Warum werden Allergien immer häufiger?

Hannah Klaiber
Freie Journalistin

32 Millionen Deutsche leiden an einer oder gleich mehreren Allergien – und die Tendenz ist steigend. Warum gibt es immer mehr Allergien und wieso werden sie immer stärker? So kannst du dich schützen und Unverträglichkeiten vorbeugen.

Immer mehr Menschen kämpfen mit Allergien (Symbolbild: Getty Images)

Es klingt wie eine Kettenreaktion, die immer mehr Raum einnimmt: Fast ein Drittel aller Deutschen entwickelt im Laufe seines Lebens eine Allergie – Tendenz steigend. 12 Millionen davon leiden an Heuschnupfen und 60 Prozent von diesen entwickeln wiederum eine weitere Unverträglichkeit, eine so genannte Kreuzallergie, auf ein Nahrungsmittel. Zeitgleich werden die bestehenden Allergien immer schlimmer. Befinden wir uns in einer nicht enden wollenden Allergiespirale, die sich immer schneller dreht – oder sind wir in Bezug auf Unverträglichkeiten einfach nur aufmerksamer (vielleicht auch paranoid) geworden?

Es gibt mehr und mehr Allergien

Es stimmt: Studien haben erwiesen, dass Allergien in den letzten Jahren zugenommen haben. Ebenso, dass mehr Städter an allergischen Reaktionen leiden als Menschen auf dem Land – und dass dieses Phänomen weder auf ein bestimmtes Alter noch auf eine Region beschränkt ist: Zahlen aus Europa, Australien, Afrika und Nordamerika belegen weltweit eine deutliche Zunahme an allergischen Erkrankungen.

In England, den USA ebenso wie in Griechenland leiden heute rund 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung an Atemwegsallergien wie Heuschnupfen – einer Krankheit, die vor 200 Jahren dort noch quasi unbekannt war. Ähnlich sieht es bei Asthma aus: Die Zahl der Erkrankungen hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre mehr als verdoppelt, Asthma gilt mittlerweile sogar als häufigste chronische Krankheit bei Kindern.

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Warum reagiert der Körper bei einer Allergie so stark?

Grundsätzlich ist eine Allergie eine übermäßige Fehlreaktion des Körpers auf eigentlich harmlose Stoffe. Das Immunsystem macht gegen diese Stoffe mobil – nach außen hin zeigt sich das etwa in Form einer Entzündung der Nasenschleimhaut, Quaddeln, Neurodermitis oder dergleichen. Bei häufigem Kontakt mit den All­ergenen nimmt diese Reaktion des Körpers zu.

In den letzten Jahren stieg allerdings nicht nur die Häufigkeit allergischer Erkrankungen, sondern auch die Anzahl von Patienten mit so genannten multiplen Allergien. Diese sind zum einen auf ein bereits allergisch geprägtes Immunsystem zurückzuführen. Zum anderen kann es sich um eine sogenannte Kreuzreaktivität bereits vorhandener Antikörper handeln: Antikörper, die etwa gegen bestimmte Latex-Allergene gebildet wurden, reagieren auch mit z.B. Proteinen aus unterschiedlichen Früchten. So werden auch diese Proteine zu potenziellen Allergenen und können unter Umständen weitere Allergien auslösen.

Welchen Einfluss hat die Umwelt auf Allergien?

Erwiesen ist auch, dass der Klimawandel Auswirkungen auf Allergiker hat: Durch die Erderwärmung ist zum Beispiel der Pollenflug bereits länger und stärker geworden. Wenn der Winter dann auch noch lang und kalt ist, lässt der plötzliche Temperaturanstieg nicht nur mehr Pollen, sondern auch Pollen verschiedener Pflanzen gleichzeitig fliegen. Das Resultat: Der Heuschnupfen-Geplagte leidet nicht nur früher und länger, sondern auch stärker an seiner Allergie.

