Vier charakteristische Merkmale eines Psychopathen — laut einer Forscherin, die sie untersucht

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Nicht jeder Psychopath wird zum aggressiven Serienkiller. Die Bezeichnung wird oftmals als Beschimpfung verwendet, weshalb sich die meisten Menschen unter ihr vermutlich eine nicht empathiefähige, aggressive und gewalttätige Person vorstellen. Die wissenschaftliche Definition aber sieht etwas anders aus. Psychopathie kann unterschiedliche Formen und Ausprägungen haben – in der Regel sind die Betroffenen aber in der Lage, ein ganz normales Leben zu führen.

Oft wird davon ausgegangen, dass Psychopathen eine traumatische Kindheit erlebt haben oder aus einem zerrütteten Elternhaus stammen. Das kann mitunter auch stimmen. Eine Neurowissenschaftlerin mit 15 Jahren Erfahrung in der Hirnforschung erklärte kürzlich jedoch, dass ihre Erkenntnisse darauf hindeuten, dass dies nicht unbedingt der Fall sein muss.

Während eines virtuellen Seminars des „Science and Entertainment Exchange“, einer Veranstaltung, die Menschen aus der Unterhaltungsindustrie mit Fachleuten aus der Wissenschaft zusammenbringt, erläuterte Abigail Marsh ihre Perspektive auf die Psychopathie. Abigail Marsh ist Psychologieprofessorin und Neurowissenschaftlerin an der US-amerikanischen Georgetown University. Ihren Forschungen zufolge liegen die Wurzeln der Krankheit in der Regel in der Entwicklung des Gehirns, erklärte sie.

„Wir wissen, dass die Schwere dieser Merkmale mit charakteristischen Hirnanomalien zusammenhängt, die in der frühen Kindheit zu beginnen scheinen und dann irgendwie fortschreiten“, führte die Expertin aus. Für ihre Untersuchungen hat sie neben ihrer Tätigkeit als Dozentin und Forscherin ebenfalls die gemeinnützige Forschungsorganisation „Psychpathy Is“ gegründet.

Laut der Expertin gibt es ein Spektrum von leichter bis hin zu schwerer Psychopathie. Je weiter hin zu schwerer Psychopathie jemand tendiert, desto manipulativer, risikofreudiger oder bedrohlicher als andere ist er. Hochgradige Psychopathen teilen ihr zufolge vier entscheidende Merkmale: Mitleidlosigkeit, Unbarmherzigkeit, die Unfähigkeit zu lieben sowie Unempfindlichkeit gegenüber potenziellen Schäden.

Psychopathen verspüren wenig bis kein Mitleid oder Reue

Zunächst haben alle Menschen aus dem Psychopathiespektrum Schwierigkeiten, Mitleid zu empfinden, erklärte Marsh. Wenn jemand im Umfeld eines Psychopathen traurig oder ängstlich ist, kann er diese Emotion in der Regel nicht verstehen. Ein Psychopath kann sie nicht nachempfinden, weil sie oder er selbst diese Gefühle nicht empfindet, so Marsh.

Zur Veranschaulichung nannte Abigail Marsh das Beispiel eines Jungen im Grundschulalter, den sie untersuchte. Eines Schultages nahm er ein Video davon auf, wie seine Lehrerinnen und Lehrer sowie Mitschülerinnen und Mitschüler schrien, weinten und evakuiert wurden, als sie auf einen vermeintlichen Terroranschlag an ihrer Schule reagierten. Er dagegen war davon emotional nicht berührt.

In ähnlicher Weise empfinden Menschen mit Psychopathie wenig bis keine Reue, wenn sie andere geistig, emotional oder körperlich verletzen, erklärte die Expertin. Sie führte aus, sie habe einen Jungen untersucht, dessen Lehrerinnen und Lehrer ihn so oft von der Schule verwiesen und suspendiert hatten, dass seine Mutter ihren Job verlor. Sie musste sich um ihn kümmern. Später wies sich die Mutter selbst in eine Klinik für Psychotherapie ein, weil sie mit dem Stress nicht länger umgehen konnte. Als Marsh den Jungen fragte, wie er sich fühle, sagte er lediglich, dass es ihm nichts ausmache.

„Er sagte: ‚Weißt du, die Dinge, die ich tue, verletzen sie. Aber sie sagt nicht wirklich, wie sehr, also hat es keine Auswirkungen auf mich‘“, erzählte Marsh. „Im Grund gab er also seiner Mutter die Schuld für die Abwesenheit jeglicher Reue für all die negativen Auswirkungen, die durch sein Verhalten entstanden waren.“

Psychopathen verstehen Liebe nicht so wie andere

Die Neurowissenschaftlerin erklärte, dass Menschen mit Psychopathie ebenfalls Schwierigkeiten haben, Liebe zu empfinden oder zu verstehen. „Sie erleben enge, liebevolle Bindungen zu anderen Menschen nicht auf die gleiche Weise wie andere Menschen“, so Marsh. „Mehr als ein Kind oder Jugendlicher, die ich interviewt habe, sagte, dass sie niemanden lieben – niemanden in der Familie und auch keinen von ihren Freundinnen oder Freunden.“

Stattdessen würden Menschen mit Psychopathie andere nahestehende Personen eher als „Mitarbeitende“ ansehen, die ihnen bei Angelegenheiten helfen können. Dabei würden sie jedoch stets unter ihnen stehen und niemals auf Augenhöhe sein, erklärte Abigail Marsh.

Psychopathen haben keine Angst, körperlich oder seelisch verletzt zu werden

Das letzte Merkmal, dass alle Psychopathen gemeinsam haben, ist die Schwierigkeit, das Gefühl der Angst zu verstehen. „Sie sind oft unempfindlich gegenüber der Möglichkeit eines zukünftigen Schadens“, erklärte die Expertin. „Um es mit den Worten eines Mädchens zu sagen, das wir untersucht haben: ‚Nichts macht mir Angst. Nichts.‘“

Die Forscherin fügte hinzu, dass eine Drohung, verletzt zu werden, ins Gefängnis zu kommen oder missbilligt zu werden, eine Person mit Psychopathie nicht davon abhalten würde, zu tun, was sie will. Marsh erzählte, sie habe etwa eine junge Frau untersucht, die das Auto ihrer Eltern für eine Spritztour gestohlen, es gegen einen Baum gefahren und dort stehen gelassen hatte. „Sie war völlig unbeeindruckt“, erzählte die Wissenschaftlerin. „Als die Polizei später bei ihr zu Hause auftauchte, saß sie ruhig auf der Couch und aß Chips.“

Dieser Artikel wurde von Julia Knopf aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.

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