Der Mörder meiner Tochter und ich

Vor 18 Jahren starb Amy Biehl. Sie kämpfte für Demokratie und die schwarzen Massen. Ihre Mutter kämpft nun in Kapstadt für diesen Traum. Zusammen mit dem Mörder der Tochter.

Der junge Mann steht 50 Meter vor der roten Tankstelle. Er schaut kurz zu dem Gebäude, dann wieder weg. Hunderte Fahrzeuge schieben sich vorbei, Feierabendverkehr im Guglethu-Armenviertel. Ein Blick aufs Handy, das die Gedanken so verlässlich in der Gegenwart hält. Kein Klingeln, keine Nachricht. Also noch ein Blick zur Tankstelle.

Motoren und Autoradios übertönen seine Stimme fast, als er sagt: „Ich habe es viele Jahre lang nicht geschafft, in die Nähe dieser Tankstelle zu gehen, obwohl ich nur ein paar Straßen weiter wohne. Und es ist noch immer schwierig für mich.“ Dieser Ort wirft ihn zurück, wie eine Druckwelle der Erinnerung.

Ntobeko Peni trägt ein gebügeltes Hemd. Die Schuhe sind geputzt, Gesicht und Kopf ordentlich rasiert. Ein Mann, der signalisieren will: Ich habe mein Leben unter Kontrolle. Überall. Nur hier nicht. Er beobachtet den Verkehr auf der NY1. Das ist die Abkürzung für „Native Yard 1“, übersetzt „Eingeborenen-Strecke 1“ – der Apartheid-Name für die wichtigste Straße des Townships wurde nie geändert.

„Wir haben es immer New York 1 genannt“, sagt Peni und versucht zu lächeln. Doch die Schreie kommen zurück, Panische Blicke einer jungen Frau. Ihre letzten, sie blieben für immer in seinem Kopf. Peni lächelt nicht.

18 Jahre sind vergangen, seit Südafrika am Rande eines Bürgerkrieges stand und Peni zum Mörder wurde. Er marschierte an der Spitze einer Gruppe von 50 Anhängern des Panafrikanischen Kongresses (PAC). Ihr Ziel: Chaos.

Die Destabilisierung Südafrikas als letzter Versuch, die anstehenden Wahlen zu verhindern. Die PAC-Spitze hielt die Zugeständnisse an die weißen Unterdrücker für zu groß. „Zerstört Symbole der Apartheid“, lautete die Ansage der PAC-Aktivisten. Dazu zählten ausdrücklich auch Menschen.

Die Sonne war schon untergegangen, Schleier der Kohleöfen verzerrten die Luft. Amy Biehl bog in ihrem klapprigen Toyota um die Ecke. Alles andere als ein Symbol der Apartheid: Eine 26-jährige Amerikanerin, die bei der Feier zu ihrem Universitätsabschluss eine Kappe mit der Aufschrift „Befreit Mandela“ getragen hatte und in Kapstadt an dem neuen Wählerregister mitarbeitete.

Im Auto waren drei dunkelhäutige Kolleginnen, die sie an diesem kalten Winterabend im August 1993 nach Hause fahren wollte.

„Wir haben nur ihre Hautfarbe gesehen“, sagt Peni, der schon als Jugendlicher der Umgang mit Waffen beigebracht worden war. Weiß, das genügte.

Amy Biehl stürzte aus dem umstellten und mit Steinen beworfenen Auto, die Kolleginnen flehten vergebens: „Sie ist eine von uns.“ Ein paar Meter Schritte noch bis zur Tankstelle. Es waren ihre letzten. Sie starb durch mehrere Messerstiche – einer traf das Herz.

Linda Biehl, Amys Mutter, sitzt in einem Büro im siebten Stockwerk eines Kapstädter Hochhauses. Vor ihr liegt ein iPad, diese ganze neue Technik nerve sie gehörig, sagt sie, aber die Kinder haben darauf bestanden. Irgendwie muss sie dieses Leben zwischen zwei Kontinenten ja koordinieren.

An der Wand hängen Dutzende Fotos und Malereien von Kindern aus Gugulethu, kleine Notizen von über einem Jahrzehnt Sozialarbeit der Amy-Biehl-Stiftung.

Es klopft an der Tür. Peni tritt herein, sein Büro ist direkt nebenan. Er erinnert sie, dass sie sich nach dem Interview noch über eines der Jugendprogramme unterhalten müssten.

„Natürlich“, sagt Linda Biehl, „um vier, passt Dir das?“ Peni nickt, entschuldigt sich noch einmal für die Störung, und schließt die Tür wieder.

Nur wenige haben verstanden, warum sie jemandem in ihre Nähe ließ, der die Zukunft ihrer Tochter zerstörte. Mehr noch – ihm sogar half, eine Zukunft aufzubauen. Peni war 1994 mit drei anderen Aktivisten zu 27 Jahren Haft für den Mord an Amy Biehl verurteilt worden.

