Video dieses angegriffenen Krankenwagens stammt aus Hong Kong aus dem Jahr 2019

Am Jahreswechsel kam es in Deutschland zu Krawallen. In Berlin wurden dabei auch Rettungskräfte angegriffen, eine hitzige Debatte über die Herkunft der Verdächtigen und das Thema Integration in Deutschland entbrannte. Ein aktuell in sozialen Medien geteiltes Video zeigt zwar eine Menschenmenge, die einen Krankenwagen attackiert, hat allerdings anders als behauptet nichts mit der Silvesternacht in Berlin zu tun. Es wurde bei Protesten in Hongkong im Jahr 2019 aufgenommen, wie ein Vergleich mit anderen Aufnahmen belegt. Solche aus dem Zusammenhang gerissene Aufnahmen werden immer wieder benutzt, um ausländerfeindliche Ressentiments zu schüren.

Die Behauptung: In dem Video ist ein Tumult rund um einen Krankenwagen zu sehen. Menschen werfen Gegenstände ins Innere des Fahrzeugs. Die Szene beschreiben Nutzerinnen und Nutzer als Ereignis in der Silvesternacht in der deutschen Hauptstadt Berlin.

Der ehemalige österreichische ÖVP-Politiker Efgani Dönmez griff die Behauptung auf Facebook und Twitter ebenso auf wie die rechtspopulistische AfD Hamburg, die den Clip in einem Video über die Silvesternacht benutzte.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 9. Januar 2023

Nutzerinnen und Nutzer benutzen immer wieder aus dem Kontext gerissene Aufnahmen, um Vorurteile gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen anzustacheln. AFP überprüfte beispielsweise ein der Vergangenheit alte Aufnahmen, die angeblich flüchtende Menschen auf dem Weg nach Deutschland oder Österreich zeigten oder altes Filmmaterial, das ukrainische Flüchtlinge als Brandstifter zeigte.

Video von Protesten in Hongkong

AFP führte zunächst eine ckwärtssuche mit dem geteilten Video durch, die zu einem Clip mit weitaus älterem Veröffentlichungsdatum führte. Der chinesische Staatssender CCTV veröffentlichte die Aufnahme bereits am 18. November 2019 auf Twitter, allerdings mit einer komplett anderen Beschreibung.

Am Morgen des 18. Novembers habe demnach ein "Mob von Randalierern" die Polizei in Hongkong angegriffen. Er habe außerdem einen Krankenwagen attackiert und einer Festgenommenen damit zur Flucht verholfen. Ein Polizist habe drei Schüsse abgegeben. Als Aufnahmeort gibt CCTV die Kreuzung zweier Straßen in Hongkong an. Im Anschluss zeigte CCTV die Szene aus der Vogelperspektive.

Tweet von CCTV vom 18. November 2019, Screenshot vom 17. Januar 2023, Hervorhebung durch AFP

In dem höher aufgelösten Video von CCTV fällt außerdem ein Detail ins Auge, das Zweifel aufwirft. Auf der linken Seite des Krankenwagens sind chinesische Schriftzeichen zu sehen, was nicht zu einer Aufnahme eines Krankenwagens aus Berlin passen würde. Auf dem Fahrzeug stehen die Schriftzeichen für Krankenwagen (救護車), was dem Design von Rettungswägen in Hongkong entspricht. Die Menschen im Video rufen zudem laut – allerdings nicht auf Deutsch.

Das Video wurde außerdem zum selben Zeitpunkt wie CCTV von der Polizei Hongkong auf Facebook veröffentlicht. Aufgrund der Zeitverschiebung von sieben Stunden wird der Beitrag auf Facebook auf den Abend des 17. Novembers 2019 datiert. Die Polizei schreibt dazu, dass sich der Vorfall gegen drei Uhr morgens an einer Straßenkreuzung in Hongkong ereignete. Ein Polizist habe drei Schüsse abgegeben.

Auch die Nachrichtenseite "HK01" veröffentlichte am 18. November 2019 einen Bericht über den Zwischenfall an der Kreuzung. Dazu veröffentlichte sie eine Aufnahme, der die Szene aus der Perspektive der Demonstrierenden festhält. Ein Mann mit orangem Helm und Sicherheitsweste schließt darin bei Sekunde 32 die linke Hecktür des Rettungswagens. Diese Szene kommt auch im aktuell geteilten Video das angeblich aus Berlin stammen soll ab Sekunde 16 vor.

aktuell geteiltes Bild (links) und Aufnahme von "HK01" (rechts) mit Mann in oranger Sicherheitsweste

Im Video sind zudem Menschen zu hören, die auf Kantonesisch schreien. Eine AFP-Journalistin konnte Schimpfwörter verstehen, genauso wie die Aufforderung eines Demonstranten an einen Beamten, eins gegen eins zu kämpfen. In Hongkong ist Kantonesisch Alltagssprache.

