Würgereflex bei deutschem Pop

Eric Leimann
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Würgereflex bei deutschem Pop

Schauspielerin und Musikerin Jasmin Tabatabai veröffentlicht ihr neues Album bewusst in der Corona-Zeit - und schlägt Alarm in Sachen Niedergang des Kulturbetriebs.

Jasmin Tabatabai ist eine der wenigen deutschen Künstlerinnen, die sowohl für ihre Schauspielerei als auch ihre Musik viel Lob erfahren. In den 90-ern spielte sie zunächst mit der Indie-Countryband Even Cowgirls Get the Blues, ehe sie 1997 mit Nicolette Krebitz und Katja Riemann die Musik zu "Bandits" schrieb, einem Kinofilm über eine Frauenrockband im Gefängnis. Tabatabai war hauptverantwortlich für die Songs; der Soundtrack verkaufte sich 700.000 Mal. Seit 2011 arbeitet die dreifache Mutter, die mit ihrem Kollegen Andreas Pietschmann verheiratet ist, mit dem Schweizer Jazzmusiker David Klein. Auch auf ihrem neuen Werk "Jagd auf Rehe" wandelt Jasmin Tabatabai kunstvoll auf einem schmalen Grat zwischen Jazz, Singer/Songwriter-Musik und Chansonklängen. Im Interview spricht die 52-Jährige ("Letzte Spur Berlin") über Künstler in der Coronakrise, den Zauber ihrer verschiedenen Sprachen und alte Vorurteile gegenüber Jazz-Musik.

teleschau: Welcher Beruf ist derzeit beschissener - Schauspielerin oder Musikerin?

Jasmin Tabatabai: Es ist beides gleich beschissen. Vor allem, was das Einkommen betrifft. Man kann weder Konzerte oder Theater spielen noch Filme drehen. Auch Lesungen sind nicht möglich. Bei uns stehen die Räder still, und das ist natürlich ein großes Problem. Vor allem für jene, die nicht das Glück hatten, direkt vor dem Lockdown viel gearbeitet und ein bisschen Polster zu haben. Doris Dörrie hat das ganz gut formuliert, als sie sagte, dass wir nun erkennen, dass Künstler in unserer Gesellschaft nicht als systemrelevant betrachtet werden.

teleschau: Woran machen Sie das fest?

Tabatabai: Wir fallen unter sämtliche Rettungsschirme - wenn überhaupt - erst sehr spät. Viele Kollegen, die ich kenne, bekommen keinerlei Hilfen. Das liegt auch an der Besonderheit des Filmschauspieler-Jobs, der pro Produktion kurzzeitig zum Angestellten wird. Den Rest der Zeit ist man arbeitslos. Wenn ein Filmschauspieler 40 Drehtage im Jahr hat, gehört er zu den glücklichen zwei Prozent, die von ihrem Beruf leben können. Trotzdem hat man mit 40 Arbeitstagen pro Jahr keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Man kommt einfach nicht auf die Menge der Tage, die man braucht, um sich für Hilfen zu qualifizieren.

"Die Probleme werden sich sehr, sehr lange hinziehen"

teleschau: Das heißt, es gibt auch abseits von Corona eigentlich kein soziales Netz für Schauspieler?

Tabatabai: Ja, das meinte ich mit "nicht systemrelevant". Das sind die Dinge, die die Menschen nicht so richtig wahrnehmen. Sie denken immer: Jeder, der Filme dreht, ist automatisch reich. In Deutschland ist die Realität weit davon entfernt. Das tritt jetzt in der Krise einfach überdeutlich zutage.

teleschau: Nun geht es Musikern nicht viel besser, denn Sie können keine Konzerte spielen. Wann wird man Ihr neues Album "live" hören können?

Tabatabai: Wir sind optimistisch und hoffen, dass man im Herbst wieder touren kann. Wir spielen ohnehin nur Konzerte, bei denen die Leute sitzen. Da könnte man ja auch sagen, dass nur jeder zweite oder vierte Platz besetzt wird. Nur: Wer entschädigt dann die Konzertveranstalter für das Minusgeschäft? Weder sie noch die Musiker können im Rahmen dieser Regelung Geld verdienen. All die Auswirkungen der Pandemie auf Kunst und Kulturbetrieb werden wir erst später richtig spüren - und die Probleme werden sich sehr, sehr lange hinziehen.

teleschau: Viele Musiker haben Ihre neuen Alben verschoben - Sie aber nicht. Warum?

