WHO-Chef: Neuartiges Coronavirus ist "sehr ernste Bedrohung" für die Welt

Supermarkt in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan

In China sind inzwischen mehr als tausend Menschen an dem neuartigen Coronavirus gestorben. Wie die Regierung in Peking am Dienstag mitteilte, starben binnen eines Tages 108 Menschen an den Folgen der Infektion - ein trauriger Rekord. Angesichts der weiter wachsenden Zahl von Infektionen auch außerhalb Chinas sprach WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus von einer "sehr ernsten Bedrohung für den Rest der Welt".

Auf dem chinesischen Festland starben bislang 1016 Menschen an dem Erreger der Atemwegserkrankung, zwei weitere Opfer gab es in Hongkong und den Philippinen. Rund 43.000 Menschen steckten sich inzwischen mit dem Virus an, darunter mehr als 400 in rund 25 weiteren Ländern.

Unter ihnen ist auch ein Brite, der sich bei einer Konferenz in Singapur infizierte und seinerseits das Virus während eines Skiaufenthalts in den französischen Alpen an mindestens elf weitere Menschen weitergab. Der Fall könnte der "Funke" sein, der die Epidemie in einen globalen Flächenbrand verwandeln könnte, warnte der WHO-Chef am Montag.

Auf Initiative der WHO beraten seit Dienstag rund 400 Experten und Forscher aus aller Welt, wie sich die Epidemie eindämmen lässt. Themen sind unter anderem neueste Erkenntnisse zu den Übertragungswegen des Virus sowie die beschleunigte Entwicklung eines Impfstoffs. Ab Donnerstag beraten auch die EU-Gesundheitsminister in Brüssel über weitere Schutzvorkehrungen gegen das Virus.

Zum Auftakt der zweitägigen Experten-Konferenz in Genf rief WHO-Chef Tedros alle betroffenen Länder dazu auf, ihre medizinischen und wissenschaftlichen Daten zu teilen. "Das Wichtigste ist, die Ausbreitung aufzuhalten und Leben zu retten", sagte er. Er hoffe, dass "eines der Ergebnisse dieses Treffens ein gemeinsamer Fahrplan für die Forschung sein wird", an dem sich Wissenschaftler und Geldgeber weltweit orientieren könnten.

Am schwersten betroffen ist nach wie vor die chinesische Provinz Hubei, in deren Hauptstadt Wuhan das Virus im Dezember seinen Ausgang nahm. Nach wachsender Kritik an der Inkompetenz der Behörden wurden nun die beiden höchsten Vertreter der Gesundheitskommission von Hubei gefeuert. Wie der staatliche Fernsehsender CCTV berichtete, wurden der KP-Sekretär der Kommission, Zhang Jin, sowie ihr Leiter Liu Yingzi durch den Vize-Chef der chinesischen Gesundheitskommission, Wang Hesheng, ersetzt.

Den Behörden in Hubei wird Inkompetenz im Umgang mit dem Coronavirus vorgeworfen. Sie stehen insbesondere seit dem Tod eines jungen Arztes in der Kritik, der als einer der ersten vor dem neuartigen Erreger gewarnt hatte. Die Polizei hatte nach seiner Schilderung versucht, ihn mundtot zu machen. Dadurch ging wertvolle Zeit für den Kampf gegen das Virus verloren.

Hubei ist praktisch seit zwei Wochen von der Außenwelt abgeschnitten. In der Hauptstadt Wuhan wurden die drastischen Quarantäne-Maßnahmen unterdessen nochmals ausgeweitet. Alle Bewohner mit Fieber und damit einem möglichen Symptom für das Virus dürfen künftig nur noch die Krankenhäuser ihres Viertels aufsuchen, die Ein- und Ausgänge der Wohnkomplexe werden noch engmaschiger überwacht als bisher.

In Hongkong räumten die Behörden unterdessen Teile eines Wohnblocks, nachdem sich vier Menschen in zwei verschiedenen Wohnungen mit dem Virus infiziert hatten. Mehr als hundert Bewohner mussten am frühen Dienstagmorgen ihre Wohnungen verlassen, während Gesundheitsexperten zu ermitteln versuchten, ob das Virus den gesamten Komplex erfasst hat, in dem insgesamt rund 3000 Menschen leben.

Während der Sars-Epidemie 2002 und 2003 waren in Hongkong allein in einem Wohnblock 42 Menschen gestorben und 300 weitere hatten sich infiziert - später stellte sich heraus, dass sich das Virus dort über defekte Abflussrohre ausgebreitet hatte.