Die Nachrichtenseite "Hong Kong Free Press", die intensiv über die Proteste in Hong Kong berichtete, veröffentlichte am 17. November um 21.20 Uhr (18. November um 4.20 Uhr Ortszeit) außerdem auf Twitter den Clip der Szene aus der Vogelperspektive, den auch CCTV verwendete. Darin ist eine um einen Krankenwagen versammelte Menschenmenge zu sehen, die angesichts von Schüssen auseinanderläuft.

Anhand der Merkmale in diesem Video lässt sich der von der Polizei angegebene Ort an der Kreuzung bestätigen. Details wie die Spurbreite, der Straßenverlauf (rote Hervorhebung) oder eine kleine dreieckige Verkehrsinsel (gelbe Hervorhebung) samt blauem Wegweiser stimmen überein.

Screenshots des Tweets von "Hong Kong Free Press" (links) und von Google Maps (rechts), Hervorhebungen durch AFP

Andauernde Proteste in Hongkong

Hong Kong liegt im Südosten Chinas und war früher eine britische Kolonie. Damit galten lange Zeit andere Regeln als in Festlandchina. 1997 gab das Vereinigte Königreich das Land offiziell an China zurück, das Gebiet wurde zur Sonderverwaltungszone erklärt. Unter der von der chinesischen Parteiführung ins Spiel gebrachten Formel "ein Land, zwei Systeme" sollen sozialistische und kapitalistische Gesellschaftsformen unter einem Dach koexistieren können, erklärt die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).

Ab Sommer 2019 kam es in es zu großen Protesten gegen eine umstrittene Gesetzesvorlage, die die Auslieferung von Menschen ans chinesische Festland erlaubt hätte. Viele interpretierten das als Versuch, das Prinzip von "ein Land, zwei System" zu untergraben und sahen es als Symbol für den zunehmenden Einfluss Chinas. In die Proteste gegen das Vorhaben mischten sich zudem Unzufriedenheit über hohe Lebenshaltungskosten, Sorge um die Demokratie des Landes und Wut über das Vorgehen der Polizei. Im November 2019 eskalierten die Lage erneut.

Debatte um Silvesternacht in Deutschland

Die Nacht auf den ersten Januar war in Berlin tatsächlich von teils schweren Ausschreitungen mit Feuerwerkskörpern geprägt. Auch Rettungskräfte und die Polizei wurden angegriffen, zum Teil direkt mit Böllern beschossen. AFP berichtete über die Attacken:

Die Polizei wertet weiterhin Aufnahmen aus, um Verdächtige zu identifizieren. Die allermeisten seien männliche Jugendliche oder junge Männer unter 25 Jahren. Unter ihnen befanden sich sowohl Deutsche als auch Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft.

Im Anschluss an die Neujahrsnacht entbrannte eine hitzige politische Debatte um die Nationalität der Tatverdächtigen. Innenministerin Nancy Faeser (SPD) schaltete sich in ein. Am 4. Januar forderte sie auf Twitter "gewaltbereiten Integrationsverweigerern in unseren Städten" mit "harter Hand und klarer Sprache" die Grenzen aufzuzeigen "ohne rassistische Ressentiments zu schüren". Dass fehlender Respekt vor Rettungskräften Konsequenzen haben müsse, bestärkte sie zwei Tage später erneut. "So ein Silvester darf es nicht noch einmal geben", sagt die SPD-Bürgermeisterin von Berlin, Franziska Giffey, am 6. Januar 2023 in der Feuerwehrwache im Berliner Stadtteil Neukölln. Abgeordnete der Berliner CDU wollten die Vornamen der Verdächtigen erfahren, um Rückschlüsse auf deren Migrationshintergrund zu ziehen.

Das Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMas) ist ein Think Tank, der sich mit Verschwörungsideologien, Rechtsextremismus und Desinformation im Internet beschäftigt. Das CeMas beobachte mehrere aus dem Zusammenhang gerissenen Aufnahmen in der Diskussion um die Silvesternacht. "Die Silvesterdebatte zeigt, wie ein Diskurs mit verkürzten Darstellungen, rassistischen Vorurteilen und Desinformation zu vorschnellen Schlüssen führen kann", schrieb das CeMas am 13. Januar 2013 auf Twitter. "Insbesondere im Rahmen stark emotionalisierender Debatten können solche Desinformationsbeiträge weiteres Öl ins Feuer gießen, bereits vorhandene destruktive Stimmungen verstärken und legitimieren."

Fazit: Die frühere Veröffentlichung des Videos lange vor der Silvesternacht belegt, dass es sich um altes Material handelt. Der Abgleich mit anderen Aufnahmen der Szene sowie mit der Umgebung zeigt, dass sie aus Hongkong aus dem Jahr 2019 stammt.