Wie sich arte und WDR wegen einer Doku über Antisemitismus blamieren

Antisemitismus kommt heutzutage gerne als Israelkritik daher (Bild: AP Photo/Michel Euler)

Die Fernsehsender verweigern die Ausstrahlung einer selbst in Auftrag gegebenen Recherche. Ein Armutszeugnis: Dem Film gelingt trotz mancher Fehler ein tiefer Einblick in die neuen Formen des Antisemitismus.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Nun konnte man sie also doch sehen, die von den Sendern arte und WDR abgewiesene Dokumentation über Antisemitismus in Europa. Das Online-Portal der „Bild“-Zeitung hatte den Film für 24 Stunden beherbergt. Fazit: Dieses Werk nicht zu zeigen, ist nicht nur ein Akt von Zensur. Im Gegenteil liefert seine Verbreitung einen wichtigen Beitrag zum Verständnis, was es mit den neuen Formen des Antisemitismus in Europa auf sich hat.

Ich kann die Gedankenwelt der verantwortlichen Senderredakteure nicht nachvollziehen. Da geben sie eine aufwändige und sicherlich nicht wenige Euros kostende Dokumentation in Auftrag, eine Filmcrew macht sich auf den Weg und reist durch Deutschland, nach Frankreich und den Nahen Osten, spricht mit vielen Protagonisten – und die Redakteure lehnen das Filmergebnis ab, weil es vom Konzept abgewichen ist. Meiner Meinung nach klingt diese Begründung schal. Sehenswert oder nicht sehenswert, das wären meine Kriterien. Die Sender aber ziehen sich zurück in ihre mit Verträgen tapezierten Büros. Der WDR prüfe noch, heißt es, ob der Film den Standards und Grundsätzen des Senders entspreche. Nun, ich für meinen Teil brauchte nur jene 93 Minuten, welche die Doku dauert, um mich vom Einhalten der publizistischen Normen zu überzeugen.

Der Film zeigt verstörende Bilder. Da hält Palästinenserpräsident Mahmud Abbas vor dem EU-Parlament eine Rede, in der er den alten antisemitischen Topos von Brunnen vergiftenden Juden ins Israel von heute verpflanzt, was die Lüge nicht wahrer macht; und keiner seiner Zuhörer widerspricht. Da spielen junge, angeblich linke oder libertäre Deutsche auf das angeblich eine böse Prozent „jüdischer Banker“ an, linke Politiker stolpern bei ihrer Kritik an israelischer Politik ebenfalls über das Wasservergiftungsmärchen; ein Rapper erzählt von „Hinterzimmern und Brutstätten“ in Frankreich, die vom Staat gefördert würden – und die mich am meisten bewegenden Bilder waren junge Juden, die in Paris ihr Gemeindehaus verteidigten, mit Stühlen bewaffnet, und welche von einem in Zahlen überlegenen Mob verprügelt wurden. Diese Bilder stammten nicht aus dem Jahr 1940, sondern aus 2014.

Neue Szenen, die alt wirken

Der Film zeigt auch, wie Aktivisten der Israel-Boykott-Bewegung in Supermärkte stürmen und israelische Produkte zerstören – und allen Ernstes behaupten würden, all dies habe mit dem Judenboykott der Nazis nichts zu tun. Er illustriert, wie unverhältnismäßig Kritik an Israel ist: Unser Planet ist nun mal kein Paradies und Hort allgemeinen Friedens. Und vieles, was in Israel und Palästina geschieht, ist sicherlich kein positiver Beitrag auf dem Weg dorthin. Aber der weltweite Aktionismus zivilgesellschaftlicher Gruppen für die Rechte der Palästinenser lässt das Trugbild zu, es beim Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis mit dem massivsten Problem der Menschheit zu tun zu haben. Was in Asien oder Afrika an Menschenrechtsverletzungen geschieht – vergiss es, ist nicht sexy genug zu kritisieren. Und die Frage drängt sich auf, ob sich die Menschenrechtsverletzungen durch Israelis allein deshalb einer besonderen internationalen Aufmerksamkeit erfreuen, weil es Juden sind.

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Bei denen wird entweder genau hingeschaut, wo nichts ist – oder im Gegenteil der Blick abgewendet: Der Film zeigt zum Beispiel, wie lange man in Frankreich herumeierte, als in den Nullerjahren ein junger Jude entführt, gefoltert und getötet wurde, eine Tat mit klaren antisemitischen Bezügen – dies aber erst breit erörtert werden musste, weil man sich dies nicht eingestehen wollte.

Dies ist das Verdienst dieses Films. Er zeigt auf, dass Feindschaft gegenüber dem Jüdischem, oder was manche dafür halten, kein Privileg von Rechten ist. Er zeigt, wie Linke in ihrer Weltverbessererpose sich nicht weniger der alten Klischees bedienen. Nur verpacken sie diese anders: Anstatt, im Grunde ehrlich, wie ein Nazi herauszuschreien, dass sie Juden hassen, weil sie Juden sind und man halt jemanden braucht, um ihn verantwortlich machen zu können für die eigene Misere und das schlechte Wetter und überhaupt, kleiden Linke den gleichen Antisemitismus in Kapitalismuskritik oder Antizionismus. Besser macht es dies nicht.

