"Sie wollen mich nicht nackt sehen!"

Claudia Nitsche
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Ulrich Tukur: "Es ist beängstigend, wie die Zeit dahinrast"

Martina Gedeck und Ulrich Tukur sind zwei der besten Schauspieler des Landes - und zwei, die sich mögen. Im Interview zu "Und wer nimmt den Hund?" sprechen sie über die Ehe und Regisseure, die nichts taugen. Peinlich ist den beiden wenig. Obwohl, dazu fällt Ulrich Tukur dann doch was ein.

Es könnte einschüchtern mit der geballten Schauspielkraft, mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur, im ehrwürdigen Bayerischen Hof in München, zu sitzen. Andererseits, was gibt es Besseres, als mit ihnen über Männer und Frauen zu reden, die älteste aller Komödien, die Regisseur Rainer Kaufmann zusammen mit den beiden auf neue Art inszenierte. "Und wer nimmt den Hund?" heißt der Film zur Trennung nach gemeinsamen 26 Jahren als Ehepaar. Grob 26 Monate nachdem sie zusammenfanden - in Sven Taddickens sehr speziellem Liebesfilm "Gleißendes Glück". Davor gab es nur flüchtige Begegnungen vor der Kamera, etwa beim Welterfolg "Das Leben der Anderen" und bei Tukurs "Tatort"-Einstieg. Die beiden sitzen, ja, sie lümmeln fast in den Hotelsesseln und plaudern wie alte Freunde, die sie auch sind. Sie blättern das Presseheft zum Film durch und unterhalten sich darüber, was sie alles gemacht haben. Während Martina Gedeck sich an "Die Beute" von Dominik Graf als ihren ersten Film erinnert, schwärmt Tukur von Budapest 1982, als er mit Michael Verhoeven dort "Die weiße Rose" drehte. Er sei in einer "völlig anderen Welt gewesen, abgerissen, heruntergekommen und doch wunderschön romantisch". Ein bisschen wie im Bayerischen Hof, in dem es an diesem Tag durch die Decke tropft. Fehlt nur noch der arme Poet in seinem Bett, doch zum Ausziehen kommen wir später. Bis dahin darf man sich an einer tiefenentspannten Martina Gedeck erfreuen und Ulrich Tukur bewundern, der im Anzug mit Hosenträgern lässig-elegant auftritt.

teleschau: Haben Sie sich zusammen auf diesen Film vorbereitet?

Martina Gedeck: Nein, machen wir nie.

Ulrich Tukur: Die Zeit hat man nicht. Aber bei "Gleißendes Glück", dem Film, den wir 2016 zusammen gedreht haben ...

Gedeck: Stimmt, da waren wir drei Tage bei euch zu Hause in der Toskana und haben im Vorfeld intensiv an den Szenen gearbeitet.

teleschau: Das heißt, sich gemeinsam reinzuarbeiten, hilft durchaus, um später wie eine Einheit zu wirken?

Tukur: Auf jeden Fall, vor allem, was das Herausarbeiten von Tempo und Dynamik angeht.

Gedeck: Aber ich fand es diesmal ganz gut, dass wir quasi einfach aufeinander losgelassen wurden. Wir waren sofort in der Situation, da konnte sich nichts einschleifen. Das war jenseits jeder Routine.

teleschau: Finden Sie denn, dass der Film eine Komödie ist?

Tukur: Er hat sehr komische Seiten, ist aber im Grunde eine traurige Geschichte über das Ende einer Beziehung, die lange gut funktioniert hat. Eine Dramödie, wenn man so will - ein neues, revolutionäres Genre.

Gedeck: "Und wer nimmt den Hund?" wird komödiantisch erzählt, der Film löst eine gewisse Heiterkeit aus. Aber die Tragödie hat dieselben Grundstrukturen.

Tukur: Wenn sich Menschen in ein Schlamassel manövriert haben, nicht mehr weiterwissen und verzweifelt versuchen, Haltung zu bewahren, kann das sehr komisch sein.

teleschau: Hatten Sie Bedenken bei manch überdrehten Szenen? Einer von Ihnen schlitzt Reifen auf, der andere steckt ein Auto in Brand ...

Tukur: Aber nein, ich hatte lediglich Bedenken, mir das Unterhemd über den Kopf zu ziehen und meinen Oberkörper zu präsentieren, aber auch die Bettszenen mit meiner jungen Freundin brachten mich ins Grübeln.

Gedeck (lacht): Ja, Uli, eine wirklich schwierige Szene.

