Wladimir Putin: Er will das Imperium zurück

Wladimir Putins Handeln ist eng mit seinem Blick auf Geschichte verknüpft. Sie ist für ihn kein abgeschlossener Prozess, sondern eine Glaskugel für Zukunftsvisionen.

Für Wladimir Putin liegt die Geschichte nicht hinter uns. Er macht mit ihr Politik, er führt mit ihr Krieg. © Sergei Guneyev/​Getty Images
Für Wladimir Putin liegt die Geschichte nicht hinter uns. Er macht mit ihr Politik, er führt mit ihr Krieg. © Sergei Guneyev/​Getty Images

Aleida Assmann ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Ägyptologin und Anglistin, sie war bis 2014 Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Zusammen mit ihrem Mann Jan Assmann erhielt sie im Jahr 2017 den Balzan-Preis für ihre Forschungen zum kulturellen Gedächtnis und im Jahr 2018 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zuletzt erschien von Aleida Assmann das Buch "Die Wiedererfindung der Nation. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen" (C. H. Beck, 2020).

Mit dem Ende des Kommunismus brach auch das Sowjetimperium zusammen. Bereits im April 2005 bezeichnete Wladimir Putin dieses Ereignis als die "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts". Er sah Russland isoliert, entblößt und exponiert in einem politischen Vakuum, umgeben von fremden und feindlichen Mächten. Um sich gegen die Übermacht der neuen Feinde zu retten, die bis vor Kurzem Verbündete waren, gab es für ihn nur eine Lösung: ein neues Imperium. Dass der russische Präsident heute mehr denn je ein Großreich anstrebt, machte er jüngst allzu deutlich, als er sich bei der Eröffnung einer Moskauer Ausstellung zum 350. Geburtstag Peter des Großen mit ebenjenem Zaren aus dem 18. Jahrhundert verglich.

Bevor man die imperiale Sehnsucht Putins genauer betrachtet, muss man indes zunächst einmal klären: Was sind eigentlich Imperien? Sie sind das Gegenteil von Nationalstaaten. Ihr erstes Merkmal ist die territoriale Größe. Imperien sind in der Regel multiethnisch und vielsprachig. Sie verfügen über ein festes Zentrum und weiche Ränder, denn ihre Grenzen sind fließend und haben die Tendenz zur Erweiterung durch Eroberung und Annexion von weiteren Gebieten. Nationalstaaten dagegen können größer oder kleiner sein, sie existieren aber innerhalb fester Grenzen, denn ihre Nachbarn sind andere Nationalstaaten. Während es Imperien seit der Antike gibt, ist die Idee der Nationalstaaten eine jüngere Erfindung, die ins 19. Jahrhundert zurückgeht. Ihre Grundlage ist eine gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte. In diesen drei Dimensionen hat sich die Nation als ein Kollektivsubjekt um 1800 gleichzeitig mit Aufklärung und Romantik selbst erfunden und mit Befreiungskriegen legitimiert.

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