Wir lieben Erdogan wie er ist

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Erdogan-Anhänger auf einer Veranstaltung im Sommer 2016 in Köln (Bild: dpa)

Nach dem Referendum in der Türkei kommt in Deutschland ein alter Sport wieder in Mode: der erhobene Zeigefinger. Wir sollten ihn mal stecken lassen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Es hätte sich als richtiggehend tragisch erwiesen, hätten die türkischen Wähler gegen die angestrebte Verfassungsänderung gestimmt. Weil sich eine knappe Mehrheit für die Pläne des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan entschied, welche nun die Republik verändern werden, können wir wieder erleichtert die Spaten schultern und fröhlich am Graben stochern, den wir ausheben wollen – zu den Deutschtürken, Türktürken und vor allem den Kümmeltürken.

Keine Frage: Dieses ganze Referendum ist desaströs, aber es gereicht hierzulande zum billigen Trittbrett für Ressentimentpflege, Maniküre für den rechten Zeigefinger inklusive. Aber nur für den.

Kommentar: Warum das Türkei-Referendum nicht der Untergang des Morgenlandes ist

Diese Volksabstimmung offenbarte Manipulationen und fragwürdige Wahlkommissionsentscheidungen. Der gesamte Staatsapparat und auch die von ihm kontrollierten Medien, welche eine Mehrheit des Journalismus dort überhaupt ausmachen, wurden von der Regierungspartei in die Ja-Kampagne eingespannt. Präsident Erdogan pfiff auf die vom Amt verlangte Zurückhaltung und bellte umso lauter, erklärte nicht die wahren Details seiner angestrebten Verfassungsänderung, sondern polarisierte; baute Fronten auf und labte sich am Unfrieden. Eigentlich ist er kein Staatsonkel, wie er es sich wünscht, sondern ein Schmarotzer. Ob er damit durchkommt, werden nun türkische Gerichte entscheiden.

Die Hierarchie muss stimmen

Hier möchte ich aber erstmal ausatmen. Ich bin es satt, wie schnell wir in Deutschland zu einem Volk von Türkeiexperten mutieren. Mir stinkt es, dass wir nun rasch den erhobenen Zeigefinger schwenken und den Türken erklären, wohin ihr Weg nun führen wird, geradewegs in die Hölle natürlich – nach Lesart der Türkeiantiversteher oder wie auch immer sie heißen mögen: Die Folgen des Referendums sind schlimm, aber sie bedeuten nicht automatisch den „Untergang der Republik“, wie es oft heißt. Die vielen Bewegungen in der Türkei, politisiert bis in die Haarspitzen und so unterschiedlich zueinander wie die Anzahl von Haaren auf dem Kopf groß, dürfen sich nun aus Deutschland anhören, wie man richtige Oppositionsarbeit macht, wie man sich zu Menschenrechten verhält und wie eine ordentliche Maniküre geschieht.

Apropos Menschenrechte, dass Erdogan nun vorrangig die Todesstrafe einführen will, stößt hierzulande auf tiefstes Entsetzen und zu einem Aufschrei, dass damit ja nun der letzte Fetzen Tischtuch zerschnitten sei. Todesstrafe ist eine Sackgasse für die Türkei, natürlich bedeutete sie zu Recht das Aus für jegliche Ambitionen auf eine Mitgliedschaft in der EU – aber hat man jemals ein ähnliches Geheule über eine Todesstrafe in der Türkei gehört wie über die schon immer kräftig praktizierte Todesstrafe in den USA? Messen wir bei unserer Wortwahl gegenüber unseren amerikanischen Freunden etwa mit einem anderen Maß?

Stay cool

Ich vergaß, mit den Türken ist das ja anders. Die sind anders, sollen es zumindest sein. Die sollen an ihrem Platz sein, die sollen gefälligst fremdeln, vor allem mit unseren Werten. Der Unterschied entfaltet sich konkret auf deutschen Bürgersteigen: Wenn dich in Berlin-Mitte ein Türke Türkisch sprechend darauf aufmerksam macht, dass Fahrradfahren hier nicht in Ordnung sei, dann verstehst du das als misslungene Integration. Wenn dich ein Amerikaner auf Englisch über deutsche Verkehrsregeln aufklärt, findest du das cool. Würde ich jene Messlatte, die wir Türken auferlegen, auch Amerikanern vor die Nase halten – ich müsste ihnen ein Problem mit der Integration attestieren. Tu ich natürlich nicht.

Hintergrund: So haben die Türken in Deutschland gestimmt

Lieber plädiere ich für eine allgemeine Entzäunung und die Frage, ob es nicht verständlich ist, dass eine Menge Türken hierzulande das Referendum benutzten, um einer Menge Deutscher den Stinkefinger zu zeigen, für die Bevormundung, für die Vermeidung von Augenhöhe, für dieses krampfhafte Besserwissertum. Das lindert die Folgen des Referendums kaum. Aber könnte ein Anfang sein, sich und die anderen einmal richtig verstehen zu wollen.

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