"Mir ist langweilig, wenn ich eine 16-Jährige spiele"

Maximilian Haase
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"Mir ist langweilig, wenn ich eine 16-Jährige spiele"

"Ich finde nicht, dass ich noch aussehe wie 16", stellt Jasna Fritzi Bauer klar. Warum die 30-jährige Schauspielerin keine Teenie-Rollen mehr spielen mag und weshalb das Leben in der Öffentlickeit bisweilen nicht einfach ist, erklärt sie im Interview.

Manche Klischees über Schauspieler halten sich hartnäckig. Jasna Fritzi Bauer, einstiger Shootingstar des jungen deutschen Films, erfuhr dies schon in den frühen Jahren ihrer Karriere. Verschrien als "Enfant terrible" und "jugendliche Wilde", spielte die Wahlberlinerin mit Schweizer und chilenischen Wurzeln meist irgendwie abgefahrene, freche Teenies mit Autoritätsproblemen. Insbesondere ihr junges Aussehen trug dazu bei, dass die in Wiesbaden aufgewachsene Schauspielerin mit Ende 20 etwa die 16-jährige Göre aus "Axolotl Overkill" verkörperte. Eine Kategorie, in die sie als eher zurückhaltende, mittlerweile 30-Jährige schon seit einiger Zeit nicht mehr passt, wie sie beim Interview in Berlin, halb ernst, halb ironisierend, beklagt. Glücklicherweise scheint das auch die Branche langsam zu begreifen: In "jerks" durfte Jasna Fritzi Bauer eine Version ihrer selbst spielen - und in der neuen VOX-Serie "Rampensau" (ab Mittwoch, 20. November, 20.15 Uhr) gar in selbstreferenzieller Manier eine 30-jährige Schauspielerin, die nur Teenager-Rollen bekommt.

teleschau: In Ihrer neuen Serie "Rampensau" verkörpern Sie eine Schauspielerin, die auf den ersten Blick ein paar Gemeinsamkeiten mit Ihnen hat.

Jasna Fritzi Bauer: Wir teilen uns die gleiche Geschichte. Auch für mich ist es ein Thema, dass ich als 30-Jährige immer 16-Jährige spiele. Dass ich nun eine 30-jährige Schauspielerin spiele, die eine 16-Jährige spielen muss, war natürlich ein wenig wie "Inception" (lacht). Denn eigentlich ist das ja mein Leben. Die israelische Schöpferin der Serie-Vorlage hatte nämlich genau dasselbe Problem wie ich.

teleschau: Waren Sie froh, endlich einmal eine altersgerechte Figur zu verkörpern?

Bauer: Ja, ich bin über alle Formate froh, in denen ich keinen Teenager spielen muss. Ich bin jetzt 30, und so langsam geht das auch nicht mehr. Das stellt aber ein kleines Problem dar, weil ich natürlich in dieser Schublade stecke, so wie jeder Schauspieler erst mal in einer Schublade steckt. Es ist schwer, da rauszukommen.

teleschau: Gelingt es Ihnen langsam dennoch?

Bauer: Ich versuche das seit fünf Jahren proaktiv. Aber ich glaube, es fällt den Leuten schwer, von meinem Aussehen zu abstrahieren. Für mich hingegen wird es von Jahr zu Jahr schwieriger, einen Teenager zu spielen. Mein Horizont hat sich erweitert - und mir fällt es schwerer, mich in diese Zeit zurückzudenken, als mir etwa vorzustellen, wie ich mit 35 wäre. Ein weiteres Problem ist, dass ich dann meistens mit Partnern spiele, die tatsächlich zwischen 16 und 20 sind. Und diesen Unterschied merkt man inzwischen einfach.

teleschau: Inwiefern?

Bauer: Man sieht, wenn eine 30-Jährige neben einem Jugendlichen steht. Es geht da beispielsweise um Lebenserfahrung. Dinge, die man nicht mehr verstecken kann.

teleschau: Akzeptieren die Filmemacher und die Verantwortlichen solche Argumente mittlerweile?

Bauer: Wenn ein Regisseur sagt, dass er denkt, die Zuschauer nehmen mir ab, dass ich eine 16-Jährige spiele - dann vertraue ich dem. Aber: Ich bin 30, und ich glaube mir das nicht mehr. Daher habe ich in der letzten Zeit viel mehr Sachen abgelehnt. Ich möchte den Castern und Redakteuren klar machen, dass ich für derlei Rollen eigentlich nicht mehr zur Verfügung stehen will. Mir ist langweilig, wenn ich eine 16-Jährige spiele. Ich habe gezeigt, dass ich das kann. Und jetzt langweile ich mich, und die Leute langweilen sich. Ich will das nicht mehr spielen.

teleschau: Immerhin scheint sich das langsam zu ändern ...

