"Viele ungeklärte Fragen": Wie geht es weiter mit den deutschen Kinos?

Sven Hauberg
·Lesedauer: 4 Min.
Bis große internationale Blockbuster wie der neue James-Bond-Film "Keine Zeit zu sterben" in den Kinos starten, dürfte noch viel Zeit vergehen. (Bild: Universal/Nicola Dove)
Bis große internationale Blockbuster wie der neue James-Bond-Film "Keine Zeit zu sterben" in den Kinos starten, dürfte noch viel Zeit vergehen. (Bild: Universal/Nicola Dove)

Ab Montag, 22.03., dürfen viele deutsche Kinos wieder öffnen - theoretisch. Derzeit spricht allerdings vieles dagegen. Und das liegt nicht nur an den steigenden Inzidenzwerten.

Das Antifa-Drama "Und morgen die ganze Welt", der Kinderfilm "Yakari", eine Neuverfilmung von Roald Dahls "Hexen hexen": Ende Oktober des vergangenen Jahres liefen ein paar Filme in den deutschen Kinos an, die durchaus das Zeug hatten, die Leute in die Filmtheater zu locken. Es wurden dann aber doch nur ein paar Tausend. Denn wenig später begann der "Lockdown light", und die Kinos mussten schließen. Über viele Monate hinweg fehlte den Lichtspielhäusern jegliche Perspektive.

Bis sich die Ministerpräsidentenkonferenz Anfang März auf einen mehrstufigen Öffnungsplan einigte. Das durchaus umfangreiche Werk mit seinen fünf Öffnungsschritten sieht unter anderem vor, dass ab Montag, 22.03., die Kinos wieder Publikum empfangen dürfen - in Regionen mit einer Inzidenz zwischen 50 und 100 mit verpflichtenden Selbst- oder Schnelltests, in Regionen, in denen der Wert niedriger liegt, lediglich mit den üblichen Hygiene- und Abstandsregeln. Nur: Nach flächendeckenden Öffnungen sieht es jetzt, ein paar Tage vor dem möglichen Öffnungstermin, nicht aus.

Das liegt einerseits daran, dass die Fallzahlen seit einigen Tagen stetig steigen - bundesweit liegt die Inzidenz am Freitag bei über 95. zehn Punkte höher als noch zwei Tage zuvor. Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des größten deutschen Kinoverbandes HDF, nennt weitere Gründe. "Nur wenn tatsächlich nahezu alle Kinos geöffnet sind, wird es auch möglich sein, ein breites Angebot an neuen Filmen zu präsentieren", sagte Berg der Nachrichtenagentur teleschau. "Vorher werden die meisten neuen Filme nicht auf den Markt gehen." Tatsächlich plant derzeit kein Verleih, in der kommenden Woche einen Film in die Kinos zu bringen. Frühestens am 1. April sollen einige Filme anlaufen, aber auch dieser Termin wackelt.

Die deutschen Kinos werden wohl noch eine Zeitlang leer bleiben, so wie das Kino International in Berlin. (Bild: Andreas Gora - Pool / Getty Images)
Die deutschen Kinos werden wohl noch eine Zeitlang leer bleiben, so wie das Kino International in Berlin. (Bild: Andreas Gora - Pool / Getty Images)

Kinobesuch darf kein "Luxusgut" werden

Christine Berg, deren Verband 595 Mitgliedsunternehmen vertritt, glaubt deshalb nicht, dass in den Regionen, in denen am Montag die Inzidenzwerte entsprechend niedrig liegen, viele Kinos aufmachen. Ähnlich sieht das Christian Bräuer vom Branchenverband AG Kino, der die Interessen von bundesweit mehr als 300 unabhängigen Filmkunst- und Programmkinos vertritt. "Vereinzelt kann es sein, dass Kinos dort, wo die Pandemielage sehr gut ist, öffnen", sagte Bräuer der teleschau. Aber: "Eine verlässliche Basis für die Kinoöffnung hat die Ministerpräsidentenkonferenz nicht geschaffen." Das liege nicht nur an der Kopplung an Inzidenzwerte. "Auch beim Testen und den Auflagen gibt es viele ungeklärte Fragen."

Wer soll die Tests durchführen - das Publikum, das Personal? Wer kann die Tests, die die Zuschauer daheim an sich selbst vorgenommen haben, überprüfen? All das sind Fragen, auf die es derzeit keine Antworten gibt. Bräuer nennt die Tests dennoch "ein wichtiges Instrument, um eine höhere Auslastung zu erzielen", gibt aber gleichzeitig zu bedenken, dass ein Kinobesuch kein "Luxusgut" werden dürfe: "Wir brauchen daher dringend kostenfreie und praktikable Lösungen und eine konsistente Gesamtstrategie aus Impfen, Testen, Hygienemaßnahmen und Kontaktverfolgung", fordert er.

Nur mit Maske - so durften die Kinos im vergangenen Sommer öffnen. (Bild: Getty Images/Adam Berry)
Nur mit Maske - so durften die Kinos im vergangenen Sommer öffnen. (Bild: Getty Images/Adam Berry)

"Endlich wieder echtes Kino-Feeling"

Christine Berg vom Branchenverband HDF weist noch auf eine andere Schwierigkeit hin: Wirtschaftlich sei ein Kino nur dann überlebensfähig, wenn die Auslastung höher liegen dürfe als noch nach dem ersten Lockdown. Damals galt ein Saal schon als ausverkauft, wenn nur jeder vierte Platz besetzt war. Nur wenn mehr Besucher eingelassen werden dürften und dies auch am Platz Popcorn und Getränke konsumieren könnten, würden sich die Betreiber "überhaupt wieder im Bereich der Wirtschaftlichkeit bewegen", sagt sie.

Das Land Berlin kündigte unterdessen bereits an, auf die für Montag geplanten Öffnungen komplett zu verzichten. Angesichts der hohen Fallzahlen könne man sich diesen Schritt "nicht zutrauen", sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller vor wenigen Tagen. Wenig später zog Bayern nach. Einen anderen Weg geht die Stadt Tübingen. Dort sollen bereits am Wochenende die ersten Kinos wieder öffnen, als Teil eines Modellprojekts. Allerdings wohl nur für zwei Tage, denn auch in Baden-Württemberg überlegt die Politik, die nächste Stufe der Öffnungen ausfallen zulassen. Und auch in Tübingen gilt: Einlass nur mit Schnelltest.

Auf dem Programm der Kinos in der Studentenstadt stehen nicht nur Filme, die bereits im Oktober angelaufen waren, sondern auch ein paar Werke, die bundesweit wohl erst in den nächsten Wochen oder Monaten starten dürften. Etwa das berührende US-Drama "Minari", das unlängst für sechs Oscars nominiert wurde. Man wolle, schreibt eines der am Modellprojekt beteiligten Kinos auf seiner Internetseite, "allen Streaming-geschädigten Filmliebhabern endlich wieder echtes Kino-Feeling bieten".

Das für sechs Oscars nominierte Familiendrama "Minari - Wo wir Wurzeln schlagen" ist eines der Filmhighlights der nächsten Wochen - sofern die Kinos denn öffnen. (Bild: Josh Ethan Johnson / Prokino / A24)
Das für sechs Oscars nominierte Familiendrama "Minari - Wo wir Wurzeln schlagen" ist eines der Filmhighlights der nächsten Wochen - sofern die Kinos denn öffnen. (Bild: Josh Ethan Johnson / Prokino / A24)