Warum viele Dermatolog:innen inzwischen von Säuren abraten

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Vor nicht allzu langer Zeit hättest du jede:n Skincare-Expert:in fragen können, welches Produkt oder welchen Wirkstoff er:sie für strahlende Haut empfehlen würde – und neun von zehn hätten dir vermutlich zu einer peelenden Säure geraten. Und ganz egal, ob du dich selbst als Hautpflege-Fan, -Anfänger:in oder irgendwas dazwischen bezeichnen würdest: Von einer dieser Säuren hast du garantiert schon gehört, wenn du sie nicht sogar selbst benutzt. Insbesondere Glykol– (gefeiert für ihre starke Wirkung gegen Pigmentflecken) und Salicylsäure (die Pickel und Mitesser bekämpft) sind echte Favoriten und versprechen reine, glatte, strahlende Haut. Kein Wunder, dass die Säuren daher in beinahe jedem Badezimmerschrank stehen.

Vor allem während der ersten paar Monate der Pandemie waren die Säuren plötzlich überall. Weil wir unsere eigenen vier Wände kaum verließen, sah unsere Haut irgendwann leblos aus, und das ganze Maskentragen sorgte für Akne (oder „Maskne“). DIY-Skincare war groß im Kommen, und jedes TikTok– oder Instagram-Video von Dermatolog:innen pries Säuren als Heilmittel für gefühlt jedes Hautproblem an. Einer Recherche von Cult Beauty zufolge gehörten Salicyl-, Milch- und Azelainsäure zu den meistgesuchten Skincare-Wirkstoffen 2020, während LookFantastic die AHA + BHA Peeling Solution von The Ordinary (eine Kombination aus fünf potenten Säuren) als beliebtestes Hautpflege-Produkt 2021 benannte. Nach zwei Wochen des neuen Jahres legen einige Hautexpert:innen aber in Bezug auf Säuren eine absolute 180-Grad-Wende hin; einige Profis raten ihren Kund:innen sogar komplett davon ab.

Die Risiken falsch verwendeter Säuren

Die Kosmetikerin Alicia Lartey teilte gerade in einer Instagram-Story ihre Meinung zu Brands, die „täglich anzuwendende“ Säuren verkaufen. Ihr zufolge sind diese Säuren viel zu stark, um jeden Tag auf das Gesicht aufgetragen zu werden. Sie erzählt R29, dass vor allem ein edler Peeling-Säuren-Toner (der oft ausverkauft ist) für „so viel Stress“ in ihrer Londoner Klinik verantwortlich ist, da ihre Kund:innen ihn zu oft anwenden und damit ihre Hautbarriere beschädigen. Sie erklärt, dass „over-exfoliation“ – also das übermäßige Peelen – Akne und andere entzündliche Hautprobleme verschlimmern kann. „Ein Anzeichen dafür, dass du mit Säuren überpeelst, ist trockene, dünn aussehende Haut“, sagt sie. „Womöglich fällt dir auch rund um die Nase und den Mund auf, dass sich deine Haut pellt. Bei helleren Hauttönen kann es auch zu Rötungen kommen.“ Alicia erzählt, dass sie schon einige Kund:innen hatte, deren Haut als Konsequenz der Säuren so trocken war und spannte, dass sie einfach abfiel, wenn man sie berührte. Dafür macht sie die Labels einiger dieser Produkte verantwortlich; zahlreiche Marken schreiben beispielsweise „sicher für den täglichen Gebrauch“ auf ihre Labels – obwohl das in Wahrheit nicht die beste oder sicherste Idee für deinen Hauttyp sein könnte.

Alicia ist nicht die einzige Expertin, die sich online über den extremen Einsatz von Säuren in der Hautpflege auslässt. „Peelende Säuren fallen gerade in Ungnade“, bestätigt auch Lisa Harris, Kosmetikerin und Expertin für natürliche Skincare. „Ich schätze, das liegt an ihrem übermäßigen Gebrauch. Einige der Säuren reizen die Haut einfach zu stark. Glykolsäure zum Beispiel kann sehr aggressiv sein und der Haut enorm schaden.“ Wenn die Säure nicht richtig oder zu oft angewendet wird (und gerade Letzteres ist sehr weit verbreitet, meinen Alicia und Lisa), kann das Konsequenzen für deine Haut haben. „Wenn das passiert, wird der Haut ihr natürlicher Talg (sprich: Öl) entzogen und ihr pH-Wert aus dem Gleichgewicht gebracht“, sagt Lisa. Das kann sich dann beispielsweise in Form von verstopften Poren oder sehr trockener Haut zeigen – um nur ein paar der Symptome zu nennen.