Tabatabai: Weil ich finde, dass man weitermachen muss. Gerade jetzt sollte man Inhalte liefern. Wir müssen den Leuten etwas zum Hören geben. Ich möchte, dass sie das Gefühl haben, dass das Leben weitergeht. Wenn sich nun alle Musiker verkriechen oder aus finanziellen Überlegungen sagen, dass sie vielleicht mehr im Herbst verdienen, halte ich das für falsch. Erstens glaube ich nicht daran, dass die Aufmerksamkeit für Musik im Herbst größer ist, und außerdem wird es auch eng, wenn dann alle auf einmal veröffentlichen und auch "live" spielen wollen.

teleschau: Auf Ihrem neuen Album finden sich vorwiegend Coverversionen, die Sie in jazzigen Arrangements in vier verschiedenen Sprachen singen. Steht ein Konzept hinter "Jagd auf Rehe"?

Tabatabai: Im Moment ist es so, dass ich vorwiegend Songs interpretiere, die von anderen Leuten geschrieben wurden. Ich kann mir auch vorstellen, mal wieder eine Singer/Songwriter-Platte zu machen, so wie früher. Damals hatte ich aber noch nicht drei Kinder. Dafür aber sehr viel mehr Zeit und "solitude" ...

"Man kann viele Dinge nicht aussprechen im Orient"

teleschau: Sie singen auf Deutsch, Englisch, Französisch und Persisch - welche Sprache dient welchem Zweck?

Tabatabai: Für mich ist der Wechsel von Sprachen etwas, das mich ausmacht. Ich spreche diese Sprachen nun mal alle - Französisch noch am wenigsten. Persisch, Englisch und Deutsch allerdings spreche ich auch im Alltag. Ich war mal mit einem Amerikaner verheiratet, ich bin halbe Iranerin und halbe Deutsche. All die Facetten, die in diesen Sprachen stecken - das bin halt auch ich. Ich will swingen, aber auch zeigen, welcher Wortwitz bei Reinhard Mey drinsteckt. Ich brauche die Abwechslung.

teleschau: Welche Gefühle löst das Persische in Ihnen aus?

Tabatabai: Das Persische geht bei mir emotional ganz tief rein. Ist ja klar, denn es ist die erste Sprache, die ich gelernt habe, die Sprache meiner Kindheit. Ich habe letztes Jahr zum ersten Mal einen Kinofilm gedreht, bei dem ich komplett auf Persisch spielte ("Mitra", Anm. d. Red.). Das ist schon erstaunlich, an welche Ecken der eigenen Psyche man auf diese Weise herankommt, einfach durch die Sprache. Hinzu kommt etwas Mysteriöses, das das Persische hat. Das Besondere an der iranischen Sprache ist, dass sie kein Geschlecht kennt. So kann man immer darüber mutmaßen: Was meint der Sänger? Ist das eine Frau, ist das ein Mann, für den er singt? Und: Ist es überhaupt eine Frau oder ein Mann, der oder die da singt? Jedes iranische Liebeslied, das ich kenne, hat allein dadurch immer etwas unglaublich Geheimnisvolles.

teleschau: Gibt es im Persischen auch eine andere Art, sich auszudrücken?

Tabatabai: Ja, das auch. Man kann viele Dinge nicht aussprechen im Orient. Man sucht sich dann andere Wege dafür - und auch die haben oft etwas Mysteriöses. Wenn ich iranische Musik höre und auch singe, entsteht zudem eine große Sehnsucht. Natürlich ist es die Sehnsucht nach diesem Land, in das ich nicht mehr fahren kann und das einfach so weit weg ist. Ein Land, dem es schlecht geht. Es ist eine große Wunde und eine große Trauer, die einen da überfällt.

teleschau: Sie dürfen nicht in den Iran fahren?

Tabatabai: Ich fahre nicht hin - wie jeder Künstler der Diaspora, der sich im Ausland kritisch gegenüber dem Regime geäußert hat. Der Iran hat eines der repressivsten Regime der Welt. Da muss man nur mal die Berichte von Amnesty International lesen. Iranischen Künstler haben ganz andere Probleme als wir. Der Schauspieler, der in dem iranischen Film meinen Bruder spielte, ist der bekannte Musiker Mohsen Namjoo, der im Übrigen auch das persische Lied auf diesem Album für mich heraussuchte. Er kann nicht in die Heimat zurück, weil er sonst sechs Jahre ins Gefängnis müsste. Er hat eine Fatwa am Hals, weil irgendein Geistlicher der Meinung war, dass er Blasphemie betrieb, als er Koranverse mit Rockmusik verband. Das sind Probleme, von denen sind wir hier sehr, sehr weit entfernt.

"Wenn ich Deutschpop im Radio höre, zieht es mir manchmal die Schuhe aus"

teleschau: Welche Beziehung haben Sie zur deutschen Sprache?

