Weshalb Plus-Size-Frauen nicht genauso verführerisch mit Essen posieren können wie Bella Hadid und Emily Ratajkowski

In einem aktuellen Videodreh für die Zeitschrift LOVE räkelte sich Emily Ratajkowski in Spaghetti. In derselben Woche veröffentlichte Vogue Italia ein Foto aus seiner „Celebration“-Ausgabe, auf dem Bella Hadid und Lily Aldridge mit Hähnchen in der Hand bei einem Festmahl posieren.


Es wird als „editorial“ und „schick“ angepriesen und erntete Kommentare wie „Das ist großartig!“ und „So stelle ich mir eine Verabredung zum Abendessen vor!“

Mit anderen Worten: Die Betrachter empfinden die Speisen neben den dünnen Models als reine Requisiten, und sehen darin vielleicht etwas Neues oder „Echtes“. Aber was würde passieren, wenn kurvige oder mollige Frauen auf dieselbe Weise posieren? Würden die Leser sie ebenfalls sexy nennen? Würde ihnen bei der Vorstellung, mit ihnen gemeinsam zu essen, ebenfalls das Wasser im Mund zusammenlaufen? Die Erfahrung – und kurvige Frauen – sagen: definitiv nicht.

Für das Plus-Size-Model Callie Thorpie, das sich für mentale Gesundheit einsetzt, wird hier mit zweierlei Maß gemessen – und sie hat dies am eigenen Leib erfahren. Ein simples Foto von ihrem Frühstück veranlasste jemanden, zu ihr zu sagen: „Das solltest du nicht essen. Das ist der Grund, weshalb du nicht gesund bist.“

„Wenn dünne Frauen Fotos teilen, auf denen sie Donuts und Pizza essen, finden die Leute das okay (was es übrigens auch ist… es ist nicht verkehrt, dass Frauen auf Fotos essen)“, sagt sie. „Wenn eine mollige/dicke Frau das tun würde, würde man sie beschuldigen, ungesund, gierig, verfressen und verschwenderisch zu sein.“


Wenn eine dünnere Frau ein Foto mit Essen oder ein Foto, auf dem sie isst, postet, dann wird ihre Gesundheit nur selten infrage gestellt, obwohl die Figur kein verlässlicher Indikator für Gesundheit ist.

Natürlich ist es so, dass Frauen, egal ob dünn oder kurvig, auch aus anderen Gründen beleidigt werden, wenn sie mit Lebensmitteln – oder auch ohne – posieren. So bezeichnete Piers Morgan Ratajkowski nach ihrem Spaghetti-Shooting als „dumm” und „Flittchen“. Doch es gibt zweifellos eine tief sitzende Abneigung gegen Plus-Size-Frauen mit Lebensmitteln. Punkt.


Anna Shillinglaw, ein ehemaliges Model und Gründerin von MiLK Management (eine Agentur, die sich für Vielfalt einsetzt und die wichtigsten kurvigen und Plus-Size-Models und Influencer vertritt), kennt das Problem nur zu gut.

„Es gibt eine Doppelmoral, wenn es um Frauen und Lebensmittel in den Medien geht, und wenn ein Plus-Size-Model sich verführerisch oder provokativ in Lebensmittel wälzen würde, wären die Reaktionen völlig anders und das ist falsch“, erzählt sie Yahoo Lifestyle.

Und wenn fülligere Frauen trotzdem mit Lebensmittel posten, dann wollen sie damit kontern.

2016 veröffentlichte das Aerie Real-„Gesicht“ Iskra Lawrence ein Foto auf Instagram, auf dem sie sich in Chipstüten räkelt. Die Medien spielten verrückt und nannten ihr Foto eine „Retourkutsche“ – was es auch war. Doch die übertriebenen Reaktionen bewiesen, dass man kurvige Frauen, die mit Lebensmittel posieren, nicht schlicht und einfach akzeptieren kann. Das Foto kann nicht für sich stehen wie ein Foto eines Mädchens mit Chips – es muss einem höheren Zweck dienen.

Das Ironische an der Sache ist, dass viele Fotoshootings an eine der frühen Verfechterinnen von Plus-Size-Frauen mit Lebensmittel erinnern: Carine Roitfeld, die ehemalige Herausgeberin der französischen Vogue. Sie veröffentlichte ein Editorial, in dem das damalige Plus-Size-Model Crystal Renn mit unterschiedlichen Speisen posierte. Das Fotoshooting mit dem Titel „Festin“, was soviel wie „Bankett“ bedeutetet, erschien sieben Jahre vor der aktuellen „Celebration“-Ausgabe des italienischen Pendants.


Dieses ganze Mode-Essen-Thema in der neuen Vogue Italia ist womöglich sehr stark von dem beeinflusst, was Roitfeld vor einigen Jahren gemacht hat.

Weshalb wird in unserer Gesellschaft Sexualität mit Essen in Verbindung gebracht? Und warum dürfen Frauen nicht einfach unabhängig von ihrer Figur posieren, womit sie wollen, also auch mit Lebensmittel? Laut Amanda M. Czerniawski, Doktorin der Philosophie und Autorin von Fashioning Fat: Inside Plus-Size Modeling, gibt es tatsächliche eine Verbindung zwischen Lebensmitteln und dünnen Körpern.

„Essen kann eine sehr sinnliche Komponente haben“, sagt sie. „Wir akzeptieren solche Bilder eher, weil wir so besessen davon sind zu verstehen, was sie mit ihren Körpern machen.“

Ihrer Meinung nach stehen hinter dem Problem, das fülligere Menschen damit haben, sich über Lebensmittel auszudrücken, die konditionierten Unsicherheiten der Menschen.

„Wir haben diese Wahrnehmung, dass fülligere Körper undiszipliniert und faul sind“, erklärt sie. „In Verbindung mit Fettleibigkeit und Angst vor Fettleibigkeit zeigen die Medien fülligere Körper – und das Nebeneinanderstellen von fülligeren Körpern und Fast Food schürt die Angst davor. Wenn wir fülligere Models mit Essen sehen, wird diese Angst größer.“

Es gibt allerdings Hoffnung. Sowohl Shillinglaw als auch Czerniawski haben im Lauf der Jahre eine positive Veränderung bemerkt. So waren etwa spärlich bekleidete Models eher akzeptiert, wenn sie dünn waren. Jetzt haben Plus-Size-Models – wie Czerniawski sagt – die Vorstellung abgelegt, dass sie ihre Körper verhüllen müssen und dasselbe geschehe langsam auch mit Lebensmitteln. Bis dahin geht es darum zu akzeptieren, dass ein Model oder eine Frau unabhängig von ihrer Figur das Recht hat, mit allem zu posieren, worauf sie Lust hat, auch wenn es Unmengen von Chips oder Spaghetti sind.

„Nahrung ist etwas Intimes. Aber wenn es eine ganze Klasse von Menschen gibt, die wegen des Essens stigmatisiert werden, dann ist es extrem problematisch“, sagt Czerniawski. „Vielleicht sollten Models mit unterschiedlichem Körper und unterschiedlicher Figur einfach gemeinsam essen.“

Mandy Velez

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