Die Dermatologin Dr. Justine Kluk glaubt, dass Säuren sehr wohl ihre Daseinsberechtigung in einer Pflegeroutine für glattere, strahlendere Haut haben – vorausgesetzt, dass sie sorgsam darin eingebaut werden und zum individuellen Hauttyp passen. Sie stimmt aber auch zu: „Weil sich ihr beworbener Nutzen so verlockend anhört, sind die Säuren wahnsinnig beliebt geworden. Diese Beliebtheit hat dann aber wiederum zum übereifrigen, manchmal auch falschen Gebrauch geführt, der bei manchen Anwender:innen gereizte Kontaktdermatitis auslöst – also rote, trockene, juckende Ekzeme.“ Weil Säuren Hautunreinheiten reduzieren, den Teint ausgleichen und einen Glow verleihen sollen, ist es absolut verständlich, dass du womöglich jeden Tag dazu greifst. Aber nicht nur die Häufigkeit des Auftragens kann der Haut schaden – sondern auch, womit wir die Säuren kombinieren.

„Niemand braucht eine zehnteilige Skincare-Routine“, meint Dr. Kluk, die sich für schlichte Hautpflege einsetzt. „In Kombination mit anderen aktiven Wirkstoffen wie Retinol, mit verschiedenen anderen Säuren, bei zu häufiger oder wechselhafter Anwendung kann die Hautbarriere in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Haut wird dadurch empfindlicher – und das kann zu Trockenheit, Rötungen, rauen Stellen, Rissen, Spannungen, Jucken und einer reduzierten Toleranz deiner restlichen Hautpflege führen.“ Es brennt, wenn du die Produkte aufträgst? Das ist ein Zeichen dafür, dass du deine Hautbarriere gereizt hast. Das erlebt Alicia in ihrer Klinik in letzter Zeit häufig, wenn ihre Kund:innen es mit den Säuren übertreiben.

Und obwohl sie nervig sind, sind eine Kontaktdermatitis und stärkere Hautunreinheiten vielleicht die geringsten deiner Sorgen. Vor nicht allzu langer Zeit ging die Geschichte einer Frau viral, die eine beängstigende Hautreaktion auf die Peeling Solution von The Ordinary hatte. Sie schrieb, ihre Haut habe „eitrig, geschwollen und brennend“ reagiert, sich daraufhin gepellt und mehrere schorfige Stellen gebildet. Obwohl die Solution von vielen Hautexpert:innen und TikToker:innen vergöttert wird, enthält das Produkt eine sehr hohe Säurenkonzentration – 30 Prozent, um genau zu sein. In der Notaufnahme wurde dann bestätigt, dass die Frau chemische Verbrennungen erlitten hatte, die womöglich Narben hinterlassen. Und das kann uns allen passieren, wie gerade auf TikTok deutlich wird. Dort erzählen zahlreiche Leute davon, sich durch die Verwendung zu vieler Säuren die Hautbarriere beschädigt zu haben, während viele Kosmetiker:innen und Hautexpert:innen den Trend kritisieren, mehrere säurebasierte Produkte in einer Routine zu verwenden. Lisa zufolge können die Säure-Schäden bis zu drei Monate andauern und der Haut all ihre Nährstoffe und Feuchtigkeit entziehen.

Nicht alle Säuren sind gleich

Dennoch sind viele Säuren – inklusive besonders potenter Versionen – frei verkäuflich und noch immer beliebt, insbesondere in der Online-Skincare-Community. Dr. Kluk meint, dass der Überschuss an Informationen, zu denen wir im Internet und in sozialen Netzwerken Zugriff haben, schnell überwältigend werden kann. „Die Meinungen gehen oft auseinander, und viele Influencer:innen empfehlen diese oder jene Heilmittel, ohne sich damit wirklich auszukennen oder darin ausgebildet worden zu sein. Dadurch basteln sich viele Menschen aus verschiedenen Ratschlägen eine eigene Skincare-Collage. Die Ergebnisse davon sind aber häufig alles andere als wünschenswert.“ Lisa sieht das ähnlich und findet, dass die unzähligen Informationen online (insbesondere zur Kombination von Säuren) mehr Schaden anrichten, als dass sie wirklich nützen. „Das liegt daran, dass die Leute sie verwenden, ohne sich der Stärke und ihrer möglichen Schäden bewusst zu sein“, erzählt sie R29. „Die Kombination aus verschiedenen Säuren sollte nur von Hautexpert:innen verschrieben werden.“

Alicia ist auch der Meinung, dass Skincare-Brands die Schuld an vielen säurebedingten Hautproblemen zu tragen haben. „Es gibt so viele Säuren auf dem Markt, und manche Brands empfehlen ihren Kund:innen, diese täglich zu verwenden – andere wiederum nur einmal wöchentlich. Da fällt es vielen Leuten sehr schwer, ein klares Verständnis einer ausgeglichen Skincare-Routine zu entwickeln. Ich sage immer, dass jede Marke, die dir ein Produkt absurderweise als ‚täglich verwendbar‘ anpreist, dir garantiert auch ein Serum zur Reparatur der Hautbarriere verkauft, um diese Effekte wieder auszugleichen.“ Dr. Kluk ruft Brands daher dazu auf, ganz klar anzugeben, wie viel des Produkts verwendet werden soll, wie die Haut sanft daran gewöhnt werden kann, welche Hauttypen es nicht verwenden oder welche anderen Produkte in Kombination damit besser vermieden werden sollten. Wenn du selbst Zweifel hast, frag auf jeden Fall eine:n Kosmetiker:in oder eine:n Dermatolog:in.

