ZDF-Doku über Polizei und Diversität: "Ich bin Deutscher. Ich bin Polizist. Was wollt ihr von mir?"

Aufgrund seiner Herkunft hatte es Kevin Sheikh in der Kindheit nicht immer leicht. Heute sieht er seine interkulturellen Kompetenzen als Vorteil. (Bild: ZDF / Jesco Denzel)
Aufgrund seiner Herkunft hatte es Kevin Sheikh in der Kindheit nicht immer leicht. Heute sieht er seine interkulturellen Kompetenzen als Vorteil. (Bild: ZDF / Jesco Denzel)

Wie die Bevölkerung wird auch die Polizei hierzulande immer vielfältiger. Eine "37°"-Dokumentation im Zweiten begleitete nun den Arbeitsalltag von Beamtinnen und Beamten mit Migrationsgeschichte. Von Rassismus, sagt ein hochrangiger Beamter im Film, wollen viele Kollegen am liebsten nichts hören.

"Man kann sagen, dass Rassismus fast wie ein Tabubegriff bei uns ist": Thomas Model ist Leitender Polizeidirektor - und der Meinung, dass die Exekutive nach wie vor zu wenig eigene Vorurteile aufarbeitet. "Nach dem Motto: Damit haben wir nichts zu tun, damit wollen wir uns nicht auseinandersetzen. Ich glaube, das ist ein großer Fehler, den die Polizei oftmals macht."

Model, so berichtete er in der Dokumentation "37° - Bunte Polizei", die am Dienstagabed im ZDF lief, hat deshalb bei der Polizei Hamburg das "Institut für transkulturelle Kompetenz" (ITK) mitbegründet. Das setzt sich unter anderem mit Rassismus in den eigenen Reihen auseinander. Dort arbeitet auch die Polizistin Derya Yildirim.

Vor 20 Jahren war die Tochter kurdisch-alevitischer Gastarbeiter eine der ersten Polizeibeamtinnen mit türkischen Wurzeln in Hamburg. Heute, wie die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern im Film erklärte, seien weitaus mehr Menschen mit Migrationsgeschichte im Polizeidienst tätig. Aber: "Die kulturelle Vielfalt muss sich noch viel mehr in der Polizei widerspiegeln."

Derya Yildirim will Menschen erreichen, die ansonsten kaum auf die Idee kämen, bei der Polizei zu arbeiten. (Bild: ZDF / Jesco Denzel)
Derya Yildirim will Menschen erreichen, die ansonsten kaum auf die Idee kämen, bei der Polizei zu arbeiten. (Bild: ZDF / Jesco Denzel)

Gefragte Vermittler in interkulturellen Konflikten

Im Jahr 2020 hatte gut jede vierte in Deutschland lebende Person eine Zuwanderungsgeschichte. Auch bei der Polizei hat sich die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Familien nach Deutschland eingewandert sind, von 2009 bis 2021 verdreifacht. Dennoch sehen sich Polizistinnen und Polizisten mit Migrationshintergrund auch heute noch mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Filmemacherin Güner Yasemin Balci kennt Geschichten wie jene, die sie in ihrem 30-minütigen Bericht erzählte: Auch ihre Eltern kamen einst als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland.

Für "37°" traf Balci Menschen wie den Magdeburger Polizeibeamten Kevin Shaikh. Seine pakistanisch-polnischen Wurzeln helfen ihm oft bei der Vermittlung in interkulturellen Konflikten - etwa dann, wenn er mit einem Tatverdächtigen auf Polnisch sprechen kann. Dennoch wusste er auch von Mobbing und Anfeindungen zu berichten.

"Schon zu Grundschulzeiten gab es Gruppen, in denen ich nicht mitspielen durfte, weil ich anders aussehe", erinnerte er sich. "Das ging mir sehr ans Herz als Kind." Bis heute komme es immer wieder vor, dass er aufgrund seiner Hautfarbe beschimpft oder sogar bespuckt werde, erzählte Shaikh in Balcis Film. "Diesen Leuten müsste man mal sagen: Ich bin in Deutschland geboren, ich arbeite hier, ich bin Polizist. Was wollt ihr von mir?"

"Wenn wir nicht vielfältig sind, werden wir keinen Erfolg mehr haben"

Auch die dritte Protagonistin der Doku, Dina Brewer, berichtete, rassistische Beleidigungen gewohnt zu sein. Nichtsdestotrotz sehe die gebürtige Ägypterin ihre Herkunft als Vorteil an. "Menschen mit einer anderen Kultur oder einem anderen Hintergrund sind immer eine große Bereicherung", stellte die Polizeibeamtin fest. Auch im Berufsleben sei es nützlich, Arabisch zu beherrschen: "Es ist typisch für Berlin, dass die Menschen lieber mit den Kolleginnen und Kollegen reden, die auch ihre Sprache sprechen." Oft ginge es dabei um "Fingerspitzengefühl", betonte Brewer.

Sie alle - Brewer, Shaikh, Yildirim - sprachen mit viel Stolz von ihrer Arbeit bei der Polizei. "Ich liebe meinen Beruf so sehr. Mit allem, was dazugehört", sagte etwa Yildirim. Und das, obwohl die Hamburgerin auch auf dem Revier selbst bereits mit Vorurteilen konfrontiert wurde: "Natürlich habe ich dort schon Gespräche und Diskussionen geführt, bei denen ich weiß, wenn ich keinen türkischen Migrationshintergrund hätte, hätte man mich das nicht gefragt oder man hätte so nicht reagiert."

Derartige Erfahrungen seien für Yildirim jedoch nur ein weiterer Grund dafür, Aufklärungsarbeit zu betreiben - und mehr Menschen für den Dienst anzuwerben, die nicht ins Schema des weißen, in Deutschland geborenen und häufig männlichen Polizisten passen. Diese Ansicht teilte auch ihr Vorgesetzter Thomas Model, der deutliche Worte fand: "Wenn wir nicht vielfältig sind, werden wir keinen Erfolg mehr haben."

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