ZDF-History: Kinderstars – heute verehrt, morgen vergessen?

Johannes Giesler
Freier Autor
“Kevin – Allein zuhause” hat ihn zum Superstar gemacht. Das Leben als Superstar hat ihn beinahe zerbrochen: Macaulay Culkin. Bild: ZDFimago stock / peopleunited archives

Sie stehen auf den großen Bühnen, werden wie Götter verehrt. Dabei spielen ihre Altersgenossen noch im Sandkasten: Kinderstars. Doch nicht selten stellen sich mit den großen Karrieren Probleme ein, die Verlockung des Geldes etwa, der Druck der Unterhaltungsbranche oder einfach das Älterwerden. Eskapaden, Drogen, Alkohol, Karriereaus, der Rückzug aus der Öffentlichkeit – ZDF History geht den Lebensweg einiger Kinderstars nach.

Vagabunden und Superstars

Die Kelly Family war über Jahrzehnte eine Kultband. Doch die Anfänge klingen überhaupt nicht kultig, sondern so: Vater Dan Kelly träumt für sich und seine Familie von einem alternativen Leben, ohne TV, Radio oder Telefon. Dazu unterrichtet er seine zwölf Kinder selbst, legt in der Ausbildung großen Wert auf die Musik. Er will seinen Kindern die Welt zeigen, also leben sie in einem Bus und reisen. In Rom wird ihnen alles gestohlen, außer den Instrumenten. Maite Kelly erinnert sich, was an dem Abend passierte, als sie (damals noch die Kelly Kids) in der Fußgängerzone muszieren: „Die Menschen warfen aus den Restaurants mit Münzen. Und mein Vater sagte am Ende des Abends, mit einer großen Dose voller Geld: ‚Kids, unser Leben hat sich verändert. Aus der Not wurde ein Lebensweg.“

Die Familie feiert erste Erfolge als Straßenmusiker, sie reisen nicht mehr, sondern touren fortan in ihrem Bus. Dann der Schock: Bei Mutter Barbara-Ann wird Krebs diagnostiziert, während einer Schwangerschaft. Chemotherapie oder das Kind – vor dieser schrecklichen Entscheidung steht die Familie. Sie entscheiden sich für das Kind, elf Monate nach der Geburt Angelos verstirbt seine Mutter. Ein Trauma für die ganze Familie, besonders für die Kinder, die von nun mehr Verantwortung für sich selbst und die Kleineren übernehmen müssen. Doch die Familie hält zusammen.

Vom Reisebus zum Privatjet

Und feiert den Durchbruch bei einem Konzert in der Westfalenhalle in Dortmund: „Nach 18 Jahren Straße, Höhen und Tiefen, kam der kommerzielle Durchbruch. Mehr kann man sich nicht wünschen, als Musiker“, sagt Joey Kelly. Doch die Kellys setzen noch einen drauf mit ihrem Megahit „An Angel“. Er ist monatelang in den europäischen Charts, macht die Familie zu Multimillionären. Angelo Kelly sagt: „Da waren wir plötzlich in vier- und fünf-Sterne Hotels, flogen mit Privatjets. Das war innerhalb weniger Jahre für uns normal.“

Um das zu unterstreichen, kauft der Vater für 13 Millionen ein Schloss, doch die Verkaufszahlen halten nicht an. „Wir haben jährlich 100 bis 300 Millionen Mark eingenommen, über fünf Jahre. Wir hatten da aber auch bis zu 400 Angestellte weltweit“, sagt Angelo.

Nach dem Tod des Vaters Dan im Jahr 2002 gehen die Kinder getrennte Wege, auch musikalisch. Es wird ruhig um sie, keiner kann an den Erfolg anschließen. 2017 erst kommen sie in kleiner Besetzung als Family zurück. Dennoch,die ehemaligen Kinderstars haben den Sprung ins Erwachsenenalter unbeschadet überstanden.

Die Königin des Damentennis

Ihre Dominanz in einer Zahl: Steffi Graf war 377 Wochen die Nummer eins der Tennis-Weltrangliste. Doch dafür ackert sie schon als Kind jeden Tag, gefördert von ihrem Vater. Der bald seinen Beruf aufgibt und alles auf seine Tochter setzt. Die schmeißt ebenfalls mit 14 die Realschule. Im aktuellen Sportstudio wird sie 1984 gefragt, ob sie nicht ihre Kindheit verpasse? „Nein, mir gefällt es genauso, wie es ist.“

Bald spielt sie bei den Profis, ihr macht es Spaß, auf Turniere zu reisen. Nur ihre Mutter will einen Rest Kindheit bewahren, sie sieht die Fokussierung auf die Karriere kritisch. „Wenn der eine Elternteile möchte, dass das Kind Karriere macht und der andere nicht, dann gewinnt meist der Stärkere. Bei Steffi Graf war es der Vater“, sagt Matina Ihmels, sie ist Kinderagentin. „Aber weil die Mutter zumindest zuhause das Familienleben hochgehalten hat, erlebte Steffi sowas wie eine Jugend.“

Mit 16 ist sie Steffi bereits Millionärin, mit 18 führt sie die Weltrangliste an. 1988 gewinnt sie als erste Spielerin überhaupt alle Grand-Slams und Olympiagold. Dann negative Schlagzeilen: Ihr Vater hat eine Affäre mit einem Playboy-Model, wird wenig später wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe verurteilt. Steffi Graf muss nun Geschäftsfrau werden. Sie schafft die Emanzipierung von ihrem Vater, der ihr ganzes Leben gemanagt hat. „Sie gehört zu den Wenigen, die am großen Erfolg nicht zerbrochen sind, die sich nicht hat korrumpieren haben lassen vom Geld,“ sagt Kulturanthropologe Gunther Hirschfelder. Heute schreibt Steffi, glücklich verheiratet mit Andre Agassi, wenn überhaupt, positive Schlagzeilen.

