"Sie wollen den Staat zerstören": Thilo Mischke zeigte "Deutschland radikal"

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Warum breitet sich in einer an sich gut funktionierenden und wohlhabenden Gesellschaft wie der deutschen plötzlich der Hass aus? Reporter Thilo Mischke begab sich für seine ProSieben-Reportage "Deutschland radikal - Wie Hass unsere Gesellschaft spaltet" auf die Suche nach Anworten. (Bild: ProSieben/Wolf Lux)
Warum breitet sich in einer an sich gut funktionierenden und wohlhabenden Gesellschaft wie der deutschen plötzlich der Hass aus? Reporter Thilo Mischke begab sich für seine ProSieben-Reportage "Deutschland radikal - Wie Hass unsere Gesellschaft spaltet" auf die Suche nach Anworten. (Bild: ProSieben/Wolf Lux)

Spätestens seit der Corona-Krise scheint in Deutschland der Hass aufeinander immer mehr zum Zeitgeist zu werden. Warum das so ist, wer ihn befördert und was man dagegen tun kann, untersuchte ProSieben-Reporter Thilo Mischke in der Reportage "Deutschland radikal - Wie Hass unsere Gesellschaft spaltet".

Die Worte sind heute vielleicht nicht mehr ganz überraschend, aber eindringlich wirkt das Gesagte dennoch: "Spätestens seit Pegida müsste klar sein, dass es eine größere Anzahl unzufriedener Menschen in diesem Land gibt, die sich gegen die Regierung insgesamt wenden, die einen Systemwechsel anstreben", sagt Thomas Haldenwang, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, in die Kamera von ProSieben-Reporter Thilo Mischke. Für dessen gut zweistündigen Film "Deutschland radikal - Wie Hass unsere Gesellschaft spaltet", der am Montagabend um 20.15 Uhr lief, reiste der 40-Jährige ein Jahr lang durch die Corona-Republik. Er besuchte Dutzende "Querdenken"-Demos und sprach mit Menschen, die die Spaltung der Gesellschaft aus unterschiedlicher Perspektive betrachten: Wissenschaftlerinnen und Verfassungsschützer, Anti-Corona-Maßnahmen-Gegner, gesprächsbereite "Querdenker" und auch Aussteiger aus Verschwörungszirkeln wie der Schweizer Sekte OCG, deren Fernsehsender Kla.tv immer mehr Einfluss aufs Informationsbedürfnis der Szene nimmt.

Inzwischen ist - dank Internet - das Spektrum der "Alternativmedien" so groß, dass auch Verschwörungstheoretiker glauben, sie würden sich vielfältig im Netz informieren. "Es ist nicht erwünscht, einen Faktencheck zu machen", erzählt OCG-Aussteigerin Claudia Müller über die Arbeit von Kla.tv. "Die Intention ist Zerstörung. Sie geben vor, Teil eines demokratischen Diskurses zu sein. Sie wollen diesen Staat aber nicht verbessern, sie wollen den Staat umstürzen, sie wollen den Staat zerstören, weil sie an irgendwelche bösen Hintergrundmächte glauben." Eine in der ProSieben-Reportage präsentierte Studie vom April 2021 besagt, dass etwa 15 Prozent der Deutschen an eine Verschwörung rund um die Corona-Krise glauben. Das wären zwölf Millionen Menschen.

Tatsächlich haben 35,8 Prozent der Deutschen - mehr als jeder dritte Befragte - die Erfahrung gemacht, dass Freundschaften oder Beziehungen aufgrund von Meinungsverschiedenheiten im Zuge der Corona-Krise zerbrochen sind, berichtet der Mischke-Film. "Es ist eine gesellschaftliche Herausforderung, vielleicht sogar die gesellschaftliche Herausforderung des 21. Jahrhunderts zu schauen, wie können wir als Gesellschaft miteinander in Kontakt bleiben - auch mit schwierigen Themen", denkt ein Politikwissenschaftler im Gespräch mit Mischke über die aktuelle Gesellschaftskrise hinaus.

Woher kommt der Hass? Thilo Mischke versuchte es herauszufinden (Bild von einer Querdenker-Demonstration im April in Berlin). (Bild: ohn MACDOUGALL / AFP) (Photo by JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images)
Woher kommt der Hass? Thilo Mischke versuchte es herauszufinden (Bild von einer Querdenker-Demonstration im April in Berlin). (Bild: ohn MACDOUGALL / AFP) (Photo by JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images)

"Was der Leser mit der Information macht, ist mir egal"

Mischke hat sich auch mit "Bild"-Chef Julian Reichelt zum Gespräch verabredet. Sein Medium, eigentlich traditionell der bundesrepublikanischen Demokratie verpflichtet, nimmt eine etwas seltsame Rolle in der Auseinandersetzung ein, weil "Bild"-Schlagzeilen die Generalkritik am Staat und damit die "Querdenker"-Szene auch immer wieder mal zu befeuern scheinen. Laut Julian Reichelt arbeitet "Bild" zwar mit Emotionen, erzählt aber keine falschen Fakten: "Was der Leser mit der Information macht - über sie erfahren hinaus - ist mir egal", erklärt Reichelt dem sichtlich schockierten Thilo Mischke. Und weiter: "Ich möchte, dass der Leser Erkenntnis hat, wie Dinge sind. Und den ganzen erzieherischen Anspruch, was er damit zu tun hat, überlasse ich ARD und ZDF."

Wenn Mischke und sein Team auf Demonstrationen drehten, wurden sie regelmäßig behindert, beschimpft und bedroht. Dass der Hass jener Menschen, die vorgeben, für Freiheit und Demokratie auf die Straße zu gehen, sich ausgerechnet gegen die Pressefreiheit wendet, ist einer der perfiden Widersprüche der Protest-Szene. Hier arbeiten Querdenker- und rechte Szene, die sich auch im Straßenbild der Demonstranten immer wieder mischen, mit sehr ähnliche Methoden. "Neben der Aggression schockiert mich vor allem der offen gezeigte Antisemitismus und das Schüren von Feindbildern", berichtet Thilo Mischke am Ende des Films quasi als Fazit seiner rund einjährigen Feld-Beobachtung.

Dass eine bessere Bildung und damit die Fähigkeit, Fakten und Meinungen zu unterscheiden, zur Herkulesaufgabe unserer Gesellschaft in den nächsten Jahren wird, dieser Meinung ist auch Wissenschafts-Journalistin Mai Thi Nguyen-Kim, die sich aufgrund der Anfeindungen gegen sie nur an anonymen Orten mit Thilo Mischke trifft. "Besorgniserregend finde ich", schließt Mischke seine Reportage, "dass es anscheinend viele Menschen gibt, die Interesse daran haben, gezielt Falschbehauptungen und Verschwörungserzählungen zu verbreiten. Das spaltet unsere Gesellschaft. Wenn wir verhindern wollen, dass die Radikalisierung fortschreitet, müssen wir alle lernen, Meinungen von Fakten zu unterscheiden - aber auch einander zuhören. Ohne Verständnis für beide Seiten wird das nicht möglich sein."

Thilo Mischke hat für seine Hass-Reportage interessante Gesprächspartner gefunden. Mit dabei: "Bild"-Chef Julian  Reichelt. (Bild: ProSieben/Nikita Teryoshin)
Thilo Mischke hat für seine Hass-Reportage interessante Gesprächspartner gefunden. Mit dabei: "Bild"-Chef Julian Reichelt. (Bild: ProSieben/Nikita Teryoshin)
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