobachtet Adelt.

Neu ist laut Check24 auch, dass einige Anbieter wie Adam Riese oder VHV Versicherung eine Bestleistungsgarantie bieten. Im besten Fall sucht hier im Schadenfall der Versicherer selbst aktiv nach besseren Leistungen der Konkurrenz und berücksichtigt diese bei der Schadenregulierung. Alternativ muss der Kunde auf bessere Angebote selbst hinweisen und den Anspruch geltend machen.


Gerade Altverträge haben oft sehr niedrige Deckungssummen. Der Bund der Versicherten empfiehlt in seinem Merkblatt aktuell, dass eine gute Haftpflichtpolice Personen- und Sachschäden bis zu einer Höhe von 15 Millionen Euro abdeckt.

Hausrat

Auch hier lohnt sich eine Überprüfung des Altvertrags. „Bei der Hausratversicherung wird bei guten Policen mittlerweile beispielsweise auf die Einrede bei grober Fahrlässigkeit verzichtet“, weiß Adelt. Das bedeutet, dass der Versicherer auch Schäden reguliert, wenn der Kunde beispielsweise Kerzen unbeaufsichtigt hat brennen lassen.

Auch Fahrraddiebstähle werden in den neueren Verträgen umfänglicher abgedeckt, sieht Adelt. Früher gewährten die Versicherer nur einen Schutz für den Zeitraum zwischen 6 und 22 Uhr. Heute ist beispielsweise auch der Klau in der Nacht abgesichert.
Auch ein Schutz vor Elementarschäden wie Überschwemmung kann heute als Tarifbaustein gewählt werden. Dies sei ratsam für alle, die in einem gefährdeten Gebiet wohnen, meint der BDV.

Wohngebäude

Weil das ganze Gebäude deutlich mehr wert ist als ein Hausrat, ist hier noch wichtiger, dass die Versicherungssumme korrekt angegeben ist. Modernisierungen und Anbauten sollten also stets gemeldet werden. Auch hier enthalten Altverträge oft keine Absicherung gegen Elementarschäden.

Kfz-Haftpflicht

Dies ist die einzige Police, bei der die Anbieter selbst jedes Jahr die Werbetrommel rühren, damit Kunden ihre Police überprüfen und optimieren. Tatsächlich lohnt sich das oft. „Die Kfz-Haftpflicht ist über die Jahre immer individueller anpassbar geworden, was in der Regel auch das Preis-Leistungs-Verhältnis verbessert“, so Check24.

Rechtsschutz

Hier ist das Bild uneinheitlich. „Auch hier kommen Leistungen hinzu, im Gegenzug werden allerdings auch Leistungsbausteine gestrichen oder nicht mehr im gleichen Umfang abgedeckt. Das sollten Kunden bei einem Wechsel unbedingt berücksichtigen“, warnt Adelt. Mittlerweile verweigern viele Anbieter etwa Neukunden die Kostenübernahme bei Streitigkeiten rund um einen Widerruf bestimmter Verträge wie Immobiliendarlehen, Lebensversicherungen oder anderen Kreditverträgen.

„Bei neueren Rechtsschutzpolicen können mittlerweile auch Streitigkeiten aufgrund von Datendiebstahl und Internetnutzung oder um einen Studienplatz abgedeckt werden“, ist Check24 allerdings auch aufgefallen. Private Krankenversicherung: Für die private Krankenvollversicherung gilt der Rat: einmal für die richtige entscheiden und dann nur noch in Ausnahmefällen wechseln. Laut Sven Hennig, Makler aus Bergen auf Rügen sei ein Umstieg nur sinnvoll, wenn sich der Bedarf komplett geändert hat.

Zum Beispiel weil ein Selbstständiger schon immer einen hohen Schutz wollte, sich zu Beginn seiner Karriere aber nur einen Basisschutz leisten konnte. Auch wenn eine Gesellschaft mehrmals in Folge stark die Beiträge erhöht, könne man die Reißleine ziehen. Für Vollverträge, die nach 2012 abgeschlossen wurden, können die Altersrückstellungen zu einem neuen Anbieter mitgenommen werden.


„Allerdings muss eine erneute Gesundheitsprüfung gemacht werden, die oft zu höheren Beiträgen führt, und die Fristen für gewisse Leistungen wie Beitragsrückerstattung oder Zuschüsse und Summenbegrenzungen für Zahnersatz fangen neu an zu laufen“, warnt Hennig. Auch bei den privaten Zusatzversicherungen lohne ein Wechsel selten, denn das Leistungsniveau sei seit 20 Jahren nahezu gleich geblieben.

Verbesserungen gab es vor allem beim Service. Bei neuen Policen können beispielsweise Rechnungen per App eingereicht werden, bei einem Krebsbefund wird eine Zweitmeinung gezahlt, oder beim Zahnersatz werden bessere Produkte und Zusatzleistungen erstattet. „Für diese Änderungen lohnt sich ein Wechsel meist nicht, weil hier nicht nur die Fristen neu beginnen, sondern etwaige Altersrückstellungen nicht mitgenommen werden können“, meint der Experte.

Die einzige Ausnahme seien Pflegezusatzversicherungen. „Hier wurden die Leistungen deutlich verbessert, und die Gesundheitsfragen sind überschaubar, so dass sich ein Wechsel oft lohnt“, rät Hennig. Berufsunfähigkeit: Auch hier sollte ein Wechsel wohlüberlegt sein, denn er kann erhebliche Nachteile mit sich bringen. Das größte Problem dieser Policen ist, dass die Kunden vergessen, wichtige Vorerkrankungen oder Behandlungen anzugeben.

Bis zu zehn Jahre nach Vertragsabschluss kann der Versicherer dann die Leistung wegen eines Verstoßes gegen die vorvertragliche Anzeigepflicht verweigern. „Insofern ist es in der Regel überhaupt nur sinnvoll, eine Police zu wechseln, die noch keine zehn Jahre alt ist“, rät Matthias Helberg, Versicherungsmakler aus Osnabrück. Hinzu kommt: Auch wenn ein Vergleichsrechner ein besseres Angebot aufzeigt, heißt das noch lange nicht, dass der einzelne Kunde dies auch bekommt.


Denn jeder Versicherer macht vorab eine Gesundheitsprüfung, und die fällt mit zunehmendem Alter oft schlechter aus, was wiederum die Verträge teurer macht. „Ein Anbieterwechsel ist oft nicht nötig, weil die Verträge oft Nachversicherungsgarantien ohne erneute Gesundheitsprüfung enthalten“, ergänzt Helberg. Bei Hochzeit, Geburt, Immobilienerwerb oder Gehaltserhöhung kann die Leistung beispielsweise jedes Mal angehoben werden. Auch der Wechsel der Berufsgruppe kann Vorteile bringen.

Renten- und Lebensversicherung

Auch hier sollten die Vor- und Nachteile eines Wechsels genau abgewogen werden. Ältere Verträge haben oft einen hohen Garantiezins, an den heutige Policen nicht herankommen. „Einen bestehenden Vertrag zu kündigen ist meist die schlechteste Idee, denn schließlich sind häufig gerade die Kosten abbezahlt, und die Police kann beginnen, Geld anzusparen“, warnt das Portal „Finanztip“.

Wer einen Riester-Vertrag kündigt, muss zudem die gesamte staatliche Förderung zurückzahlen. Bei einem Anbieterwechsel kann die Förderung hingegen mitgenommen werden.