Vier Jahre später wurde er von der Wahrheits- und Versöhnungskommission begnadigt, die zur Aufarbeitung von Verbrechen während der Apartheid eingerichtet worden war. Linda und ihr Mann Peter hatten vor Ort ausgesagt – und sich für eine Freilassung eingesetzt. Mehr noch: Peni arbeitet inzwischen für die Amy-Biehl-Stiftung, zusammen mit Easy Nofemela, der ebenfalls für das Verbrechen verurteilt worden war.

Linda Biehl wird von beiden „Makhulu“ genannt, das Xhosa-Wort für Großmutter. Es hat sich eine ungewöhnliche Beziehung entwickelt, beinahe eine Freundschaft. Sie wisse, dass sich das unglaublich anhöre, sagt Linda Biehl:

„Meine Trauer ist nicht in Worte zu fassen. Wir hatten Wut in uns, aber wir haben mit dem Mord zunächst keine Individuen, sondern einen anonymen Mob in Verbindung gebracht. Mit Ntobeko und den anderen drei Verurteilten bekamen die Täter Gesichter. Unsere Wut schlug nicht in Hass um. Ich erinnere mich, wie wir im Gericht seinen Vater auf dem Gang trafen. Er sprach kein Englisch und traute sich nicht, zu uns zu kommen. Aber wir schauten uns einige Sekunden lang nur an. Er trauerte wie wir und bedauerte zutiefst, auch ohne Worte war das deutlich.“

Vor allem aber war den Biehls bewusst, wie entscheidend jene Monate vor den Wahlen 1994 für Südafrika waren. Der rassistisch motivierte Mord an dem Chef des bewaffneten ANC-Flügels, Chris Hani, war erst vier Monate her. Südafrikanische Rechtsextremisten kontaktierten die Biehls, um den Tod ihrer Tochter für ihre Propaganda auszuschlachten.

„Die südafrikanische Demokratie war gefährdet, und damit auch ein Stück weit der Traum unserer Tochter. Wir wollten dabei helfen, beides am Leben zu erhalten.“

Peni steht noch immer vor der Tankstelle. Er erinnert sich genau an den Tag, an dem er Linda das erste Mal in Freiheit sah. Er hatte nach seiner Freilassung im Jahr 1998 den Kontakt mit den alten Kameraden abgebrochen, von denen inzwischen viele eine kriminelle Karriere eingeschlagen hatten.

Er diente einige Monate bei der Armee, „aber ich war es einfach Leid, Befehle entgegenzunehmen“. Die hatten ihn schließlich schon im PAC in die falsche Richtung geführt.

Stattdessen baute er eine Gruppe von 30 Jugendlichen auf und suchte Kooperationspartner, um Bildungsangebote zu organisieren. Im Fernsehen sah er einen Beitrag über die neu gegründete Amy-Biehl-Stiftung, die dank internationaler Spenden ein Bildungszentrum in Kapstadt eröffnete.

Peni griff zum Telefon und tat das Unwahrscheinlichste, was ein Mörder von der Familie seines Opfers erwarten kann: Er bat um Hilfe. Doch Peter Biehl, Lindas Mann, sagte ein Treffen zu. Aber nicht im Büro. Er bestand darauf, nach Gugulethu zu kommen.

„Ich dachte, da ist ein Vater, der Amok laufen will“, sagt Peni, „das hätte ich zumindest getan, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre.“ Er rief vier „Comrades“ (Aktivisten) in sein Haus, bevor Peter Biehl eintraf. Sie platzierten sich um den Stuhl, auf dem der Amerikaner sitzen sollte, an jeder Seite einer, „so dass wir reagieren konnten, wenn er eine Waffe zieht“.

Doch die Biehls kamen nicht, um zu töten. Sie wollten schaffen. Längst kannten sie Familien in Gugulethu, sie hatten dort viel Zeit verbracht – auch, um so etwas wie nach einem Grund für den Tod ihrer Tochter zu finden. Aber vor allem, um deren Arbeit Fortzusetzen.

„Wir wussten, dass Bildung und Perspektive die einzige Antwort sein kann, um derartige Verbrechen zu verhindern“, sagt Linda Biehl, „und wir hatten gesagt, unser Angebot allen zu öffnen. Daran haben wir uns gehalten.“

Die von Peni organisierten Jugendlichen wurden tatsächlich in die Stiftung integriert, und nach ein paar Monaten begannen Peni und Nofemelas, für sie zu arbeiten. Zunächst als Sicherheitsmänner und Fahrer, doch Peni war nicht umsonst von der PAC-Spitze für Führungspositionen ausgebildet worden.

„Er hat ein Talent, andere zu motivieren, wie ich es selten erlebt habe“, sagt Linda Biehl. Unzählige Stunden verbrachte sie mit Peni, redend, immer mehr das gewaltsame Klima in den Township verstehen. Er wurde 1975 geboren, nur wenige Jahre nach ihrer Tochter. „Oft ziehe ich eine Zeitlinie und realisiere dann, wie gegensätzlich ihre Jugend verlaufen ist.“

Ein Jahrzehnt harter Arbeit liegt hinter Peni, inzwischen koordiniert er zwölf festangestellte und 80 ehrenamtliche Mitarbeiter. Manchmal fühle sich das „wie an der Johannesburger Börse“ an, die Organisation von rund einem Dutzend Schulen, wo Nachmittagsaktivitäten der Stiftung stattfinden.

