Warum die AfD Fußball so doll liebt

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Georg Pazderski (l.) schießt verbal gegen Philipp Lahm (Bild: dpa/AP Photo/Matthias Schrader)

Eine innige Beziehung pflegt die Partei zum Leder. Vielleicht ist es Hassliebe? Jedenfalls ledert sie ab und zu derb. Jüngstes Opfer: Philipp Lahm.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Es ist manchmal nicht leicht, einen Politiker zu verstehen. Als Helmut Kohl (CDU) vor Gericht einmal komische Aussagen zu einer Spendenbeschaffungsanlage machte, verteidigte ihn sein Parteifreund Heiner Geißler mit der Vermutung, er habe wohl einen „Blackout“ gehabt. Das kann ich verstehen. Kommt schon mal vor. Als ich im vergangenen November im TV die Wahlnacht in den USA schaute, hatte ich danach auch einen Blackout. Seitdem ist Mysteriöses passiert, Amerika wird da jetzt von einem Typen regiert, also, keine Ahnung, wie das geschah.

So richtig verstanden habe ich auch nicht Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der monatelang gegen Kanzlerin Angela Merkel schoss und sie nun derart ramponiert mit süßester Säuselei in den Wahlkampf schickt.

Ganz und gar nicht verstehe ich aber den Georg Pazderski, Landeschef der AfD in Berlin. Der schaut zwar oft, als erwarte er stetes Strammstehen, aus seinen Worten indes werde ich nicht schlau. Unserem Philipp Lahm vom FC Bayern München hat er einen mitgegeben, was ratlos macht.

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Lahm hat der „Welt am Sonntag“ ein Interview gegeben. Da ging es nicht nur um Fußball, man äußerte sich auch zur Politik. Lahm sprach zum Beispiel über den erstarkenden Rechtspopulismus in Europa. „Ich blende das nicht aus. Definitiv nicht“, sagte er. „Die Wahlen in Holland sind das aktuellste Beispiel. Dort waren die Rechtspopulisten – Gott sei Dank – nicht so stark wie befürchtet. Aber im Frühjahr wählt Frankreich, im Herbst Deutschland. Es ist wichtig, dass wir nicht nur alle darüber nachdenken, sondern vor allem darüber sprechen.”

Wir müssen reden

Also, darüber reden ist eine gute Sache. So funktioniert Demokratie. Besser bildet sich eine Meinung nicht heraus als im Gespräch. Im stillen Kämmerlein wurde schon mancher Unsinn ausgebrütet. Zu Deutschland sagte Lahm schließlich: „Ich denke, was vermutlich die meisten von uns denken: Dass Deutschland nicht rechts werden darf. Dass nicht die Falschen, die Populisten, mehr Macht bekommen dürfen.“

Das war nun hinreichend ungenau von Lahm, denn Populisten finden sich in allen Parteien. Aber der Hinweis mit „rechts“ lässt darauf schließen, dass der Fußballer die AfD auf dem Kieker hatte; schließlich bezeichnen sich viele AfD-Politiker mittlerweile als „rechts“, das ist für sie eine Art Rückeroberung eines Begriffs.

Lahm mag also nicht die AfD. Das kommt in den besten Familien vor. Und ist kein Grund für die „Rechten“ zur Verzweiflung. Pazderski jedoch schaltete gleich auf Konter, der ging ab durch die Mitte: „Philipp Lahm soll sich um seinen Fußball kümmern und nach Möglichkeit die Politik anderen überlassen. Wenn er Politik machen will, soll er in die Politik gehen und soll sich dort dann engagieren.“

Hmm. Das ist wirklich schwer verständlich. Meint Pazderski, dass die Politik eine derart komplizierte Angelegenheit ist, dass sie besser Typen wie ihm überlassen wird? Dass dem Lahm der nötige Durchblick für eine genügend qualifizierte Äußerung fehlt? Und was heißt „nach Möglichkeit“? Nur wenn die Hütte brennt, sollte Lahm die Lippen bewegen?

Die Worte dieses AfD-Politikers können eigentlich nur meinen: Wer sich in der Politik nicht engagiert, soll die Klappe halten. Denn eine Interviewäußerung über Politik sei gleich „in die Politik gehen“. Schwebt dem Pazderski eine politische Zwei-Klassen-Gesellschaft vor Augen?

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Da seine Worte einige Fragezeichen hinterließen, fragten ein paar Kollegen von der Lügenpresse besser nochmal hinterher, und Pazderski führte aus: „Natürlich kann er sich äußern, das sag ich ja nicht. Aber (…) sich äußern und selbst Politik machen sind zwei große Unterschiede, und ich würde mir wünschen, dass Herr Lahm selbst in die Politik geht und dort seine Vorstellungen verwirklicht. So wie ich das auch mache.“

Ich gestehe: Nun verstehe ich noch weniger als vorher. Unser Job ist wirklich gemein. Sobald wir mal keinen Durchblick bei diesem Polittalk haben, sind wir die Lügenpresse. Was, um Himmels Willen, meint der Herr nun? Soll Lahm unbedingt in die Politik gehen, also nach seinem baldigen Karriereende als Fußballprofi, und dann darf er sich äußern? Und vorher schon, aber wie? Hü oder Hott?

Wie wäre es mit einem Beziehungscoach?

Ich kann nur vermuten, dass die AfD ziemlich auf Fußball abfährt. Keine Partei sucht mehr den Ball als die AfD. Ein AfD-Politiker lässt sich mit einem Profi ablichten, twittert das Foto – und bleibt vorerst dabei, auch als der Profi fordert den Tweet zu löschen; der wusste nämlich gar nicht, dass der harmlose Fan politische Motive verfolgte. Und da ist noch Alexander Gauland, Landeschef in Brandenburg, der im vergangenen Jahr darüber räsonierte, dass man einen wie Jerome Boateng zwar als Fußballer gut finde, ihn aber als Nachbar nicht wolle.

Es muss sich um Hassliebe handeln. Schließlich ist Fußball der Volkssport schlechthin. Und die AfD meint ja auch, für „das Volk“ zu sprechen. Das Problem: Bezüglich des Sports gibt es verlässliche Zahlen. Bezüglich der Politik sieht es da schwammiger aus. Das muss nerven. Ich glaube, die AfD möchte ein wenig vom Glanz des Fußballs erhaschen. Jedenfalls spielt auch Neid eine Rolle, wie in mancher Beziehung. Und da schimmert etwas durch, das der AfD oft vorgeworfen wird und das sie stets vehement dementiert: Populismus.

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