Wer hat's (wirklich) gesagt? "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet…"

Hannah Klaiber
·Freie Journalistin
Dass man Geld nicht essen kann, besagt eine vermeintliche Indianerweisheit. (Bild: Getty Images)
Dass man Geld nicht essen kann, besagt eine vermeintliche Indianerweisheit. (Bild: Getty Images)

Die Weissagung der Cree, die weltberühmte Rede von Chief Seattle – oder stammte die etwa doch von Häuptling Sitting Bull? Was Sie über die bekanntesten (angeblichen) Indianerweisheiten wissen sollten.

“Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Stand dieser Spruch in der Schulzeit auch auf Ihrem Federmäppchen, der wild besprühten Tür des Jugendzentrums oder zumindest einem Poster im Gemeinschaftskunderaum? Glückwunsch, dann waren Sie entweder ganz offiziell Teil der Umweltbewegung der 1980er und 1990er oder haben zumindest nebenbei irgendetwas davon mitbekommen. Die Frage ist nur: Sind bei Ihnen die echten Weisheiten hängengeblieben oder bringen Sie (wie so viele andere auch) nach all den Jahren das eine oder andere Zitat und seinen Verfasser durcheinander? Wir klären auf.

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Als Weissagung der Cree ist der mitreißende Spruch bekannt, der zu einem der Slogans der amerikanischen wie auch westdeutschen Umweltbewegung wurde. So ziemlich jeder hatte einen der Greenpeace-Aufkleber mit dem Zitat, das von einer indianisch anmutenden, irgendwie nach Totempfahl aussehender Grafik umrandet wurde. Klar, war ja auch eine Jahrhunderte alte Weisheit von diesem einen berühmten Indianerhäuptling, oder? Nein, war es nicht – oder zumindest nicht ganz.

Eine Version soll tatsächlich von einer Cree-Indianerin stammen

Garson O`Toole, der kreative Kopf hinter der Website „Quote Investigator“ und Autor von Büchern wie „Hemingway didn`t say that: The Truth behind Familiar Quotations“ recherchierte den wahren Hintergrund des weltbekannten Zitats und fand heraus: Die eine Wahrheit gibt es nicht – und das eine Zitat auch nicht. Denn auch wenn eine kanadische Filmemacherin namens Alanis Obomsawin, die einem indianischen Volk angehört haben soll, die älteste schriftliche Quelle des Spruchs ist, werden Teile daraus (der letzte Baum, der letzte Fisch, der letzte Fluss) einer weitaus älteren Prophezeiung der Pueblo-Indianer Hopi zugeordnet.

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Eine Version der Legende soll tatsächlich auch von einer Cree-Indianerin stammen. Allerdings endet diese gar nicht so mahnend und an das Umweltbewusstsein appellierend wie wir es heute kennen, sondern recht simpel mit dem Erscheinen einer Armee von Regenbogenkriegern.

“Wenn der letzte rote Mann mit seiner Wildnis verschwunden und die Erinnerung an ihn nur der Schatten einer Wolke ist, die sich über die Prärie bewegt, werden diese Küsten und Wälder dann noch da sein? Wird vom Geist meines Volkes etwas übrigbleiben?”

Aber dieses Zitat, das wie die zweite Strophe der Weissagung der Cree klingt, stammt doch wirklich von Chief Seattle, oder? Nun, was dieser in seiner berühmten Rede von 1854 vor dem Gouverneur von Washington wirklich sagte, ist nur sehr ungenau überliefert. Denn selbst einer der wenigen Ohrenzeugen, der sich erst rund 30 (!) Jahre später in einer Zeitung aufgrund von Notizen an den Inhalt „erinnerte“, verstand die Sprache des Chiefs nicht und dürfte seinen Eindrücken im Laufe der Zeit einiges an Blumigkeit, Emotionen und heroischen Formulierungen hinzugefügt haben. Inhalte wie Ökologie und Umweltbewusstsein fehlten dieser Überlieferung zufolge übrigens in Seattles Rede komplett.

Manche Dinge sind mit Geld eben einfach nicht aufzuwiegen. (Bild: Getty Images)
Manche Dinge sind mit Geld eben einfach nicht aufzuwiegen. (Bild: Getty Images)

Warum genau diese Botschaft diejenige ist, für die Chief Seattle heute bekannt ist, könnte an Filmemacher Ted Perry liegen, der die oben zitierte und bekannteste Version der Rede von Chief Seattle Anfang der 1970er Jahre für einen Film über Ökologie verfasste. Diese enthält neben der ausgeprägten Auslegung in Richtung Umweltschutz aber auch einiges an Sachfehlern wie etwa die Erwähnung einer Eisenbahn, die erst lange nach Seattles Rede gebaut wurde…

Wie viel Umweltbewusstsein steckte in den Ursprungszitaten?

Zu guter Letzt: Der berühmte Häuptling Sitting Bull, der 1883 ebenfalls eine bedeutende Rede vor einer amerikanischen Regierungskommission hielt, hat weder mit der Weissagung von Cree noch mit Chief Seattles Rede vor Gouverneur Isaac Ingall Stevens etwas zu tun – auch wenn ihm beides regelmäßig nachgesagt wird. Er soll lediglich ein ausgeprägtes Verhältnis zur Natur gehabt haben – ebenso wie die Cree und Chief Seattle. Doch auch hierfür fehlen die Belege – womit zumindest eine Gemeinsamkeit zwischen dem Indianertrio bewiesen wäre…

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