Was du tun kannst, wenn du deine Haut durch Säuren verletzt hast

Dr. Kluk meint, dass sich die Skincare-Diskussion allmählich darauf verlagert, wie wir mit unserer Produktauswahl sanfter zu unserer Haut sein können. Sie empfiehlt, die Säuren zu reduzieren oder ganz aus der Routine zu streichen, wenn deine Haut darauf gereizt reagiert. „Das gibt deiner Hautbarriere die Chance, sich zu erholen“, sagt sie. „Es kann sich ein bisschen wie ein Rückschritt anfühlen – das heißt aber nicht, dass du deine Hautziele dann komplett aufgeben musst. Geh einfach clever vor und setze die Basics so ein, dass sie besser für dich funktionieren.“

Der Fokus liegt nun mehr darauf, die Hautbarriere zu schützen, anstatt sie anzugreifen, erzählt Dr. Kluk weiter, die empfiehlt, eine Routine mit einem sanften Cleanser zu beginnen. „Wenn du dir glatte, strahlende Haut wünschst, ist zum Beispiel die Cetaphil Reinigungslotion (15,99 €) eine gute Wahl, weil sie duftstofffrei, geeignet für empfindliche Haut und nicht-komedogen ist (sprich: die Poren nicht so stark verstopft). Ich rate außerdem dazu, die Haut jeden Tag mit Feuchtigkeit zu versorgen, um die Hautbarriere zu schützen und stärken.“ Sie empfiehlt dazu die Cetaphil Healthy Radiance Day Cream für morgens und die Cetaphil Healthy Radiance Night Cream (beides 17,04 €) für abends. Sonnenschutz ist jeden Tag Pflicht (am besten mit LSF 30 und aufwärts), vor allem, wenn du (auch sanfte!) Säuren verwendest.

Wenn du dennoch nicht auf Säuren verzichten möchtest, solltest du auf die richtigen Wirkstoffe achten. Dr. Kluk und Alicia empfehlen, in Produkte mit Polyhydroxysäuren zu investieren (PHAs, die ein wenig sanfter zur Haut sind), wenn du Alphahydroxysäuren (AHAs, beispielsweise Glykolsäure) nicht so gut verträgst, deine Haut aber trotzdem chemisch peelen möchtest. Wir mögen den PHA Toner von The Inkey List (11,27 €) oder das Press & Glow Tonic von Medik8 (28,45 €) – beides lässt sich unter Moisturizer verwenden. Entscheidend ist es, die Säuren nach und nach in deine Routine einzubauen, zum Beispiel abends, ein- bis zweimal pro Woche. Alicia ist außerdem ein großer Fan von Azelainsäure. „Die ist super für Pigmentflecken, Hautunreinheiten und einen ungleichmäßigen Teint und ist eher sanft.“

Lisa setzt außerdem auf harmlosere Alternativen zu peelenden Säuren, wie Fruchtenzyme. „Die sind eine tolle Alternative“, sagt sie. „Sie lösen tote Hautzellen auf, ohne die Hautbarriere anzugreifen. Außerdem eignen sie sich besser für empfindliche und unreine Haut.“ Versuch’s mit dem ExfoliKate Cleanser von Kate Somerville (39,45 €) oder dem Cicapair Tiger Grass Enzyme Cleansing Foam von Dr. Jart+ (22,95 €). Beide entfernen Make-up und Öl, sind aber nicht aggressiv zur Haut. Lisa gibt dazu manchmal noch einen halben Teelöffel Natron, um abgestorbene Hautschuppen besonders effektiv zu entfernen.

Die Expert:innen sind sich einig: Säuren haben sich ihren Platz in der Skincare-Welt eindeutig verdient – aber es ist wichtig, sie korrekt anzuwenden. Wenn dein Beauty-Budget nicht ausreicht, um eine:n Kosmetiker:in oder eine:n Dermatolog:in um Rat zu fragen, gibt es dafür online jede Menge hilfreicher, vertrauenswürdiger Plattformen. Auf Instagram postet zum Beispiel die Dermatologin Dr. Anjali Mahto regelmäßig verständliche Explainer-Videos und Live-Skincare-Q&As. Dija Ayodele, Hautexpertin und Gründerin von Westroom Aesthetics, hat gerade ihr erstes Buch Black Skin veröffentlich, das einige großartige Tipps zum sicheren Einsatz von Säuren enthält. Und Alicias ehrliche Hautpflege-Herangehensweise auf Instagram ist einfach erfrischend. Im Zusammenhang mit Säuren gibt es aber vor allem eine Faustregel, die du im Hinterkopf behalten solltest: Fang klein an (am besten zuerst mit niedrigen Säurekonzentrationen), und steigere dich langsam. Deine Haut wird dir dafür danken.

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