Der Film legt eigene Schwerpunkte, damit wich er auch vom ursprünglich mit den Sendern ausgearbeiteten Konzept ab. Er setzt den Fokus auf „Israelkritik“ als Trojaner für Leute, die ein Problem mit Juden haben – aus allein niedrigen Motiven heraus. Daher gelingt dem Film auch überzeugend die Frage zu stellen, was denn so schwer daran ist, antisemitischen Terror als antisemitischen Terror zu bezeichnen. Mit dieser Wucht seiner Schwerpunkte ist der Film natürlich auch polemisch, einseitig.

Aber dies ist kein Problem. Um die neuen und alten Formen des Antisemitismus zu verstehen, braucht es keinen Einheitsbrei aus von allen Seiten abgesegneten Leerformeln. Dieser Drang nach „Ausgewogenheit“ macht mich müde. Wir brauchen viel mehr Worte, um den Antisemitismus zu ergreifen, auch wütende und parteiische, miteinander streitende.

Denn streiten kann man auch herrlich über diesen Film. Jeder setzt seine eigenen Perspektiven. Was die Doku über das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern berichtet, ist in mehreren Fällen bestenfalls blauäugig.

Der ehemalige Geheimdienstchef Rafi Eitan zum Beispiel erzählt vom Unabhängigkeitskrieg 1948, wie die Palästinenser von Haifa und Yafo freiwillig gegangen seien, „natürlich, in einigen Gebieten haben wir sie vertrieben“. Dies ist nicht einmal nur eine Seite der Medaille. Die Palästinenser machten sich damals mitnichten auf den Weg, weil arabische Führer sie dazu aufgerufen hätten; sie waren in Panik. Sie sahen der Niederlage und Besatzung entgegen, dem Ausbleiben internationaler Hilfe – und in vielen, vielen Dörfern und Städten wurden sie brutal vertrieben, ihre Häuser zerstört. Und wenn der Film einen Palästinenser interviewt, der die Zusammenarbeit mit seinen jüdischen Vorgesetzten lobt, hinterfragen die Macher nicht den Paternalismus, der das Verhältnis zwischen Arbeit gebenden Israelis und Arbeit suchenden Palästinensern prägt. Der Doku fehlen ein paar Farben.

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Ferner wird die israelische Menschenrechtsorganisation B’tselem gebasht, weil ein Mitarbeiter einem Journalisten gegenüber die Shoa leugnete. B’tselem leistet wichtige Arbeit, sie dokumentiert Menschenrechtsverletzungen im Westjordanland. Meines Wissens wurde dem Mitarbeiter gekündigt, wer sich einmal mit den Aktivisten von Bt’selem unterhalten hat, weiß, dass sie mit Holocaustleugnung herzlich wenig zu tun haben. Aber die Organisation soll diskreditiert werden, da reicht ein Satz eines Mitarbeiters. Über die Arbeit in den Besetzten Gebieten wurde wohl nicht gefragt.

Alles okay in Gaza

Ferner beschönigen die Filmemacher die Situation in Gaza. Sie schildern es als irgendwie normale Gegend wie andere auch und verweisen darauf, dass die Einwohnerdichte von Paris höher ist als in Gaza; dass die Einwohner von letzterem keine vergleichbaren Bewegungsmöglichkeiten haben, verschweigen sie. In einigen entscheidenden Momenten wird der Film stumm. Der palästinensische Terror wird als Ursache für reagierende israelische Politik geschildert – und nicht die Frage gestellt, ob es für dieses Terror auch eine Ursache gibt, die jenseits von Antisemitismus liegt. „Nicht-militärische Güter lassen die Israelis hinein“, sagt der Film betont einsilbig über Gaza – und verschweigt, wie konsequent tatsächlich Güterverkehr verknappt wird.

Toll wiederum, wie die Filmemacher junge Palästinenser in Gaza zu Wort kommen lassen, welche ihrem Frust über die Diktatur der Hamas und die herrschende Korruption freien Lauf lassen. Die Regisseure fragen zu Recht nach den vielen Geldern, die nach Gaza fließen, deren Ergebnisse aber so wenig sichtbar werden. Letztlich legt der Film aber einen zu starken Schwerpunkt auf den Nahen Osten. Natürlich ist Europa mit dieser Region verflochten, und auch unser traditioneller Antisemitismus zeigt sich davon nicht unbeeindruckt.

Ich glaube indes, es gibt starke den Antisemitismus in Europa beeinflussende Strömungen, die der Film nicht nennt. Das sind die Islamophobie, die „Ängste“ vor Fremden und der Umgang mit den Fluchtbewegungen nach Europa, die Ablehnung hervorrufen. Hetze wird wieder salonfähig. In diesem Klima gedeiht auch die die Judenfeindschaft. Denn wer ein kaltes Herz hat, erklärt auch viel schneller Juden zu „Fremden“, obwohl sie in Deutschland geboren sind und auf eine mehrhundertjährige Familiengeschichte zurückblicken. Und schließlich gibt es diesen Groll der Täter, weil die überlebenden Opfer an die Taten durch ihre bloße Existenz erinnern – oder wie viele Juden es vor Jahrzehnten ahnend formulierten: „Auschwitz werden die Deutschen uns niemals verzeihen.“

Starke Bilder dieses Films bleiben in Erinnerung. Sicherlich kein abschließender Beitrag, aber einer mit vielen tief blickenden Gedankenstrichen und Ausrufezeichen. Er kommt gerade recht in dieser Zeit. Und viele sollten ihn sehen.

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