"We love to inform you": "Zervakis & Opdenhövel. Live." als Speerspitze eines neuen ProSieben?

Christopher Schmitt
·Lesedauer: 4 Min.
Die rote Sieben ist Linda Zervakis' neue Senderheimat. Gemeinsam mit Matthias Opdenhövel wird sie bald das Live-Journal "Zervakis & Opdenhövel. Live" moderieren und sich an die ganz großen Themen wagen. (Bild: ProSieben)
Die rote Sieben ist Linda Zervakis' neue Senderheimat. Gemeinsam mit Matthias Opdenhövel wird sie bald das Live-Journal "Zervakis & Opdenhövel. Live" moderieren und sich an die ganz großen Themen wagen. (Bild: ProSieben)

Zwei ehemals öffentlich-rechtliche Journalisten sollen den Bereich Information bei ProSieben vorantreiben. Im Live-Journal "Zervakis & Opdenhövel. Live." versuchen sich Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel an einem Spagat: Informationen seriös, aber emotionaler als gewohnt zu vermitteln.

Jokos und Klaas' mehrstündige Sendung über den Pflegenotstand wurde als "ein Stück deutsche TV-Geschichte" gewürdigt. Für ihren ersten Auftritt als Kanzlerkandidatin der Grünen suchte sich Annalena Baerbock nicht etwa ARD oder ZDF aus, sondern ProSieben. Beim Privatsender in Unterföhring bei München ist offenbar ein neues Selbstverständnis eingekehrt. ProSieben-Senderchef Daniel Rosemann fasste den neuen Anspruch am Mittwoch gegenüber Journalisten zusammen: "Unter 'We Love To Entertain You' passt auch viel lnfotainment und Information und Haltung." So würde sich Thilo Mischke beispielsweise gerade auf einer Recherchereise in Syrien befinden.

Um das Programm in diese Richtung voranzutreiben, verpflichtete ProSieben aktuell gleich zwei prominente Namen, die am Mittwoch verkündet wurden und erstmals zusammen auftraten: die kürzlich ausgeschiedene "Tagesschau"-Sprecherin Linda Zervakis sowie der ebenfalls scheidende "Sportschau"-Moderator Matthias Opdenhövel. Mit einem Live-Journal unter dem Namen "Zervakis & Opdenhövel. Live." wollen die ehemaligen ARD-Journalisten ab Herbst wöchentlich zur Primetime die Horizonte der Zuschauer erweitern - mit den ganz großen Themen. "Mit ihrer Erfahrung und mit ihrer Verbindlichkeit sind Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel die richtigen Journalisten für diesen großen Schritt", erklärte Daniel Rosemann. "Ganz viel Mensch" - gemeint war das Moderatoren-Duo - soll in dem neuen Format drinstecken.

Für die neue von der Haus- und Hof-Produktionsfirma RedSeven produzierte Sendung soll von 20.15 Uhr bis 22.15 Uhr Platz geschaffen werden. An welchem Wochentag genau Zervakis und Opdenhövel auf Sendung gehen, ist noch unklar, soll aber schon bald verkündet werden. "Viertelstunde kann ich. Jetzt muss ich beweisen, dass ich auch eineindreiviertel Stunden dranhängen kann", spielte eine gut gelaunte Linda Zervakis auf ihre "Tagesschau"-Vergangenheit an.

Wie vor acht Jahren: Linda Zervakis trug bei ihrer letzten "Tagesschau"-Moderation ihr rotes Sakko. Nun wechselt sie ins Privatfernsehen, wo man sich journalistische Arbeit etwas anders vorstellt. (Bild: ARD / Screenshot)
Wie vor acht Jahren: Linda Zervakis trug bei ihrer letzten "Tagesschau"-Moderation ihr rotes Sakko. Nun wechselt sie ins Privatfernsehen, wo man sich journalistische Arbeit etwas anders vorstellt. (Bild: ARD / Screenshot)

"Es soll gelacht, geweint und sich gefreut werden"

