Vier Demonstranten in Bagdad durch Tränengas-Granaten getötet

Erneut vier Tote durch Tränengas-Granaten im Irak

Bei Protesten im Irak sind am Donnerstag erneut vier Demonstranten durch ungewöhnlich schwere Tränengas-Granaten getötet worden. Sie seien am frühen Morgen nahe dem Tahrir-Platz in der Hauptstadt Bagdad von den Granaten getroffen worden, sagten Vertreter der Rettungskräfte der Nachrichtenagentur AFP. Um ihre Forderung nach einer grundlegenden Reform des politischen Systems durchzusetzen, blockierten Demonstranten erneut viele Behörden und Schulen.

Seit Beginn der Proteste Anfang Oktober wurden nach offiziellen Angaben bereits mehr als 330 Menschen getötet, die meisten von ihnen Demonstranten. Allein 20 Menschen starben nach UN-Angaben durch Tränengas-Granaten, die von den Sicherheitskräften direkt auf die Demonstranten abgefeuert wurden. Die Granaten sind zehnmal schwerer als übliche Modelle und können bei direktem Aufprall den Schädel durchschlagen.

Trotz der massiven Gewalt der Sicherheitskräfte reißen die Proteste seit Anfang Oktober nicht ab. Die Proteste in der Hauptstadt Bagdad und im Südirak richten sich gegen die gesamte politische Elite, die die Demonstranten für Korruption, Klientelismus und Misswirtschaft verantwortlich machen. Sie fordern nicht nur den Rücktritt der Regierung von Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi, sondern eine grundlegende Reform des Systems.

Die UN-Sondergesandte für den Irak, Jeanine Hennis-Plasschaert, präsentierte vergangene Woche einen Plan zur Reform des Wahlsystems und der Verfassung. Die Vorschläge wurden auch von Großayatollah Ali al-Sistani gebilligt, der im Irak enormes Ansehen und Einfluss hat. Allerdings blieben die Aufrufe des schiitischen Geistlichen an die Sicherheitskräfte, Zurückhaltung zu üben und auf Gewalt zu verzichten, bisher ohne Folgen.

"Hat Großayatollah Ali al-Sistani ihnen nicht gesagt, keine scharfe Munition einzusetzen", fragte ein Demonstrant in Bagdad. An den Zentren der Proteste in der Hauptstadt gleichen die Straßen seit Wochen einem Schlachtfeld. Immer wieder setzen die Sicherheitskräfte scharfe Munition ein, um die Demonstranten am Vordringen ins Regierungsviertel zu hindern, während violett, orange oder grün gefärbtes Tränengas über den Straßen hängt.

Im Süden des Landes blockierten Demonstranten auch am Donnerstag wieder Schulen und Behörden in den Städten al-Hilla, Diwanija, Kut und Nassirija. In der Pilgerstadt Nadschaf blieb erstmals ein wichtiger Markt neben dem Grabmal von Imam Ali geschlossen. "Wir sind bereit, einen Tag, einen Monat, selbst 20 Monate auf Einnahmen zu verzichten", sagte ein Händler. "Ohnehin verdienen wir seit 16 Jahren nichts."