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Die Zahl der Asthma-Kranken hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre mehr als verdoppelt (Symbolbild: Getty Images)

Auch die wachsenden Schadstoffbelastungen bedingen das Auftreten von Allergien: So wirkt Kohlendioxid, das durch Fahrzeuge freigesetzt wird, wie Dünger auf die Pflanzen am Straßenrand. So werden beispielsweise in der Stadt und an Autobahnen mehr Pollen freigesetzt als beispielsweise im Wohngebiet am Ortsrand. Zum anderen wird das Immunsystem durch Ruß- oder Feinstaubpartikel, die sich auf den Pollen befinden, stärker gereizt – ein weiterer Trigger für die Allergieentwicklung. Untersuchungen des Münchner Helmholtz-Zentrums in der Klimakammer zeigten außerdem, dass mit der Umweltbelastung durch Stickstoffdioxid und Ozon die Eiweißproduktion und damit auch die Allergenproduktion steigen.

Der Einfluss des westlichen Lebensstils auf die Entwicklung von Allergien

Der Zuwachs an Allergien zeigt sich nicht überall gleichmäßig, sondern ist auch von der Lebensart abhängig. Heuschnupfen und Asthma treten Untersuchungen zufolge zum Beispiel in ländlichen Gegenden von Afrika, Russland oder in Entwicklungsländern weniger häufig auf als in Industrieländern, in denen ein vergleichsweise sehr hoher hygienischer und medizinischer Standard herrscht. So durchlaufen Kinder in westlichen Ländern heute viel weniger klassische Kinderkrankheiten, die das Immunsystem trainieren und in eine anti-allergische Prägung treiben könnten. Das führt möglicherweise dazu, dass schon das kindliche Immunsystem verstärkt zu allergischen Reaktionen neigt.

Wie kann ich mich vor Allergien schützen?

Allergien sind kein Glücksspiel, und ob Baby oder Erwachsener: Jeder kann potenziellen neuen Allergien mit unterschiedlichen Mitteln vorbeugen und bestehende zumindest eindämmen.

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Bei der Allergievorbeugung spielt das Motto “Toleranzentwicklung“ eine große Rolle – vor allem bei Kleinkindern. Der Verzicht auf potenziell allergieauslösende Lebensmittel wie Milch, Nüsse oder Fisch im Kindesalter gehört damit der Vergangenheit an. Stattdessen soll die Ernährung bei Kind wie auch dem Erwachsenen gesund und möglichst naturbelassen sein, um das Immunsystem zu unterstützen. Stichwort Hygiene: Auch das Aufwachsen unter mehreren Geschwistern und der Kontakt mit Natur und Tieren tragen dazu bei, dass weniger Allergien auftreten.

Ist eine Allergie bereits ausgebildet, geht es vor allem um eines: eine fachgerechte kurz- wie langfristige Behandlung durch den Allergologen. Wenn Heuschnupfen beispielsweise nicht oder falsch diagnostiziert wurde und falsch behandelt wird, kann sich daraus chronisches Asthma entwickeln. Die Förderung einer Toleranzentwicklung im Sinne einer Desensibilisierung funktioniert hier leider nicht – und wer gegen Birken allergisch ist, bekämpft diese Allergie nicht, indem er sich drei der Bäume in den Garten pflanzt. Fachärzte können je nach Allergen allerdings Hyposensibilisierungen verordnen, also eine gezielte Immuntherapie, die darauf ausgelegt ist, die Überreaktionen des Immunsystems zu minimieren. Eine solche Therapie kann allerdings bis zu fünf Jahre dauern und ist nichts für kurzfristige Erfolge.

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Die Forschung arbeitet übrigens an einer prophylaktischen Gewöhnung des Immunsystems an Allergene – Ziel ist, dass Kinder irgendwann gegen die häufigsten Allergien geimpft werden können. Ausgesprochen vielversprechende Zukunftsmusik, über die sich besonders die Kinder von Allergikern freuen dürften, die wahrscheinlicher an Allergien erkranken werden.

Bis dahin heißt es für aktuelle und potenzielle Allergiker, sich möglichst gesund zu ernähren, sich erwiesenen Allergenen möglichst wenig auszusetzen – und etwas gegen den Klimawandel und Schadstoffausstoß zu tun. Wenn ein Allergiker dafür wieder tief durchatmen kann, hat sich der Einsatz doch sogar auf kurze Sicht schon gelohnt.

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