Wie die Kanzlerin ins Schwitzen kam

Wie die Kanzlerin ins Schwitzen kam

Routiniert ging Kanzlerin Angela Merkel in die ARD-Fernseh-Bürgerfragerunde „Wahlarena“. Doch dann strauchelte sie. Schuld daran war eine einzige Frage.

Sie wäre jetzt gern ganz weit weg. Nicht in diesem Fernsehstudio in Mönchengladbach, wo alle ihr zusehen: wie sie nach Worten sucht, die Hände ringt und ihren Blick im Nirgendwo versenkt – Angela Merkel (CDU) beißt sich auf die Lippe. Was, verdammt noch mal, ist da los?

Hier die Kanzlerin, die Euro-Retterin und Mutter der Nation. Dort einer, der gern Vater wäre, nicht einer Nation, aber eines Kindes. „Sind Sie für oder gegen ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare“, fragt der junge schwule Mann Deutschlands Regierungschefin. Und Merkel ist platt.

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„Ich bin unsicher“, sagt sie, „was das Kindeswohl angeht“. Und bekennt, dass sie keinen Gesetzesentwurf dafür auf den Weg bringen würde. Der junge Mann, mit seinem offenen Blick, dem weißen Hemd und dunkelblauen Blazer Typ perfekter Schwiegersohn, hakt nach, stellt die Gretchenfrage: „Warum?“
Merkel: „Das muss ich jetzt einfach aushalten.“ Und: „Dann lebe ich damit, dass ich mich damit noch schwer tue.“

Zu viel Persönliches in der Wahlarena

Spätestens jetzt, nach genau einer Stunde in der von der ARD übertragenen „Wahlarena“, ist die Kanzlerin in die Enge getrieben. Erklärt nicht, warum sie sich damit schwer tue, wenn Schwule oder Lesben ein Kind adoptieren könnten. Es ist, als müsste sie dem jungen Mann mit seiner Unschuldsmiene ins Gesicht werfen: Ich kenne dich zwar nicht persönlich, aber unsicher bin ich mir schon, wenn ich daran denke, dass du Papi wärst. Das kann sie so nicht sagen. Und schweigt daher.

Im Grunde liegen ihr diese „Townhall“-Formate, jene aus den USA herüber geschwappte Tuchfühlung der Politik mit dem Bürger. Seit 2005 und 2009 ist es die dritte „Wahlarena“ für Merkel. Und im vergangenen Jahr hat sie selbst einen „Bürgerdialog“ eingeführt. Denn Merkel kann überzeugen. Eigentlich. Anfangs geht sie auch auf die Fragen der 150 vom Meinungsforschungsinstitut „infratest dimap“ ausgewählten Zuschauer im Studio ein, stellt sich diesem Deutschland im Kleinen; ehrlich, direkt, schnörkellos.

Doch mit jeder Frage wird es für sie heikler – denn die Bürger konfrontieren sie mit Anliegen aus ihren eigenen Biographien heraus; da hat die Kanzlerin nur die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder drischt sie Phrasen oder tritt eigenen Anhängern auf die Füße. Beim jungen Mann mit seinem Wunsch, gemeinsam mit seinem Partner ein Kind groß zu ziehen, kommt es schließlich zum großen Showdown.

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Denn Merkel sagt in wenigen Worten vieles, das die Konservativen in ihrer Partei aufhorchen lassen müsste: „Jetzt“ müsse sie ihre derzeitige Position aushalten, „noch“ tue sie sich damit schwer. Da drängt sich die Frage auf: Und wann nicht mehr? Wenn die Gerichte für Klarheit sorgen und die Union zu einer Kurskorrektur zwingen, Merkel sich die Hände reiben kann wie seinerzeit Pontius Pilatus? Wer bei CDU und CSU gegen die Gleichstellung von Homosexuellen mit Heterosexuellen ist – der ahnt, dass er in Merkel bald eine Gegnerin hat. Das ist die geheime Botschaft des Abends.

Die Kanzlerin flieht ins Ungefähre

Je länger dieser Wahlarena-Abend dauerte, desto ungefährer gerieten ihre Antworten. Als ein Leiharbeiter ihr von seiner zehnjährigen Beschäftigung berichtete, von seinem Betrieb mit 30 bis 40 Festangestellten und 500 Leiharbeitern, bekennt Merkel zwar ehrlich: „So ist das eigentlich nicht gedacht.“ Aber über eine Gesetzesänderung will sie nicht reden. Und zum Abhörskandal durch US-Geheimdienste etwa belässt sie es bei luftigen Ankündigungen von „internationalen Verhandlungen“.

Ihre durchaus witzige und schlagfertige Seite spielt Merkel immer weniger aus. Berichtet ein Schüler von seinen Recherchen zur Situation von Leiharbeitern, antwortet sie: „Ich nehme das mal auf.“ Oder an anderer Stelle: „Das müssen wir uns nochmal im Detail anschauen.“ Die Kanzlerin will damit die Macherin in ihr zeigen, die Pragmatische. Und dass sie eigentlich diese Bürgerfragestunden mag – ist es für sie doch eine Chance, von Leuten etwas aus erster Hand zu erfahren, so wie der sagenumwobene Abbasiden-Kalif Harun al-Raschid, der sich im Bagdad des späten achten Jahrhunderts verkleidet nachts unter die Leute mischte. Es ist nur so, dass Merkel zwar keine Verkleidung braucht. Im Lauf des Abends zieht sie aber doch eine an.

Gegen Ende der Sendung kreist eine Kamera wie ein Hubschrauber über der runden Studioarena mit Merkel in der Mitte. Sie erfasst gerade noch, wie Merkel sich umdreht und zu dem jungen Mann eilt, der sie mit seinen Fragen zum Adoptionsrecht gerade stellte. Sie schüttelt seine Hand, redet auf ihn ein. Man wüsste gern, was sie ihm sagte – als der Ton weg war.

Jan Rübel

Am Donnerstag lesen Sie auf Yahoo Nachrichten, wie sich SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück in der Wahlarena geschlagen hat

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