Was wir von der Wahl in den Niederlanden lernen können

Geert Wilders hat die Wahl in den Niederlanden nicht gewonnen. Foto: dpa.

Der Urnengang zeigt: Hektik ist ein schlechter Ratgeber.

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Ein Kommentar von Jan Rübel

Irgendwie hat der Wecker nicht funktioniert. Dabei hatte Marine Le Pen gemeint, 2017 werde das Jahr sein, „in dem die Völker des kontinentalen Europa erwachen“. Nun, die rege Wahlbeteiligung bei der gestrigen Parlamentswahl in den Niederlanden zeigte schon eine große Aufmerksam- und Achtsamkeit eines dieser Völker, von denen die Chefin des rechtsextremen Front National aus Frankreich spricht. Nur sind die Leute hinterm Deich nicht in die Richtung marschiert, wie es sich die Rechtspopulistin wünschte.

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Geert Wilders hat die Wahl nicht gewonnen. Das ist die Nachricht des Tages. Oder doch nicht? Wurde da einfach jemand überschätzt?

Ich gestehe, ich musste erstmal bei Wikipedia nachschauen, welche Parteien ähnlich viele Stimmen erhielten wie die Ein-Mann-Partei von Wilders. Da gibt es die Christdemokraten CDA, die Linksliberalen D66, die Sozialistische Partei SP und die Grünen – alle bei den Voten eng beieinander. Wer aber erhielt die meiste Aufmerksamkeit in den Medien? Wilders.

Der Rechtspopulismus schimpft gern auf die Medien, schnell ist man entweder Pinocchio oder gleich ein Lügner. Der Rechtspopulismus aber lebt wie kaum eine andere Strömung von den Medien. Denn sein Nährstoff ist die Erregung, und sie fließt durch Adern, welche die Medien legen. Wilders bestritt seinen gesamten Wahlkampf als so genannter Mann des Volkes von seinem Handy aus. Er twitterte. Wir Medien stürzen uns auf jeden Seufzer. Ein Stück weit sind wir selbst schuld am rechtspopulistischen Hype.

Der Aufregung hinterher

Natürlich ist über jede relevante politische Strömung zu berichten, man muss sich mit ihr auseinandersetzen; erst recht, wenn in ihr gegen andere Menschen gerichtete Interessen transportiert werden, man muss ja wissen, worauf man sich einlässt. Nur ist die Medienberichterstattung über AfD, Wilders, FPÖ und Front National im Vergleich zu anderen Themen ausgeufert.

Wilders hatte auch das Pech, sich in genügendem Abstand zur Amtseinführung Donald Trumps als US-Präsident einer Wahl zu stellen. Nun weiß man, worauf man sich einlässt, Wilders als bekennender Trump-Fan musste mit ansehen, wie viel Porzellan der Egomane im Weißen Haus täglich zerschlägt. Das geht auch dem letzten Freund von „klarer Kante“ und Tischklopferei irgendwann auf die Nerven.

Und so haben die Niederländer mit dieser Wahl demonstriert, was ihnen wirklich wichtig ist. Die Islam- und Braunhäutigenfeindschaft von Wilders hatte mit immerhin eindrücklichen 13,1 Prozent da ebenso ihren Platz wie linke Gemeinschaftsideen, ökologische Umbaupläne, liberale und konservative Wertevorstellungen von der Gesellschaft. Die Niederländer zeigen auch, dass man keine Angst vor einer Vielparteienlandschaft zu haben braucht. So mancher deutsche Berichterstatter schrieb in den vergangenen Tagen von einer „zersplitterten“ Parteienlandschaft. Das klingt wie der Ruf nach einem Arzt.

Die Niederländer aber brauchen keinen Onkel Doktor aus dem Osten. Sie leben ihre Demokratie, verhandeln lange und zäh über ihre Regierungskoalitionen und erhalten dadurch seit Jahrzehnten stabile Regierungen. Die Hektik ist vorüber, vorerst.

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