Wohnungslos in Deutschland: ARD-Reportage zeigt irritierenden Auftritt einer Staatssekretärin

Frank Brunner
Freier Autor
Junge in einer Notunterkunft für wohnungslose Familien in München Foto: rbb/Lona•media/Jochen Scheid

Von Wohnungslosigkeit sind schon lange nicht mehr nur Sozialhilfeempfänger betroffen. In vielen Großstädten können sich selbst Familien aus der Mittelschicht kein Dach mehr über dem Kopf leisten. Darunter leiden besonders die Kinder.

Falls es noch jemanden gibt, der daran zweifelt, dass das Thema bezahlbarer Wohnraum eine der wichtigsten sozialen Fragen der kommenden Jahre ist, der wurde am Montagabend in der ARD eines besseren belehrt. Zu später Stunde zeigte die Reportage „Wohnungslos. Wenn Familien kein Zuhause haben” eine dramatische Lage. Die Fakten:

Bundesweit fehlen 1,9 Millionen bezahlbare Wohnungen. Und die Lücke wird immer größer. Im vergangenen Jahr fielen 49.000 Wohnungen aus der Sozialbindung. Gebaut wurden aber nur 27.000 neue Sozialwohnungen.

Etwa 1,2 Millionen Menschen waren 2018 in Deutschland wohnungslos. Wohnungslos heißt nicht, dass die Betroffenen auf der Straße leben, sondern dass sie keinen Mietvertrag besitzen. Viele Wohnungslose leben bei Freunden oder in Notunterkünften.

Experten schätzen, dass 32.000 Kinder von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Allein in Berlin sind ein Fünftel aller wohnungslosen Menschen Eltern mit Kindern.

In München registriert das Wohnungsamt jedes Jahr 13.000 Anträge auf eine Sozialwohnung - vergeben werden 3.000 Wohnungen.

Stigmatisiert: Familie lebt in Notunterkunft

Hinter den Zahlen verbergen sich bedrückende Schicksale. Das von Daniela beispielsweise. Sie, ihr Mann Marko, beide Mitte 30, und die elfjährige Tochter leben seit zwei Jahren in einer Münchner Notunterkunft. Die Familie teilt sich ein Zimmer. Leben, lernen, essen, schlafen - alles auf engstem Raum. Ihre Tochter schäme sich für ihr Leben vor den Schulfreundinnen. Bald sind sie zu viert, denn Daniela ist schwanger. Sie habe große Angst davor, wie es weiter geht, sagt Daniela, die in Wirklichkeit anders heißt. Ihr gemeinsamer Nettoverdienst von 3000 Euro reiche nicht für eine Wohnung in der bayerischen Landeshauptstadt.

Erschreckend ist auch die Situation einer alleinerziehenden Mutter mit drei Töchtern in Berlin. Die Verkäuferin verlor ihren Job, konnte die Miete nicht rechtzeitig überweisen und bekam eine Räumungsklage zugestellt. Seit einem Jahr sucht sie nach einer Alternative, lebt auf gepackten Koffern und hofft noch immer auf ein Entgegenkommen ihres Vermieters.

Es ist der Verdienst der Filmemacherin Nadja Kölling, dass sie den Menschen, die mit existenziellen Ängsten leben müssen, Gesicht und Stimme gibt. Ob man dazu eine weinende Zwölfjährige vor die Kamera holen muss, die unter Tränen sagt, dass sie ihre Mutter „kaputt” erlebt, ist eine andere Frage. Sicher: Die Szene weckt Empathie. Doch dem Mädchen tut Kölling wohl keinen Gefallen. Wer weiß, wie Schüler schon wegen fehlender Markenklamotten gemobbt werden, möchte sich nicht vorstellen, welche Schulhofreaktionen eine drohende Wohnungslosigkeit auslösen kann. Auch ohne diese Passage hätte der ansonsten sehenswerte Streifen nichts von seiner Dramatik verloren. Dafür sorgte auch der Auftritt einer Staatssekretärin.

