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Ich war als Lehrerin auf Lebenszeit verbeamtet – darum habe ich alles über den Haufen geworfen und mich selbstständig gemacht

Lisa Rosa Bräutigam hatte alles erreicht – dennoch hängte sie ihre Karriere an den Nagel. - Copyright: Nuwo
Lisa Rosa Bräutigam hatte alles erreicht – dennoch hängte sie ihre Karriere an den Nagel. - Copyright: Nuwo

Lisa Rosa Bräutigam hatte es geschafft: Staatsexamen mit 0,75, feste Anstellung als Lehrerin, Verbeamtung auf Lebenszeit. Sie arbeitete sich innerhalb weniger Jahre sogar bis zur stellvertretenden Rektorin hoch, eine der höchsten Stellen an ihrer Schule.

Dann aber warf sie alles über den Haufen. Sie kündigte ihren sicheren Job als Lehrerin, von dem sie schon als Jugendliche geträumt hatte und machte sich selbstständig – mit einem Startup für Büromöbel.

Warum sie das gemacht hat, hat die 35-Jährige Business Insider verraten.

Aufgewachsen in Arbeiterfamilie

Bräutigam wächst in einer Arbeiterfamilie auf. Der Vater: angestellt bei der Deutschen Bahn. Die Mutter: Winzermeisterin. Noch während der Schulzeit entscheidet sie sich, Lehrerin zu werden. Damals habe sie Kindern mit Migrationshintergrund bei den Hausaufgaben geholfen. "Da habe ich gesehen, wie oft Sprachbarrieren oder der soziale Background den Bildungsweg beeinflussen", sagt sie.

Nach der Schule also Studium und zwei Staatsexamen. Abschluss mit 0,75er-Schnitt, besser geht es kaum. „Ich habe festgestellt, dass ich vielleicht ehrgeiziger bin, als ich ursprünglich dachte", sagt sie über ihren Abschluss. Zu Hause habe es nie Leistungsdruck gegeben. "In unserer Familie war ein gutes Ergebnis immer genug, ich musste nicht überragend sein". Die Motivation für einen guten Abschluss kam aus ihr selbst. "Ich hatte einen inneren Antrieb, Dinge gutzumachen und eine gute Lehrerin zu sein, weil ich etwas verändern wollte", so Bräutigam.

Verbeamtung auf Lebenszeit, und jetzt?

Bräutigam wurde zunächst auf Probe verbeamtet, später auf Lebenszeit. "Ich hatte gemischte Gefühle, als ich auf Lebenszeit verbeamtet wurde. Alle um mich herum waren erleichtert und stolz, besonders meine Eltern." Immerhin kommt die Verbeamtung mit einigen Vorteilen. Beamte gelten beispielsweise als nahezu unkündbar, sie müssen auch nicht in die Renten- oder Arbeitslosenversicherung einzahlen, haben also am Ende des Monats mehr Geld übrig. Und anstatt einer Rente erhalten sie eine Pension, die in der Regel deutlich höher ausfällt. Aber Bräutigam war damit nicht zufrieden. Sie sei gar unerfüllt gewesen und fragte sich, was als Nächstes kommen würde.

Allzu lang musste sie auf den nächsten Schritt aber nicht warten. Nur sechs Jahre nach ihrem Einstieg als Grundschullehrerin übernahm sie die Stelle als stellvertretende Rektorin. Danach sei sie zu ihrem Dienstherren, also der für sie zuständigen Person im Amt, gegangen und habe gefragt, wie es jetzt weitergehe. "Seine Antwort war, dass ich jetzt warten müsste und erst am Ende meiner Karriere wieder etwas Neues käme. Das war ein Schock für mich", sagt sie.

