ZDF:zeit: Mehr Polizisten bedeuten nicht mehr Sicherheit

Eine Polizistin in Leipzig-Connewitz zeigt auf ein Graffiti mit der Abkürzung ACAB: All Cops are Bastards

Die Einbruchzahlen schellen seit Jahren in die Höhe, die Bandenkriminalität nimmt zu, die terroristische Bedrohung ist ungebrochen hoch. ZDF:zeit diskutierte am Dienstagabend die hochaktuelle Frage: „Wie viel Polizei braucht Deutschland?“. Besser gesagt: Bedeutet mehr Polizeipräsenz mehr Sicherheit? Die Schlussfolgerung überrascht nicht: Nein, das tue sie nicht. Mehr Beamte allein reichten nicht, sondern sie müssten qualifiziert sein und richtig eingesetzt werden.

Ein Experte, Sebastian Fiedler vom Bund deutscher Kriminalbeamter, legte dar, dass in Deutschland 50.000 mehr Polizisten benötigt würden um die Ballungsräume zu schützen. „Wir müssen zusehen, dass wir hier Personal zur Verfügung haben. Das muss mittelfristig gelingen, kurzfristig wird uns das leider nicht gelingen.“ Denn aktuell geplant ist eine Personalaufstockung von 15.000 Personen. Der Soziologie-Professor Ortwin Renn dagegen findet zu viele Polizisten eher gefährlich: „Wie schlimm muss es sein, wenn wir mit solch einer martialischen Macht Präsenz zeigen müssen. Das kann ganz schnell umschlagen.“

Angst in No-Go-Areas

Porträtiert wurden drei „No-Go-Areas“ in deutschen Großstädten: Bonn-Bad Godesberg, das Kotti in Berlin und Leipzig-Connewitz. Drei Viertel, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Übertrieben vor allem die Darstellung des Kotti. Ja, es ist schlimmer geworden in den letzten Jahren. Aber es ist längst keine Zone, in der man sich nicht mehr bewegen darf. Tagsüber zumindest ist es immer noch der gute alte Kiez.

Übel aufstoßen ließen einen die eingeblendeten Bilder über Bad Godesberg, das als ehemaliges Diplomaten-Villenviertel bekannt ist. Stimme im Off, dazu im Hintergrund düstere Musik: „Der Stadtteil hat sich gewandelt, Verunsicherung macht sich breit.“ Eingeblendet werden muslimische Frauen mit Kindern, eine Muslima mit Hijab und Kinderwagen, Dönerläden, ein Geschäft mit arabischem Schriftzügen. Buh, wie gefährlich! Und dann die Klimax: Hier wurde Niklas von drei jungen Männern ermordet. Sehr traurig, der Fall. Aber was sagt er aus? Morde geschehen leider, selbst in den beschaulichsten Gegenden.

Sebastian Fiedler vom Bund deutscher Kriminalbeamter ist für mehr Polizeipräsenz in Deutschland

Dann die Frage an die Bad Godesberger, ob sie sich sicher fühlten. Die Antwort: Nein, Nein, nochmals Nein. Die Befragten: Drei biodeutsche Frauen kurz vor der Rente. Noch einige andere Male bedient sich die Sendung plumper Klischees. Als es um die Sicherheit von Frauen geht und kurz von der Kölner Silvesternacht die Rede ist, wird das Blondchen-Schema bedient. Eine Blondine wartet alleine auf die Ubahn, hinter einer Säule lauert, böse und dunkel wie ein Schatten der „Südländer“. Billiger geht es nicht! Als ein türkischstämmiger Sozialarbeiter aus Berlin zu Wort kommt, werden ihm Untertitel eingeblendet – und das obwohl der Mann, trotz klitzekleiner Grammatikfehler, sehr deutlich zu verstehen ist. Wenn bitte, dann gleiches Recht für alle: Der später gezeigte sächselnde Görlitzer Bürger hätte auch Untertitel verdient.

Immerhin bot die Doku einige interessante Fakten. Wie etwa die Tatsache, dass das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen auf 100.000 Menschen 228 Polizisten zählt – inklusive Verwaltungsangestellte. Diese herausgerechnet, bildet NRW das klare Schlusslicht unter den Bundesländern. Oder dass die private Sicherheitsindustrie eine immer größere Nachfrage erfahre und heute rund 200.000 private Securities in Deutschland arbeiten, ebenso viele wie Polizisten.

Größtes Manko bleibt aber wohl die immer wieder kehrende Aussage, die sich wie ein Mantra über die gesamte Sendung legt: Die Deutschen fühlen sich vermehrt unsicher. Belegt wird diese Aussage in keinster Weise mit Fakten oder Statistiken. Es ist und bleibt ein reines Gefühl, das hier vermittelt wird. Und obwohl es im Laufe der Dokumentation heißt, dass Medien zum Angstgefühl der Deutschen beitragen können, macht ZDF:zeit hier keine Ausnahme und verbreitet das Gefühl, dass mehr Polizisten vielleicht doch die bessere Wahl wären.

Fotos: ZDF

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