Nein, dieses Video einer Demonstration in Berlin stammt nicht vom Januar 2022

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Hunderte User haben seit Anfang Januar das Video einer Corona-Demonstration auf Facebook geteilt, welche aktuell in Berlin stattgefunden haben soll. Darin setzt die Polizei Wasserwerfer gegen Demonstrierende ein. Die Aufnahme stammt allerdings nichts aus dem Jahr 2022. Der Clip selbst gibt mehrere Hinweise auf seinen Ursprung im November 2020. Der Vergleich mit Videomaterial von damals sowie die Berliner Polizei bestätigten dies.

Die Falschbehauptung: Im Beitragstext des auf Facebook verbreiteten Videos heißt es, dieses sei "heute in Berlin" entstanden. Der Clip wurde am 8. Januar 2022 um 19:51 Uhr auf die Plattform hochgeladen. Zu sehen ist eine große Menschenmenge, welche sich auf dem Platz des 18. März vor dem Brandenburger Tor in Berlin versammelt hat. Gefilmt wird von einem Dach nördlich des Platzes. Die Aufnahme zeigt einige Fahrzeuge und hinterlassene Gegenstände und Absperrungen auf der Straße. Zwei Wasserwerfer positionieren sich vor der Menge und sprühen auf diese herab.

Eine Stimme beschreibt die Geschehnisse. Die Sprecherin behauptet, es handele sich um eine "friedliche Demonstration", welche mit Wasserwerfern "bekämpft" werde. Weiterhin erklärt sie, die Veranstaltung finde "heute an diesem Tag, wo das dritte Infektionsschutzgesetz wahrscheinlich auch durchgeht", statt. Dadurch seien Grundrechtseinschränkungen zu befürchten. Im Hintergrund ist die Ansage der Polizei zu hören: "Wasser marsch".

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 11.01.2021

Sprecher-Kommentar deutet auf Ursprung des Videos vom 18. November 2020 hin

Mehrere Hinweise aus dem Video deuten darauf hin, dass es sich hier nicht um einen aktuellen Clip einer Demonstration in Berlin handeln kann. Die Sprecherin im Video selbst gibt eine wichtige zeitliche Einordnung: Die Aufnahme zeige demnach einen Protest am Tag der Entscheidung über die dritte Änderung des Infektionsschutzgesetzes.

Tatsächlich fand AFP zu diesem Ereignis eine Mitteilung des Bundestags vom 18. November 2020. Darin heißt es, an diesem Tag sei über ein "drittes Gesetz 'zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite'" abgestimmt worden. Auch ein neuer Paragraf des Infektionsschutzgesetzes (IfSG), welches den Umgang mit meldepflichtigen Krankheiten in Deutschland regelt, sei Teil dieser Abstimmung gewesen. Der Bundestag hatte damals den Gesetzesentwurf angenommen.

Neben der Abstimmung fanden am 18. November 2020 auch Demonstrationen von Gegnerinnen und Gegnern der Corona-Maßnahmen statt. Mehrere Medien berichteten über die Proteste, welche sich am Brandenburger Tor ereigneten (hier, hier, hier). Auch AFP berichtete damals über die Demonstration, bei der Wasserwerfer zum Einsatz kamen:

Weiteres Video belegt Ursprung im Jahr 2020

Bei der Suche nach weiteren Aufnahmen der Demonstration vom 18. November 2020 stieß AFP auf dieses Video von David Claudio Siber, Mitglied des Bundesvorstands der den Querdenker nahestehenden Partei "Die Basis", die die Corona-Maßnahmen kritisiert.

Über seinen Telegram-Kanal dokumentierte Siber damals seine Anreise zu den Protesten in Berlin am 18. November 2020 (hier), machte Aufnahmen der Demonstrierenden vor dem Brandenburger Tor (hier) und fertigte schließlich ebenfalls einen kurzen Redebeitrag von einem nahegelegenen Dach nördlich vom Platz des 18. März an (hier).

Im Video erklärt auch Siber, während der Proteste werde im Bundestag über die "dritte Änderung des Infektionsschutzgesetzes" abgestimmt. Auch einige Hinweise im Bildhintergrund belegen, dass der Clip am selben Tag entstand, wie das aktuell auf Facebook geteilte Video.

So ist hinter Siber ein weißer Transporter zu erkennen, welcher in einer Kurve vor dem Brandenburger Tor mit Blick in Richtung Straße des 17. Juni abgestellt wurde. Direkt hinter dem Fahrzeug sind zwei blaue Flächen auf dem Boden zu erkennen, bei denen es sich offenbar um Planen oder Banner handelt. Diese Anhaltspunkte finden sich auch in dem aktuell geteilten Video wieder und beweisen, dass es von damals stammen muss und damit nicht aktuell ist.

Bild-Vergleich - Screenshot des Facebook-Videos und Screenshot aus Sibers Telegram-Beitrag: 11.01.2021

Der Wasserwerfer-Einsatz ist gut dokumentiert

Über den Einsatz der im Video gezeigten Wasserwerfer am 18. November 2020 berichteten zahlreiche Medien ausführlich (hier, hier, hier).

Auch die Berliner Polizei veröffentlichte zu den Geschehnissen einen Tag später eine Pressemitteilung, die das Datum bestätigt.

Diesen Polizeiinformationen zufolge hätten damals die Missachtung der Hygieneregeln sowie Angriffe auf Polizeibeamte den Einsatz der Wasserwerfer erforderlich gemacht. "Unter den vormaligen Versammlungsteilnehmenden befanden sich mehrere Kinder, sodass von einem direkten Einwirken mit dem Wasserwerfer Abstand genommen werden musste und lediglich ein Sprühregen über die Personen geworfen werden konnte."

Auf AFP-Anfrage erklärte eine Sprecherin der Berliner Polizei am 10. Januar telefonisch, das aktuell auf Facebook verbreitete Video stamme nicht vom Januar 2022. "Wir gehen davon aus, dass es aus dem November 2020 stammt".

Zudem komme ein Einsatz von Wasserwerfern nur sehr selten vor. "Wir können uns seitdem an keine Situation erinnern, bei der die Wasserwerfer eingesetzt worden sind", sagte die Sprecherin. AFP fand auch keine Medienberichte oder andere Anhaltspunkte, die solch einen Einsatz im Januar 2022 belegen würden. Am angeblichen Tag der Demo im Januar 2021 waren am Pariser Platz lediglich kleinere Versammlungen angemeldet, die nicht zur großen Menschenmenge aus dem Video passen.

Fazit: Das aktuell verbreitete Video stammt von Protesten angesichts einer Änderung des Infektionsschutzgesetzes vom 18. November 2020. Mehrere Indizien im Bild, der dokumentierte Einsatz der Wasserwerfer sowie die Bemerkungen aus dem Video können dies belegen. Der Polizei in Berlin ist kein Einsatz von Wasserwerfern in Berlin seit dem 18. November 2020 bekannt.

Unsere Faktencheck-Redaktion wurde über WhatsApp auf das Video der Demonstration aufmerksam gemacht. Sollten auch Sie mögliche Falschinformationen erreichen, wenden Sie sich gerne an unsere WhatsApp-Tipline: +49 172 252 40 54.

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