ZDFneo: Diktator - Urlaub in der Diktatur

Big Brother wird politisch – und ZDFneo verfehlt seinen Bildungsauftrag mit Trash-TV aus dem Knast.

Es ist ein etwas an den Haaren herbeigezogenes Format, das ZDFneo da mit “Diktator” an den Start bringt. Ausschnitt aus der Sendungsbeschreibung: Acht junge Deutsche werden Bürger und Bürgerinnen einer fiktiven Diktatur. Eine Woche lang leben sie nach strengem Reglement. Ohne die Privilegien einer Demokratie.

Diese acht jungen Deutschen machen Urlaub in der Diktatur

Big Brother ohne Sex, trifft auf Goodbye Deutschland in der Nordkorea Version

In der Umsetzung heißt das: Big Brother ohne Sex, trifft auf Goodbye Deutschland in der Nordkorea Version. Da haben die öffentlich-rechtlichen ihren Bildungsauftrag vielleicht ein bisschen arg ernst genommen, auch wenn das Format in anderen europäischen Länder bereits erfolgreich lief und derzeit live und 24/7 großen Anklang in der Türkei findet.

Begleitet von apokalyptischen Klängen ziehen die acht Teilnehmer des Sozialexperiments für eine Woche in den TV-Knast. Wo genau der steht, ist nicht benannt – irgendwo flach, grau und trostlos. Brandenburg vielleicht. Smartphones, Make-Up und Plüschhasen werden ihnen abgenommen, im Tausch gibt’s rote All-Inclusive Armbändchen für den Urlaub in der Diktatur. Ein Experten-Team bestehend aus zwei Sozialpsychologen beobachtet, kommentiert und grinst sich in den Bart, während es für den Zuschauer über die Symboliken der Diktatur schwadroniert.

„Ich bin gespannt auf die Erfahrung in einer Diktatur“

Etwas irritierend sind die Erwartungen der Kandidaten: „Ich bin gespannt auf die Erfahrung in einer Diktatur“. Oder auch das Grundverständnis einer Gesellschaft, das diese jungen Leute mitbringen: „Ohne Disziplin geht nichts. In der Bundeswehr habe ich gelernt, mich auch mal unterordnen zu können.“

Die Vorfreude ist also groß, besonders bei Ex-Bundi Mirco und Ruhrpott-Nase Cihan, eher so der Typ „evet“. Beide geloben, sich immer eifrig an die Regeln zu halten. Scheiß Freiheiten, ey – endlich Struktur!

Die Teilnehmer befolgen eine strikte Sperrstunde (Zitat Teilnehmerin Naomi: „Was ist das?“), essen Einheitskost (Cihan: „Jeden Tag das gleiche – da kommen wir bald ins Guinnessbuch der Rekorde.“) und gehen einer sinnlosen Tätigkeit nach – für das „Wohl der Gemeinschaft.“ Wer nicht folgt, wird bestraft und am Ende gibt es einen Preis zu gewinnen.

Schon am ersten Tag kommt Unmut auf: „Das Kopfkissen ist so klein“, „Mir ist langweilig“, „Hier gibt’s nur Nescafé“. Das ist allerdings kein Hinweis auf Rebellion, eher auf einen Haufen überbehüteter Gören, deren Haushälterin ihnen die Bettwäsche aufbügelt.

Jeden Tag das gleiche Essen – für viele Teilnehmer absolut unvorstellbar

Lediglich Sympathie-Bolzen Nana widersetzt sich dem System und trifft sich heimlich nach der Sperrstunde zum Klönschnack. Konsequenz: Erst Nescafé-Entzug für alle, dann Strafkammer. Mirco, der treue Soldat, findet’s gerechtfertigt: „Wir müssen dem Diktator unseren Tribut zollen – schließlich gibt er uns was Warmes zu Essen.“ Ganz Recht, Junge! So lange du deine Füße unter den Diktator-Tisch streckst…

Diktator will zu viel. Es will Augen öffnen, bilden, schockieren. Tut es aber nicht. Dies ist keine Diktatur – allenfalls ist es ein Knast-Experiment, aber auch die wurden schon besser aufbereitet. Doch ein bisschen ist diese Sendung auch ein Schrei nach Autorität. Urlaub in der Diktatur für all die haltlosen Teenies. Ginge auf sonnenklar.tv sicher weg wie warme Semmeln. (ah)

Fotos: ZDF/Stefan Menne, ZDF/Frank Irlenborn

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