Tabatabai: Ich liebe sie, weil sie so wahnsinnig präzise ist und trotzdem viel Wortwitz enthält. Englisch hat ja immer diese Tendenz zur Vereinfachung. Also, wenn man sagt: "We do a phoner", dann ist das ein Telefoninterview. Oder das Wort "Dunstabzugshaube", da flippt jeder Engländer oder Amerikaner aus - zu viele Buchstaben. Man vereinfacht im Deutschen eben nicht, sondern setzt die Worte sehr genau in ihrer Bedeutung zusammen. Ich mag das. Dafür ist Englisch besser geeignet für Popmusik, weil die Vereinfachung Dinge kurioserweise weniger banal klingen lässt, als es im Deutschen der Fall ist. Wenn ich Deutschpop im Radio höre, zieht es mir manchmal die Schuhe aus - weil es so banal klingt. Und so positivistisch. Letzten Endes ist die Aussage immer die gleiche: Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst. Das erzeugt bei mir eher einen Würgereflex.

teleschau: Nun spielen Sie seit einigen Jahren mit einem Jazz-Ensemble. Dabei begannen Sie einst mit Country und Indie-Pop - und dann war da noch der "Bandits"-Rocksoundtrack. Wann haben Sie Jazz für sich entdeckt?

Tabatabai: Das war, als ich 1999 David Klein kennenlernte, der die Musik für den Film "Gripsholm" machte. Der Film erzählte die Lebensgeschichte Kurt Tucholskys - mit Heike Makatsch und Ulrich Noethen. Ich spielte darin die Sängerin Billie Sunshine, eine Muse Tucholskys, und sollte im Film vier, fünf Lieder singen. David Klein hatte diese Lieder unter dem Namen seiner alten Band, Kol Simcha, geschrieben. Die Band spielte so eine Art Klezmer-Jazz und ich begegnete allem mit dem Label Jazz damals eher misstrauisch ...

teleschau: Warum?

Tabatabai: Weil ich viele Vorurteile hatte und dachte, dass Jazz-Musiker immer so dudelige Free-Jazz-Intellektuelle sind. Ebenso wie die Musiker wahrscheinlich dachten: Oh Gott, jetzt kommt diese Schauspielerin, die einen auf Sängerin macht. Zunächst stellten wir fest, dass es mit uns musikalisch unheimlich gut funktioniert. Dann lernte ich, dass Jazz vor allem Musik ist, bei der man einander gut zuhört. Was in jeder Kunstform, die man mit Menschen gemeinsam macht, eine gute Idee ist. Ich sang damals diese Lieder und erhielt das Feedback: Du singst nicht so wie eine Jazz-Sängerin - und das finden wir gut. Seitdem machen wir zusammen Musik.

"Ich mag keine Schauspieler, denen ich ihre Virtuosität ansehe"

teleschau: Wie singen denn Jazz-Sängerinnen?

Tabatabai: Was sie meinten, waren diese Manierismen, die es in jeder Kunstform gibt, wenn man sie zu technisch ausübt. Wenn man wahnsinnig ehrgeizig scattet oder immer zeigt, was man drauf hat. Ich pflege eher die Einfachheit, was bei mir in der Natur der Sache liegt, denn ich habe keinerlei musikalische Ausbildung. Ich komme über Intuition und Emotion und singe so, wie ich es selber richtig finde. Das ist auch beim Schauspiel so. Ich mag keine Schauspieler, denen ich ihre Virtuosität ansehe. Ich mag gerne Einfachheit, Direktheit - und wenn es einen berührt. Ich mag den Gesang von Marvin Gaye, da ist kein Manierismus und kein Vibrato dabei.

teleschau: Ist Virtuosität denn immer schlecht?

Tabatabai: Nicht, wenn sie beiläufig entsteht. Sie aber vorzuführen, hat immer etwas Eitles. Ich finde, man muss sich als Künstler in den Dienst einer Sache stellen. Eine Szene in einem Film zu spielen, genauso wie ein Lied mit einer Band zu spielen - da geht es immer um etwas Größeres. Beim Musikmachen geht es nur um die Musik. Gute Musik entsteht, wenn einer dem anderen zuhört. Genauso ist es beim Schauspielern. Sie ahnen nicht, wie viele Schauspieler es gibt, denen man zu Beginn einer Szene durch einen Blick in die Augen bereits ansieht, dass sie Ihr Ding machen wollen. Positiv formuliert: Ein guter Schauspieler ist jemand, der dir wirklich zuhört.

teleschau: Was meinen Sie mit "ihr Ding machen"?

Tabatabai: Wenn man sich als Künstler vorher schon etwas überlegt hat, das dann durchgezogen wird. Das Schwierigste ist, im Moment da und präsent zu sein - und mit diesem Moment zu spielen. Dafür gibt es keine bessere Übung als Jazz. Jazz passiert immer im Augenblick. Jeden Abend wird etwas anderes gespielt. Diese Leute beherrschen ihre Instrumente so gut, dass zu jeder Zeit etwas völlig anderes passieren kann. Ich finde, das ist eine sehr schöne Umschreibung von Kreativität und Kunst.