Whistleblowerin Frances Haugen (37): Facebook profitiert von Hassreden

·Lesedauer: 4 Min.

Das Geschäftsmodell von Facebook basiert auf Hassreden, schadet der Demokratie und "spaltet unsere Gesellschaften". Das sagt eine ehemalige Produktmanagerin des Unternehmens.

Frances Haugen, die Facebook im Mai dieses Jahres verlassen hat, war die Informantin, die dem Wall Street Journal schon vor Wochen interne Studien des Unternehmens zugespielt hat. Die Berichte über negativen Auswirkungen von Instagram auf die psychische Gesundheit von Mädchen im Teenageralter haben zuletzt für Schlagzeilen gesorgt.

In einem Gespräch mit dem US-Fernsehsender CBS am Sonntag erklärt die Whistleblowerin Frances Haugen, dass ihre Erfahrungen bei Facebook aufgezeigt hätten, das Profit Vorrang vor der Verbesserung der Sicherheit des Produkts habe.

"Es gab immer wieder Interessenskonflikte zwischen dem, was gut für die Öffentlichkeit ist, und dem, was gut für Facebook ist", sagte Haugen in der CBS-Sendung "60 Minutes".

Der US-Senat will inzwischen gegen Facebook vorgehen wegen der Auswirkungen von Instagram auf die psychische Gesundheit von Kindern.

"Facebook hat sich immer wieder dafür entschieden, seine eigenen Interessen zu optimieren, zum Beispiel mehr Geld zu verdienen", sagt die 37-Jährige.

'Verrat an der Demokratie'

Frances Haugen kam im Juni 2019 zu Facebook und arbeitete in einem Team, das sich mit der Bekämpfung von Fehlinformationen im Zusammenhang mit Wahlen beschäftigte.

Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen in den USA kündigte Facebook im November 2020 eine Reihe von Maßnahmen an, die dazu beitragen sollen, Wählerinnen und Wähler mit korrekten Informationen zu versorgen und "die Risiken einer Verwirrung nach den Wahlen" zu verringern.

Kurz nach der US-Wahl wurde das Team aufgelöst.

Haugen behauptete, Facebook habe daraufhin viele der Maßnahmen, die es zur Eindämmung der Verbreitung von Fehlinformationen eingeführt hatte, wieder zurückgenommen.

"Sobald die Wahl vorbei war, wurden sie wieder abgeschaltet oder die Einstellungen auf den vorherigen Zustand zurückgesetzt, um dem Wachstum Vorrang vor der Sicherheit zu geben", so Haugen.

"Und das kommt mir wirklich wie ein Verrat an der Demokratie vor".

Unruhen im Kapitol "nicht unsere Schuld", sagt Facebook

In dem am Sonntag veröffentlichten Interview sieht Haugen eine Verbindung zwischen Facebook und dem Sturm auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021, als Anhänger des ehemaligen Präsidenten Donald Trump in den Sitz des Parlaments eindrangen.

Sie sagt, sie traue dem Unternehmen nicht zu, "das zu investieren, was tatsächlich investiert werden muss, damit Facebook nicht gefährlich wird".

Vor der Ausstrahlung von Haugens Interview erklärte Nick Clegg, Vizepräsident für Politik und globale Angelegenheiten bei Facebook, gegenüber CNN, dass das Unternehmen nicht akzeptiere, dass es einer der Hauptverantwortlichen für die politische Polarisierung in den USA sei.

"Der Aufstand an diesem Tag liegt ganz klar bei den Menschen, die die Gewalt verursacht haben, und bei denen, die sie ermutigt haben, einschließlich Präsident Trump", sagt Clegg und fügt hinzu, dass es "lächerlich" sei, die Schuld auf die sozialen Medien zu schieben.

"Ich denke, es gibt den Menschen ein falsches Vertrauen, wenn sie annehmen, dass es eine technologische oder technische Erklärung für die Probleme der politischen Polarisierung in den USA geben muss. (...) Es ist zu einfach zu sagen, dass es die Schuld von Facebook ist", meint Clegg.

Versagen bei der Bekämpfung von Hass

Laut Facebook-Dokumenten, die Haugen CBS zur Verfügung gestellt hat, ist sich das Unternehmen sowohl der Verbreitung von Hassreden auf seinen Plattformen als auch der Tatsache bewusst, dass dies ein großes Problem darstellt.

"Wir schätzen, dass wir nur 3 bis 5 Prozent des Hasses und ~0,6 Prozent der V&I [Violence and Incitement - Gewalt und Anstiftung zu Hass] auf Facebook bekämpfen, obwohl wir darin weltweit die Besten sind", heißt es in einem internen Bericht.

"Wir haben Beweise aus einer Vielzahl von Quellen, dass Hassreden, spaltende politische Äußerungen und Fehlinformationen auf Facebook und der App-Familie die Gesellschaften auf der ganzen Welt beeinträchtigen", das ist das Ergebnis einer anderen Studie.

Laut Haugen könnte der Kampf gegen Hassreden auf Facebook mehr von dem Unternehmen verlangen als eine stärkere Moderation der Inhalte und strengere Regeln.

Es ist einfacher, Wut zu schüren

Eine 2018 vorgenommene Änderung des Algorithmus, der darüber entscheidet, welche Inhalte den Nutzern angezeigt werden, habe versehentlich dazu geführt, dass Facebook-Nutzer Informationen erhielten, die eher eine wütende Reaktion auslösten, so Haugen gegenüber CBS.

"[Facebook] optimiert Inhalte, die Engagement und eine Reaktion hervorrufen", sagte sie.

"Aber die eigene Forschung zeigt, dass Inhalte privilegiert werden, die hasserfüllt sind, die spalten, die polarisieren - es ist einfacher, Menschen zu Wut zu inspirieren als zu anderen Emotionen.

Haugen behauptet, das Unternehmen sei nicht bereit, den Algorithmus zu ändern, da dies Auswirkungen auf den Gewinn des Unternehmens haben könnte.

"Facebook hat erkannt, dass, wenn sie den Algorithmus ändern, um sicherer zu sein, die Leute weniger Zeit auf der Seite verbringen, weniger auf Anzeigen klicken und weniger Geld verdienen werden", sagte sie.

Trotz der Schwere der Vorwürfe, die sie gegen das Unternehmen erhebt, sagt Frances Haugen, sie habe Verständnis für den Gründer und CEO von Facebook, Mark Zuckerberg.

"Niemand bei Facebook ist böswillig, aber die Prioritäten sind falsch ausgerichtet", sagte sie.

"Facebook verdient mehr Geld, wenn man mehr Inhalte konsumiert. Die Menschen beschäftigen sich gerne mit Dingen, die eine emotionale Reaktion hervorrufen, und je mehr Wut sie ausgesetzt sind, desto mehr interagieren sie und desto mehr konsumieren sie."

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.