Wahlkampffinale: Kann Armin Laschet das noch drehen?

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Der CDU-Kanzlerkandidat steht in Umfragen schlecht da, doch eine Trendwende ist theoretisch noch möglich. Nun kommt es auf eine bestimmte Wählergruppe an.

Armin Laschet macht Wahlkampf in Apolda in Thüringen. © Jens Schlueter/​Getty Images
Armin Laschet macht Wahlkampf in Apolda in Thüringen. © Jens Schlueter/​Getty Images

Noch sind es elf Tage. Aber die Wahl ist schon entschieden. Oder? Der Trend ist jedenfalls recht stabil: Seit Anfang August klettern die SPD und ihr Spitzenkandidat Olaf Scholz in den Umfragen und Persönlichkeitsrankings nach oben. Die CDU befindet sich dagegen im Sinkflug. Armin Laschet wirkt schon seit geraumer Zeit wie der mutmaßliche Verlierer dieser Wahl. 

Das TV-Triell am Sonntag bestätigte diesen Eindruck noch mal. Der CDU-Kandidat mühte sich, präsentierte einen Vorschlag nach dem anderen, attackierte Scholz, der seinerseits eher mauerte. Allein: Die Wählerinnen und Wähler scheinen ihr Urteil gefällt zu haben. In den Blitzumfragen landete Laschet erneut ganz hinten. Sein Imagewerte sind mies, mieser als sie je bei einem Kanzlerkandidaten gemessen worden sind. 

Und Annalena Baerbock? Mit ihr als neuer Kanzlerin rechnet ohnehin kaum jemand mehr, nicht mal bei den Grünen. Nach dem grandiosen Start ihrer Kandidatur ist sie demoskopisch abgestürzt – und hat sich nun auf niedrigerem Niveau gefangen. Dass sie noch irgendetwas ganz nach oben katapultieren sollte? Schwer vorstellbar. 

Wo die Musik spielt

Die Politikwissenschaft bezeichnet dieses Phänomen, das wir womöglich gerade erleben, als Bandwagon-Effekt. Die Wähler versammeln sich gern hinter dem Kandidaten, von dem sie annehmen, dass er die Wahl gewinnen wird. Sie laufen also, daher der Name, neben dem Wagen her, auf dem die Musik gespielt wird. Man möchte ja bei den Siegern sein. Weniger vornehm ausgedrückt: ein Mitläufereffekt oder Herdentrieb. 

Aber wie stabil ist dieser Trend? Haben sich die Deutschen auf ihre Musikbegleitung für die nächsten vier Jahre schon festgelegt? Anruf bei Manfred Güllner vom forsa Institut, einem Doyen der deutschen Demoskopie. 

Güllner bestätigt zunächst den Scholz-Effekt. Er werde als viel beliebter und kompetenter wahrgenommen als die beiden anderen. Und die Befragten, die sich derzeit für Scholz aussprechen, seien sich in ihrem Wahlvorhaben relativ sicher. Güllner sagt aber auch, dass die SPD ihr Potenzial nun weitgehend ausgereizt habe. Viel höher werde der rote Balken am Wahlsonntag wohl nicht mehr klettern als jetzt in den Umfragen. Die CDU hingegen hätte noch größere Reserven. Kein Wunder, lag sie im Januar in den Umfragen doch noch stabil bei über 35 Prozent. 

"Extremer Frust" über Laschet

Allerdings ist auch unter den Unionsanhängern der Frust über Laschet "extrem ausgeprägt", sagt Güllner. Markus Söder weise mit gewissem Recht auf seine viel besseren Imagewerte hin. Mit dem CSU-Vorsitzenden würde die Union bei über 30 Prozent landen, ist sich der Forsa-Chef sicher. 

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Was ebenfalls für Scholz und die SPD spricht, ist der hohe Anteil an Briefwählern. Viel mehr Menschen als früher haben bereits gewählt oder wählen in diesen Tagen, in jener Phase des Scholz-Hypes also. Für diese Briefwähler dürften Laschets Schlussoffensiven zu spät kommen: Sein Sofortprogramm, seine diversen Experten und Schattenministerinnen, seine Triell-Bemühungen – für viele Briefwähler ist all das schon eher Teil der After-Show-Party. 

Andererseits, eine Hoffnung bleibt noch für Laschet und die Union: Der Anteil der noch unentschlossenen Wähler ist groß. Etwa 40 Prozent der Befragten geben an, noch nicht sicher zu wissen, wen sie (spätestens) am 26. September wählen wollen. Und darunter sind viele potenzielle Unionswähler. Auf die setzt Laschet. Die versucht er zu aktivieren, indem er Scholz im TV-Triell diskreditiert oder vor einer rot-rot-grünen Regierung warnt. 

Dass diese Strategie verfängt, ist nicht völlig ausgeschlossen. Denn wenn etwas charakteristisch ist für diesen Wahlkampf, dann ist es die Volatilität. Das Jahr 2021 ist geprägt von Stimmungsumschlägen, die manchmal sehr plötzlich erfolgten: Erst kletterten die Grünen in historische Höhen, um dann steil herabzufallen. Die Union lag noch im Juli gut 15 Prozentpunkte vor der SPD und war damit fast doppelt so stark wie die Sozialdemokraten. Auch bei der FDP war in diesem Jahr ein großer Sprung nach oben zu beobachten. "In dieser Dimension sind die Schwankungen neu", sagt Güllner. 

Wäre also auch diesmal eine Art Sachsen-Anhalt-Effekt denkbar? Bei der Landtagswahl im Juni sahen die Umfragen CDU und AfD kurz vor Schluss noch etwa gleichauf. Viele Wähler, auch solche von den linken Parteien, wechselten zum christdemokratischen Ministerpräsidenten, um den Triumph der AfD zu verhindern. Die Umfragen selbst haben also den Wahlausgang beeinflusst, weil der prognostizierte Ausgang noch einmal ungemein mobilisiert hat. Es war das Gegenteil einer selbst erfüllenden Prophezeiung, sozusagen eine sich selbst verhindernde Vorhersage. 

Markant war es 2005

Nun, komplett vergleichen lassen sich Magdeburg und die Bundestagswahl nicht. Um die AfD (und somit die Frage: Erfolg der Rechtspopulisten?) geht es diesmal nur peripher. Dennoch ist ein gewisser Mitleidseffekt für die Union möglich. Dass sich einige potenzielle Anhänger denken: So arg wie in den Umfragen sollte es nun auch nicht kommen. 

Auch früher gab es schon Bundestagswahlen, bei denen die Stimmung in den letzten 14 Tagen noch einmal gekippt ist. Am markantesten war es 2005. Hier verkürzte die SPD unter dem Kanzler Gerhard Schröder den Vorsprung der Union binnen eines halben Monats von 13 auf einen Prozentpunkt. Letztlich musste er sich trotzdem seiner damals eher noch unbeliebten Herausforderin Angela Merkel geschlagen geben. Aber die Aufholjagd war nicht zuletzt der Popularität und dem Engagement Schröders geschuldet. Der kämpfte und warnte – und widerlegte damit alle Demoskopen. 

Den Schröder machen, sich gegen den Trend stemmen, das wäre also Laschets letzter Strohhalm. Nur im Gegensatz zum damaligen SPD-Kanzler: Ein Sympathieträger ist Laschet wirklich nicht. Die Wechselstimmung ist ausgeprägt – und richtet sich vor allem gegen seine Union. Ihr Programm verfängt nicht. Die Ampel, also ein Bündnis ohne CDU und CSU, gilt als die populärste Koalitionsoption. Es wird schwierig.  

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