Nach eigener Aussage freue sich Rosemann immer noch jeden Tag über die Verpflichtung von Zervakis, gemeinsam mit Matthias Opdenhövel hätte sich "das perfekte Match" ergeben. Nachdem die griechisch-stämmige Zervakis zunächst scherzhaft verkündete, ein "Pegasus-Teller mit extra viel Zwiebeln" habe sie von ProSieben überzeugt, erläuterte sie ihre Entscheidung fürs Privatfernsehen: "Für mich ist die Zeit gekommen für eine neue Herausforderung." Bei "Zervakis & Opdenhövel. Live." gehe es nicht lediglich darum, Nachrichten an Nachrichten aneinanderzureihen. "Es soll gelacht, geweint und sich gefreut werden", so die 45-jährige, die erst am Montagabend mit einer letzten 20-Uhr-Ausgabe "Tschüss" zur "Tagesschau" sagte. "Dieses Potpurri ist das Spannende daran", freut sich Zervakis auf unterschiedlichste Themen. Entscheidend bei der Auswahl sei die Relevanz.

Zervakis' neuer Moderationspartner, der die Musikshow "Masked Singer" und bald auch Fußball bei SAT.1 präsentiert, ergänzte: "Es gibt ja nicht nur im Sport spannende Themen sondern überall." Matthias Opdenhövel berichtete, bereits als Kind ein neugieriger Mensch gewesen und deshalb auch Journalist geworden zu sein. "Wir können spannende, lustige oder nachhaltige Geschichten erzählen", so der 50-Jährige. "Und die gemeinsame Moderation mit Linda bietet uns die super Gelegenheit, dass auch mal einer von uns irgendwo vor Ort sein kann, während der andere im Studio steht." Sowohl Zervakis als auch Opdenhövel kommen vom Radio. Bei ProSieben werden sie künftig wohl auch in den ein oder anderen Auslandseinsatz geschickt.

"Haltung ist nichts, was sozial erwünscht ist"

Immer wieder fiel während der Präsentation das Wort Haltung. Was genau Rosemann damit meinte, erklärte er dann auf Nachfrage: "Haltung ist nichts, was sozial erwünscht ist. Haltung ist etwas, das auch gegen Widerstände bestehen muss." Wenn es etwa um Menschenrechte und das Flüchtlingslager in Moria ginge, vertrete sein Sender eine klare Haltung. "Da ist eine falsche Objektivität gar nicht angebracht." Grundsätzlich seien Journalisten ja keine Menschen ohne Gefühle. Emotionen ließen sich sehr wohl mit dem journalistischen Berufsbild in Einklang bringen. "Partei ergreifen finde ich gut, damit ist ja nicht gemeint eine politischen Partei", stellte Rosemann klar. Dass Katrin Bauerfeind und Thilo Mitschke Annalena Baerbock nach dem Interview gratulierten, zog auch viel Kritik nach sich.

Weiter führte der ProSieben-Chef aus, dass nur ein Live-Format den schnelllebigen Zeitgeist treffe. Infotainment-Formate müssten sich anders anfühlen, die als Nachrichtenformate der Öffentlich-Rechtlichen. Auch andere Fragen müssten gestellt werden. "Ich liebe das Wort Entritualisieren", merkte Rosemann dazu an. "Zervakis & Opdenhövel. Live." könnte ein Gradmesser dieser gewünschten Entritualisierung werden. Ob dem Zuschauer eine emotional eingefärbtere, ja amerikanischere Berichterstattung zusagt, bleibt zunächst offen.

Solche Formate stehen und fallen auch mit ihren Gästen. Auf dem Wunschzettel von Linda Zervakis findet sich niemand geringeres als die Kanzlerin ganz oben: Angela Merkel, nach dem Ende ihrer langen Amtszeit. "Die könnte doch kurz vor Weihnachten bei uns vorbeischauen." Dies lässt sich durchaus als Einladung an die amtierende Kanzlerin verstehen. Auch ProSieben-Chef Rosemann gefällt die Idee, er würde sich jedoch gleich eine ganze "Rentner-Runde" wünschen: Neben Angela Merkel wären seiner Ansicht nach auch der dann ausgeschiedene Bundestrainer Jogi Löw und Ex-DSDS-Urgestein Dieter Bohlen interessante Gäste.

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