Kevin allein

Macaulay Culkin wird zum Superstar, als er mit zehn Jahren die Hauptrolle in „Kevin – Allein zu Haus“ spielt. Bereits als Vierjähriger steht er auf der Theaterbühne, sein Vater ist Schauspieler, seine Mutter Autorin. Sie sorgen dafür, dass fünf der sieben Kinder ganz früh auf der Bühne stehen. Nicht immer ohne Zwang, wie Macaulay seinem Vater später vorwirft.

Kinderpsychologe Michael Thiel sagt: „Das Besondere an ihm ist neben seinem Aussehen, also dem Kindchenschema, seine Spielfreude, die er über die Kamera ins Wohnzimmer transportieren kann.“ Es folgen weitere Blockbuster, die Macaulay zum Millionär machen. Er ist auf Partys eingeladen, Premieren – die Filmindustrie macht mit ihm kräftig Kasse, er ist eine Geldverdienmaschine. Selbst in einem Video von Michael Jackson taucht er auf. Marina Ihmels sagt: „Wenn ein Kind zum Superstar und so vermarktet wird, ist es eine komplette Überforderung. Es muss in einer Erwachsenenwelt bestehen.“

Dann trennen sich seine Eltern und streiten um das Sorgerecht. Daraufhin verklagt er seine Eltern, um sein Vermögen zu schützen. Er will raus aus Hollywood, spielt Theater, heiratet mit 17, doch die Beziehung zerbricht. Er stürzt ab, es folgt: Drogenmissbrauch. Er berappelt sich, wieder ein Versuch, dieses Mal: Musik, eine Comedy-Rockband, doch mit wenig Erfolg. 2008 stirbt seine Schwester, wieder Alkohol, wieder Drogen bei Macaulay. Bis er sich für zehn Jahre ganz aus der Öffentlichkeit zurückzieht und erst 2018 mit einem eigenen Filmprojekt zurückkehrt. Ihn hat der frühe Ruhm fast das Leben gekostet.

Jackie wer?

Jackie Coogan: Er ist der erste Kinderstar der Leinwand. Das berühmteste Kind der Welt vor 100 Jahren. Eine kleine Zeitreise: USA 1921, der Film „the Kid“, auf Deutsch „der Vagabund und das Kind“ kommt in die Kinos. Darin spielt der fünfjährige Jackie an der Seite von Charlie Chaplin. Ein Film, der erzählt, dass man durch Menschlichkeit und Kindlichkeit jede Situation überstehen kann. Ein Welthit. Der Junge geht 1924 auf Tournee, in Frankreich wird er von 200.000 Menschen begrüßt. Dasselbe Bild in Berlin, in London.

Seine Eltern wollen die Popularität nutzen und gründen eine Produktionsfirma, mit 15 hat der Kinderstar in 20 Stummfilmen gespielt. Dann der Unfall: Sein Vater stirbt im Auto, Jackie selbst wird schwer verletzt. Alles Geld fällt der Mutter zu, die es nicht mehr rausrücken will – auch als Jackie volljährig ist. Also muss er seine Mutter verklagen. Als er endlich Recht bekommt, ist fast nichts mehr da, die Mutter hat alles verjubelt. Seither gibt es das „Coogan-Gesetz“, es besagt, dass ein Anteil des Kinderhonorars auch bei den Kindern verbleibt, darüber dürfen die Eltern nicht bestimmen. Seine Kinderkarriere hat ihn seine Familie gekostet.

Fazit: Eine Doku mit wenig Tiefgang

Die Dokumentation „ZDF-History Kinderstars“ zeigt die bekannten Schlaglöcher auf dem Weg vom Erfolg in jungen Jahren bis hin ins Erwachsenenalter. Wie wichtig Familie und Rückhalt ist, in Zeiten des Ruhmes und des Geldes. Nur ist das nicht neu. Leider kommen nur bei den Kellys die Betroffenen selbst zu Wort, aber auch die erklären nicht, wie sich der Erfolg anfühlte in jungen Jahren, welche Herausforderungen für sie persönlich damit einhergingen. So bleibt die Dokumentation an der Oberfläche, weil sich die Branchen-Experten und Psychologen mit ihren Aussagen auf Allgemeinplätzen aufhalten. Weil sie nicht von außen erklären können, wo sie nie reingeschaut haben. ZDF-History zeigt Einzelschicksale und lässt Experten anhand statistischen Wissens mutmaßen. Das bringt leider wenig Mehrwert.