Warten, das wollte Bräutigam nicht. Als dann noch Corona dazukam, reifte in ihr eine andere Idee. Sie habe gesehen, wie viele Menschen zu Hause schlecht ausgestattet sind. "Sie bekamen Rückenschmerzen, weil sie keine Arbeitszimmer, geschweige denn einen geeigneten Bürostuhl hatten. Ich dachte mir: Es muss doch die Möglichkeit für Unternehmen geben, ihre Mitarbeiter auf einfache Art und Weise mit professionellen Büromöbeln auszustatten", sagt sie.

"Ich habe Sicherheit und Vorherbestimmung gegen persönliches Wachstum und Potenzial eingetauscht"

Sie dachte an ein Prinzip ähnlich dem des Jobrads. Mitarbeiter sollen über ihren Arbeitgeber Büromöbel leasen und diese nach Hause geliefert bekommen können. Der Name ihres Unternehmens: Nuwo.

Von der Branche aber hatte sie anfangs keine Ahnung. Woher auch? Sie war schließlich Lehrerin und keine Spediteurin. Trotzdem gab sie ihrer Karriere eine radikal andere Richtung. Und mit ihr die vielen Vorteile, die eine Verbeamtung mit sich bringt. In ihrem Umfeld habe das niemand gut gefunden, sagt sie. „Viele denken, ich habe Sicherheit gegen Risiko getauscht. Aber ich sehe es so: Ich habe Sicherheit und Vorherbestimmung gegen persönliches Wachstum und Potenzial eingetauscht. Vorherbestimmung, also genau zu wissen, was in der Zukunft passiert, ist nichts für mich", so Bräutigam.

Doch gleich am Anfang musste Bräutigam mehrere Rückschläge hinnehmen. Ihr Konzept funktionierte am Anfang über Fachhändler. Zu diesen Fachhändlern mussten die Kunden dann gehen, um ihren Tisch auszusuchen. Doch die Branche, so sagt sie es selbst, sei sehr konservativ.  "Die Händler waren nicht begeistert davon, dass auf einmal Endkunden bei ihnen im Laden standen", erinnert sich die 35-Jährige. „Es gab sicherlich Fachgeschäfte, bei denen das Modell funktioniert hätte, aber im Großen und Ganzen hat es nicht geklappt", fügt sie hinzu.

Sie passte das Konzept also an – mehrmals. "Ich glaube fest an das Potenzial", sagt sie. "Selbst wenn jetzt noch etwas essenziell schiefgehen würde, würde ich keinen Tag bereuen, weil ich so viel auf dem Weg gelernt habe. Lernen, oft durch Schmerz, war extrem wertvoll für meine persönliche Entwicklung", fügt sie hinzu.

Bräutigams Tipp: Netzwerkt über Linkedin

Jetzt kann man sich die Möbel direkt über die Website bestellen. Die Händler wurden also aus der Gleichung herausgenommen. Und das Modell kommt an: Zuletzt sammelte ihr Startup in einer Investitionsrunde drei Millionen Euro ein.

Auf ihrem Weg nach oben habe Bräutigam vor allem ihr Netzwerk geholfen. Gerade einmal vor drei Jahren hatte sie angefangen, es sich aufzubauen. Ihr Lieblingstool dafür: Linkedin. "Nicht nur fürs Geschäft, sondern auch für persönliches Wachstum und Netzwerkpflege. Deswegen: Postet regelmäßig, teilt Einblicke in euer Leben, was euch bewegt", sagt sie. Sie rät außerdem "Seid mutig genug, Menschen einfach anzuschreiben. So habe ich meine ersten Kontakte in der Branche geknüpft, von der ich vorher weder Ahnung noch ein Netzwerk darin hatte. Jeder, der erfolgreich ist, hat irgendwann Hilfe von Mentoren oder anderen Unterstützern bekommen. Deshalb helfe ich auch gerne anderen, denn ich weiß, wie schwer der Anfang sein kann.“

Business Insider liegen Belege für die Staatsexamensnote von 0,75 sowie der Verbeamtung auf Lebenszeit vor.