Wahlkampf in Schleswig-Holstein: Sonnenschein mit Wölkchen in Deutschlands Norden

Im Land der Post-Leit-Zahl –Vom Wahlkampf im glücklichen Schleswig-Holstein.

Oh wie schön ist Schleswig-Holstein: Der Ministerpräsident verliebt, die Straßen kaputt, der Wahlkampf moderat, der CDU-Herausforderer nagelneu. Nur FDP-Haudegen Wolfgang Kubicki fällt durch leise Boshaftigkeiten auf.

Willkommen bei den Kubickis. Der „Chef“ kommt gleich, kleinen Moment noch, ruft die Dame im bunten Kleid in die Runde. Er ist noch am Wahlkampfstand in Gettorf bei Kiel, aber nicht mehr lange. Die Gäste warten brav, Sekt- und Saftgläser in der Hand, entspannter Blick. Ein frischer Freitagmittag in Strande an der Ostsee. Strande ist so etwas wie Sylt an Land, das Himmelreich der Liberalen, ein schickes Küstendorf, wo die FDP gerne mal 27 Prozent bei Kommunalwahlen von Ärzten, Anwälten, Unternehmern einsammelt und Grüne kein Bein in den Gemeinderat bekommen. Heute ist ein kleiner Empfang im schicken Strandhotel, die örtliche FDP ist 20 Jahre alt geworden, auf einem Flachbildschirm laufen Fotos aus Gründertagen, Frauen und Männer im 1990er-Look. „Ist das Modern Talking?“, ruft jemand. Lautes Gelächter.

„Chef“ Kubicki ist der letzte Haudegen der FDP

Stopp, hat die Frau ihren Mann gerade tatsächlich „Chef“ genannt? Tatsächlich, wundert aber niemanden in der kleinen Feierrunde, weil die Frau vom „Chef“ die „Königin“ ist und alle sie auch so nennen: „Königin“ Annette Marberth-Kubicki, Strafrechtlerin, FDP-Ortsverbandsvorsitzende in Strande und Ehefrau Nummer drei vom „Chef“, Wolfgang Kubicki, 65, Anwalt und Besitzer der Jacht „Liberty“, die vor Strande im Fördewasser dümpelt. Vor allem: Letzter alter Haudegen der deutschen Liberalen, seit „Modern Talking“-Zeiten im Einsatz.

Chef Kubicki kandidiert gerade für den Landtag von Schleswig-Holstein, zum sechsten Mal als Spitzenmann. Und wenn er mit seiner FDP deutlich rein kommt, wovon man in Kiel ausgeht, dann kandidiert er gleich weiter für den Bundestag, weil er auch noch im September mit Christian Lindner die Bundes-FDP retten muss. Vor sieben Jahren gab er einmal ein legendäres Zeit-Interview, in dem er meinte, niemals Berlin und Bundestag, dort würde er zum Alkoholiker oder vielleicht zum Hurenbock. Aber egal, heute ist heute.

Plötzlich ist er da, hat sich in die Runde geschlichen, dunkelgrauer Anzug, hellgrauer Bart, weißes Hemd, Kragen weit offen, wacher und vergnügter Blick. Der Mann erinnert an einen Dachs. Kurze Rede, darin ein Schlenker zum Wahlbenachrichtigungsschein, der eine Menge Leute im Norden amüsiert oder aufgeregt hat, weil er in „einfacher Sprache“ verfasst wurde und Worte wie „Post-Leit-Zahl“ und „Vor-Name“ enthält. „Was für ein Unfug“, echauffiert sich Kubicki knapp. „So ein Quatsch.“

Ein wackliges Konstrukt

Wenn das Land sonst keine Probleme hat. Am Sonntag ist Wahl, seit fünf Jahren regiert der Sozialdemokrat Torsten Albig eine Küstenampel-Koalition aus SPD, Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverband (SSW), der Minderheitenpartei für Friesen und Dänen, die nicht an die Fünf-Prozent-Klausel gebunden ist. So wie die Umfragen aussehen, wackelt das einzigartige Konstrukt und vieles erscheint plötzlich möglich: Eine CDU-geführte große Koalition, Jamaika (CDU, FDP, Grüne), Albigs Küstenampel plus FDP.

Monatelang konnten die Demoskopen Zufriedenheit, aber keine Wechselstimmung messen, nun sackt die SPD ein und die CDU zieht leicht vorbei. Kubickis FDP hat Chancen, über zehn Prozent zu kommen und da oder dort mitzuregieren. Die Grünen, die im Bund gerade abschmieren, liegen im Norden stabil bei zwölf und mehr Prozent. Sie würden gerne mit Albig und dem SSW weitermachen, zur Not aber auch mit der CDU und Kubickis Liberalen. Warum auch nicht? Man kennt sich, man duzt sich. Die Linken liegen bei fünf Prozent, Albig wettet, dass sie nicht ins Parlament einziehen werden. Die AfD wackelt auch, sie wird mit fünf bis sechs Prozent gehandelt. Ach ja, die Piraten, vor fünf Jahren mit 8,2 Prozent eingezogen. Sie haben den Bereich der Messbarkeit verlassen.

Früher war alles anders, auch in Schleswig-Holstein. Damals hassten sich CDU und SPD wie die Pest und es gab schlimme Affären. Es gab einen CDU-Ministerpräsidenten Uwe Barschel, der 1987...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung

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