Er steigt in den Wagen der Stiftung, fährt weg von der Tankstelle, an der es passierte. Weg von der Vergangenheit, hin zu einer Grundschule. Im Kofferraum sind acht alte Laptops, Spenden einer Kapstädter Firma.

Langsam rollt der weiße Bus durch Gugulethu. Im Radio läuft eine Werbung für Flachbildschirme. „On special“, plärrt es aus den Boxen, „only six triple nine Rand“, knapp 700 Euro. Für viele hier ein Jahresgehalt. Eine Erinnerung an die beiden Parallelwelten, die Südafrika 17 Jahre nach Ende der Apartheid kennzeichnen – der des Luxus, und der weit größeren bitterer Armut.

Die wichtigsten Straßen des Townships wurden inzwischen asphaltiert. Viele Wellblechhütten sind winzigen Steinhäusern gewichen, immerhin. Doch obwohl Südafrika das reichste afrikanische Land ist, hat es eine der niedrigsten Beschäftigungsquoten weltweit.

Die meisten hier, die auf den Straßen Sonnenbrillen, Süßigkeiten oder Früchte verkaufen, hatten nie einen formalen Arbeitsplatz. Ein Drittel der Menschen mit Arbeit verdient weniger als 100 Euro im Monat – während in Südafrika 30.000 Dollar-Millionäre leben.

In wenigen Ländern sind die sozialen Unterschiede derart gewaltig, und noch immer ist die weiße Minderheit, die gerade einmal neun Prozent der Bevölkerung stellt, wirtschaftlich deutlich besser gestellt. Ihre Angehörigen haben im Schnitt ein siebenmal höheres Einkommen als ein Bürger dunkler Hautfarbe.

Der Markt ist auf das kaufkräftige Viertel der Bevölkerung ausgerichtet, der Rest schaut zu – ohne Chance, jemals daran teilzunehmen. Studien belegen, dass Gesellschaften mit hohen sozialen Unterschieden besonders für Verbrechen anfällig sind. Und beides trifft auf Südafrika, wo, proportional zur Einwohnerzahl gerechnet, 45 Mal so viele Morde wie in Deutschland passieren.

Noch immer gibt es Morde durch Mobs in den Townships, die Aggressionen richten sich inzwischen auf Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern, die mit Südafrikanern um einfache Jobs konkurrieren.

Peni bringt die Laptops in den Klassenraum, der von der Stiftung für ihre Nachmittagsschulungen genutzt wird. Kinder sitzen an den Tischen, vertiefen mit spielerisch gestalteten Computerprogrammen das Alphabet. Auf den Sportfeldern vor der Schule spielen Hunderte Jugendliche Fußball, Korbball und Hockey.

Peni ist ständig in Bewegung, holt Kinder von einer anderen Schule ab, telefoniert mit Trainern, dem Büro, Lehrern. Abends warten noch Schulbücher auf ihn – Peni macht einen Fortbildungskurs in Betriebswirtschaft an der Universität Stellenbosch.

18 Jahre sind seit dem Mord vergangen. Sie waren anstrengend. Für die Mutter, den Täter, für Südafrika. Linda hat seit Jahren vor, sich allmählich aus der Stiftungsarbeit zurückzuziehen. Sie ist jetzt 68 Jahre alt, es sei immer das Ziehl gewesen, dass die Strukturen der Stiftung unabhängig von ihr werden, sagt sie.

Und Ntobeko spielt schon länger mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen, einen Handel für Geflügelfleisch zu eröffnen. Umgesetzt haben sie ihre Pläne nie. Ihre Arbeit ist nicht abgeschlossen, das wird sie nie sein.

Glauben Sie, dass Linda Ihnen vergeben hat? „Ich weiß, dass sie mir vergeben hat“, sagt Peni. Hat sie das je zu Ihnen gesagt? „Nicht unbedingt wörtlich: Ich vergebe Dir. Aber wir haben viel miteinander erreicht, durch unsere Arbeit, unsere Gespräche. Wenn ich in ihre Augen schaue, sehe ich nicht die Mutter, deren Kind ich getötet habe. Und sie sieht nicht die Augen eines Mörders, wenn sie mich anschaut.“

Haben Sie ihm vergeben? Linda Biehl schweigt eine Weile. Die Frage ist ihr so oft gestellt worden, sie möchte sich nicht länger rechtfertigen. „Ich kann nicht einfach sagen, ich vergebe euch. Versöhnung ist für mich ein Prozess der Arbeit, die nicht abgeschlossen ist, nicht abgeschlossen werden darf. Aber wir haben eine Ebene gefunden, die sehr tief geht. Er zeigt mir jeden Tag mit seiner Arbeit, dass es ihm Leid tut.“

Gesagt hat er diese Worte nie zu ihr. „Ich will sie gar nicht hören. Was bewegen Lippenbekenntnisse? Mir geht es darum, was er tut.“

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