Spitzenbeamtin tröstet Wohnungslose mit Phrasen

Wohnraum darf nicht Ware sein: Ein Transparent an einem Kreuzberger Haus. Foto: rbb/Ariane Böhm

Anne Katrin Bohle arbeitet im CSU-geführten Bundesbauministerium und ihre Sicht auf das Thema ist - vorsichtig formuliert - irritierend. Nach unzähligen Berichten über renditegetriebene Immobilienkonzerne, wie Vonovia und Deutsche Wohnen, die - unter anderem in Berlin - ihre Altmieter schikanieren und für Bruchbuden astronomische Mieten verlangen und nachdem in manchen Quartieren der Hauptstadt Obdachlosigkeit mittlerweile zum Straßenbild gehört, sagt Bode vor laufender Kamera: „Wir haben gute Erfahrung mit unserer sozialen Marktwirtschaft gemacht und soziale Verantwortung und wirtschaftliche Vernunft sind zwei Seiten einer Medaille.”

In welcher Welt lebt die Frau? Wenn sich selbst Menschen mit normalem Einkommen in München, Berlin, Stuttgart oder Hamburg keine Wohnung leisten können, dann funktioniert der freie Markt offensichtlich nicht.

Staatssekretärin Bohle hat indes ein ganzes Reservoir an Phrasen parat. Sie sagt: „Ich hoffe, Sie halten mich nicht für ohne Ende romantisch, wenn ich daran glaube, dass diese Wertesystem funktioniert.” Nun scheint Frau Bohle entgangen zu sein, dass Mieter ihre Miete nicht mit einem Wertesystem zahlen können.

Dass große Wohnungskonzerne an erster Stelle ihre Gewinne steigern wollen, mag aus Sicht der Unternehmen nachvollziehbar sein. Aber es wäre Sache der Regierung regulierend einzugreifen, wenn der Wohnungsmarkt derart aus dem Gleichgewicht gerät. Stattdessen preist eine Beamtin mit fünfstelligem Monatsgehalt die Vorzüge des freien Marktes. Das ist zynisch.

Sogar Akademiker ohne eigene Wohnung

Am Ende sagt Bohle allen ernstes: „Es gibt Situationen, in denen gut strukturierte, funktionierende Quartiere gegebenenfalls über Modernisierung den einen oder anderen Altmieter zu verdrängen drohen.” Der Satz ist schon sprachlich völlig verquer und falsch. Quartiere verdrängen keine Mieter. Hohe Mieten, beziehungsweise Vermieter verdrängen Mieter aus Quartieren. Und was Bohle als „den einen oder anderen Altmieter” bagatellisiert, betrifft mittlerweile tausende Menschen. Was solche Sätze auslösen, etwa bei der alleinerziehenden Mutter im Film, die nicht weiß, wo sie künftig mit ihren drei Töchtern leben soll, mag man sich gar nicht vorstellen.

In der Reportage kommt auch Angela Pfister-Rech zu Wort. Sie leitet die AWO-Notunterkunft, in der auch Daniela und ihre Familie leben. Pfister-Rech sagt: „Die Wohnungslosigkeit ist angekommen in der Mitte der Gesellschaft. In unserer Einrichtung leben, Familien, Alleinerziehende und sogar Akademiker. Pfister-Rech weiter: „Die Kinder werden aus ihrem Umfeld gerissen, müssen teilweise die Schule wechseln und das ist alles auch noch mit Scham verbunden.” Scham sollten auch Politiker und Spitzenbeamte, wie Frau Bohle empfinden, wenn sich in einem der reichsten Länder der Erde hart arbeitende Menschen ihre eigenen vier Wände nicht mehr leisten können.

Die Reportage „Wohnungslos. Wenn Familien kein Zuhause haben” ist in der ARD-Mediathek abrufbar.