Bauer: Ja, jetzt spiele ich eine 30-Jährige, auch bei "jerks" durfte ich mich selbst spielen. Dadurch sehen die Leute ja auch, dass es funktioniert. Schließlich beruht die Annahme, ich könnte nicht meinem Alter entsprechend spielen, nur auf Sehgewohnheiten. Ich finde nicht, dass ich noch wie 16 aussehe (lacht). Es ist ein absurdes Thema und anstrengend.

"Die Menschen sehen in uns, was sie sehen wollen"

teleschau: Ist es ebenso anstrengend, dass Sie immer die freche, wilde Unangepasste spielen?

Bauer: Die Leute denken, ich bin so! Sehr oft höre ich: "Du bist ja gar nicht so". Ein Schauspieler ist eben eine Projektionsfläche. Viele kennen mich aus "jerks" und denken dann, ich bin ihr Freund. Dabei kennen die mich natürlich nicht. Das ist unser Los - die Menschen sehen in uns, was sie sehen wollen.

teleschau: Welches Bild wird auf Sie am meisten projiziert?

Bauer: In der Presse steht oft, ich sei das Enfant terrible der deutschen Filmlandschaft. Da frage ich mich immer: Warum? Ich gebe keinen Anlass dafür. Aber ändern kann ich daran nichts, es liegt nicht in meiner Hand.

teleschau: Und im Alltag?

Bauer: Es herrscht gefühlt eine größere Distanzlosigkeit als früher. Die Leute sind offensiver geworden. Man kann diese Respektlosigkeit den Leuten nicht ankreiden, die haben ja das Gefühl, einen zu kennen. Aber ich finde es schon absurd und unangenehm, wenn man beispielsweise einfach angefasst wird. So ein Eingriff ins Private.

teleschau: Es gibt also durchaus unangenehme Situationen?

Bauer: Das muss auch nicht körperlich sein. Oft werde ich angesprochen und gelobt. Dann sage ich "Danke" - das meine ich ehrlich, und es berührt mich aber mehr kann ich dazu dann auch nicht sagen. Da steht man dann so nebeneinander, aber daraus entwickelt sich ja niemals ein Gespräch. Andererseits will ich auch überhaupt nicht unhöflich sein, schließlich sind das die Menschen, wegen denen ich meinen Job machen darf. Ich freue mich, dass die Fans meine Filme und Serien schauen - deshalb muss man damit umgehen lernen.

teleschau: Vermeiden ist keine Option?

Bauer: Nein, wir sind normale Menschen. Ich will ganz normal in eine normale Kneipe gehen. Der einzige Unterschied ist, dass Leute uns im Fernsehen sehen und deshalb anschauen, wenn sie uns im echten Leben sehen. Es ist für die Menschen abstrakt. Aber ich kann ja nicht mein Leben einschränken - das macht man ohnehin ab dem Zeitpunkt, in welchem man einer breiten Masse bekannter wird.

teleschau: Gab es einen Moment, an dem Sie bemerkten, dass Sie nun eine öffentliche Person sind?

Bauer: Am Burgtheater in Wien ging das schon los, da konnte ich ich mich daran gewöhnen. Im Filmbereich ging es ab dem Zeitpunkt los, als ich mich entschieden hatte, mehr Mainstream-Sachen zu drehen. Aber das war eine bewusste Entscheidung, die ich traf. Da weiß man ja, in etwa was kommen könnte. Daher habe ich das ebenso bewusst auch vor zehn Jahren noch nicht gemacht.

teleschau: Gehört es auch dazu, sich als meinungsstarke öffentliche Person auf Social Media zu inszenieren?

Bauer: Ich bin nicht überpolitisch aktiv, aber wenn mich etwas stört und ich viele Leute erreichen kann, dann sag ich das auch. Das geht damit einher, in der Öffentlichkeit zu stehen. Ich denke, ich kann meine Stimme dafür nutzen, auf Plattformen wie Instagram nicht nur zu werben, sondern auch um auf gewisse Dinge hinzuweisen. Schließlich bin ich nicht nur Schauspielerin, sondern auch Jasna. Auch, wenn ich niemanden von meiner Einstellung überzeugen will. Gerade in einem aufkommenden AfD-Sturm geht es mir etwa darum, den Leuten zu sagen: "Geht wählen!"