Die Welt am Abgrund: "Fridays for Future" à la Netflix

Andreas Fischer

In der Mysteryserie "Ragnarök" kreuzt Netflix die Angst vor dem Klimawandel mit der nordischen Sage vom Untergang der Götter: Mittendrin ein Teenager, der sich selbst finden will und dabei entdeckt, dass er mit dem Hammer genauso gut umgehen kann wie Thor.

Der Gletscher schmilzt, im Fjord verrecken die Fische, und die Luft ist vergiftet: Mit der norwegischen Serie "Ragnarök" startet Netflix am 31. Januar eine ganz eigene "Fridays for Future"-Bewegung und verknüpft in einem gut geschriebenen Sechsteiler eine sensible Coming of Age-Geschichte geschickt mit aktuell brisanten Themen. In Norwegens nicht mehr ganz unberührter Abgeschiedenheit breitet sich der Mensch gemachte Wahnsinn in der fiktiven Kleinstadt Edda aus. Dorthin verschlägt es einen autistisch veranlagten Teenager und seinen intriganten Bruder Laurits (Jonas Strand Gravli) mit ihrer alleinerziehenden Mutter.

Neu in der Stadt, muss Magne (David Stakston) nicht nur in der fremden Umgebung zurechtkommen, sondern auch mit übernatürlichen Fähigkeiten, über die er plötzlich verfügt. Ein kurzes Aufblitzen seiner Augen verrät, dass in dem Teenager mehr steckt, als man hinter seiner gutmütigen Fassade vermutet. Die einzige, die sein Potenzial erkennt, ist Isolde (Ylva Bjørkaas Thedin), eine Außenseiterin wie Magne, und sehr für den Klimaschutz engagiert. Wie in der echten Welt werden engagierte junge Menschen auch in Edda entweder ignoriert - oder aber diskreditiert und körperlich angegriffen.

Nah am Abgrund

Ragnarök ist in der nordischen Mythologie die Geschichte vom Untergang der Welt nach einem epischen Kampf zwischen Göttern und Riesen: Wie in den Sagen steht auch die Welt in Edda kurz vor dem Abgrund. Die einzigen, die noch etwas unternehmen können und wollen, sind Teenager wie Magne. Er wird zum modernen Thor und will im Kampf gegen Industriegiganten die bevorstehende Apokalypse verhindern.

Ein Schuss Mystery, nordische Göttersagen und der ganz reale Klimawandel: Als Parabel über den Untergang der Welt ist "Ragnarök" bisweilen etwas plakativ geraten, als Coming of Age-Geschichte nimmt die sensible Serie die Sorgen und Nöte der Protagonisten ernst - und ist dabei ausgesprochen unterhaltsam. Magnes übernatürliche Fähigkeiten und sein Kampf gegen die dunklen Mächte im Ort sind spektakulär anzusehen. Im Kern aber sind sie für den jungen Mann vor allem ein Ventil für seine Wut, seine Ängste und seine Unsicherheiten.