"'Tatorte' habe ich schon genug gemacht"

teleschau: Es gibt eine eheliche Diskussion ums Fernsehprogramm. Was würden Sie wählen: "Tatort", Drama oder Liebesgeschichte?

Tukur: Na, Drama. "Tatorte" habe ich schon genug gemacht.

Gedeck: Ich würde die Liebesgeschichte nehmen. Aber keine Schmonzette. Zum Beispiel "Falling In Love", dieser fantastische Film mit Meryl Streep und Robert De Niro aus den 80er-Jahren. Sie hat einen Mann und er eine Familie. Beide sind total glücklich in ihren Beziehungen, dennoch verlieben sie sich und beider Leben wird zu einem einzigen Drama.

teleschau: Nachdem Sie mittlerweile im Schwung sind: Was wird denn Ihr nächstes gemeinsames Projekt?

Gedeck: Ich würde gerne etwas Böses mit dir spielen, wie wär's mit einer "Bonnie and Clyde"-Geschichte? Dazu hätte ich Lust.

Tukur: Oder wir machen noch mal einen "Tatort" zusammen.

Gedeck: Ach, das haben wir doch schon gemacht.

Tukur: War aber toll, Martina war in meinem ersten "Tatort" die Antagonistin.

teleschau: Es ist schon verrückt, wie man sich über die Jahre immer wieder trifft, oder?

Tukur: Wir haben uns in den 80-ern am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg kennengelernt, haben dann drei lächerliche Filme zusammen gedreht und schon sind wir ein altes Filmpaar. Es ist beängstigend, wie die Zeit dahinrast.

Gedeck: Aber wir könnten schon noch mehr Filme zusammen drehen.

Tukur: Naja, viel Zeit ist nicht mehr (lacht).

teleschau: Wie ist denn Drehen mit Martina Gedeck?

Tukur: Es ist eine große Freude mit jemandem zu arbeiten, den man schätzt und dem man vertraut. Es ist eine entspannte Arbeit, ohne Kampf, auch wenn man sehr kämpferische Szenen zusammenspielt.

teleschau: Frau Gedeck, wie finden Sie die Zusammenarbeit mit Ulrich Tukur?

Gedeck: Ich mag, dass er mich immer wieder überrascht. Bei Uli ist eigentlich jeder Take anders. Es ist toll, wie sich die Dinge entwickeln, wie wir Momente entwickeln.

Tukur: Jeden Tag bist du ein anderer, und wenn du offen spielst, das heißt, deinem Partner wirklich in die Augen schaust, dann kommen oft ungeplante, überraschende Dinge zustande. Dem brauchst du nur zu folgen.

teleschau: Dies zu dürfen, ist eine Freiheit, die man sich sicher erst erarbeiten muss.

Tukur: Du musst schon eine gewisse Erfahrung haben. Ich werde ja oft gefragt "Sind Sie im Laufe Ihres Lebens besser geworden?". Ich glaube nicht wirklich, ich habe eher das Gefühl, entspannter zu sein. Es geht nicht mehr um die Wurst, um die große Karriere. Man wird gelassener und erreicht eine Ruhe, eine Freiheit, die solch magische Momente ermöglichen. Diese Impulse kommen, wann sie wollen und man muss auf sie warten können.

"Kontraproduktiv und respektlos"

teleschau: Hat Ihnen dennoch ein Regisseur schon mal eine Szene um die Ohren gehauen?

Tukur: Ja, ich hatte schon zwei, drei problematische Regisseure, die den Fehler gemacht haben, Druck aufzubauen. Das führt zu nichts, ist kontraproduktiv und respektlos.

Gedeck: Es ist frech und es beschädigt deine Kreativität.

Tukur: Und die Szene. Andererseits gab es auch Filme mit liebenswürdigen Regisseuren, auf die ich gerne verzichtet hätte. Aber es waren nicht viele.

teleschau: Zum Abschluss eine Anmerkung: Das ist sehr stilvoll, was Sie anhaben, Herr Tukur.

Tukur: Danke. Ich achte auf mich. Alles strebt der Auflösung zu. Sie wollen mich nicht nackt sehen. Und auch nicht in Blue Jeans oder kurzen Hosen.

Gedeck: Komm, das sieht sehr gut aus, ich hab dich in Blue Jeans gesehen.

teleschau: Machen Sie sich auch so viele Gedanken über Ihre Kleidung?

Gedeck: Nicht allzu viel, aber manchmal denke ich schon, ich hätte was anderes anziehen sollen.

teleschau: Vollenden Sie doch bitte noch den Satz "Ehe ist ..."

Gedeck: Schön!

Tukur: Ein Abenteuer.