Zeitreise: Unterwegs im Audi Sport quattro von 1984

feedback@motor1.com (Roland Hildebrandt)
Audi Sport Quattro (1984)

Herr Ober, einen Kurzen bitte!

Wir schreiben das Jahr 1983. Ein Kindergarten, irgendwo im Rheinland. Mein Kumpel Thomas und ich haben jeden Morgen nur ein Ziel vor Augen: den Audi quattro in Rallyeoptik von Matchbox aus der großen Autokiste. Was wir damals noch nicht wissen: Auf der IAA zündet Audi im September des gleichen Jahres die nächste Stufe des Allradlers. Vorhang auf für den Sport quattro!

Weitere Klassiker der 80er im Fahrbericht:

Die Gleichung: 24 Zentimeter kürzer (4,16 Meter) als der normale quattro, um besser ums Eck zu kommen, 32 Zentimeter weniger Radstand und 106 PS mehr. 306 sind es unter dem Strich. Mehr hatte damals kein anderer deutscher Sportwagen. Selbst der Porsche 911 Turbo kam „nur“ auf 300 PS. Angesichts dieser Vorgeschichte nähere ich mich mit Respekt dem Audi Sport quattro, dessen 2,1-Liter-Fünfzylinder sich markant grummelnd warmmacht. Ja, der „Kurze“ wirkt böse. Als hätten die Designer im Furor brüllend mit der Axt auf einen quattro eingedroschen, um die abgehackten Reste dann an die Radhäuser zu verteilen. Ganz so simpel ist es natürlich nicht: Viele Teile der Karosserie bestehen aus GFK und Kevlar, die Seitentüren stammen vom Audi 80. Die für die Homologation nötigen 220 Exemplare des Sport quattro wurden 1984 und 1985 bei Baur in Stuttgart gefertigt.

 

Unser Fotomodell ist in sehr dunklem „kopenhagenblau“ lackiert. Eine Rarität, denn lediglich 21 Fahrzeuge bekamen diesen Farbton. Die meisten Sport quattro sind rot, danach folgen weiss, blau und dunkelgrün. Nur zwei schwarze Sport quattro existieren, einen fuhr Ferdinand Piëch. Metalliclackierungen funktionierten damals technisch nicht.

Audi Sport Quattro (1984)

Aber natürlich denke ich beim Anblick des Wagens auch unwillkürlich an Walter Röhrl, der 1984 zu Audi kam. Schließlich war der eigentliche Zweck des Sport quattro, die Rallye-WM aufzumischen. Wir reden hier von der legendären Gruppe-B-Ära, in der fast monatlich immer monströser aufgerüstet wurde. Im Fall des Audi hieß das: 450 PS in der halbwegs seriennahen S1-Rallyeausführung, 530 PS im spoilerbewehrten E2 (bei dem sogar ein Doppelkupplungsgetriebe von Porsche erprobt wurde) und schließlich völlig aberwitzige 598 PS beim Pikes-Peak-Flügelmonster.

 

Beschleunigung? Unter 2,5 Sekunden auf 100 km/h. Oder wie es unser liebster Walter treffend ausdrückte: „Im Prinzip bist du bei dem Auto mit dem Denken schon zu langsam.“ Wie gut, dass sich mein ziviler Sport quattro mit 4,9 Sekunden etwas mehr Zeit lässt. Doch zunächst einmal zwänge ich meinen Körper (Vorsatz für das kommende Jahr: Weniger essen ...) in den bequemen Ledersitz und blicke auf ein erschütternd sachliches Cockpit im Stil des Audi 80. Okay, die Zusatzinstrumente und der Allradknopf deuten an, dass hier kein 75-PS-Bauernmotor arbeitet. Aber wer damals für den Sport quattro satte 200.000 D-Mark (so viel wie ZWEI Porsche 911 Turbo) hinblätterte, dürfte seinen Augen kaum getraut haben. Wobei alte Elfer-Cockpits nicht minder zweckmäßig sind.

Audi Sport Quattro (1984)

Fun Fact: Angesichts des extrem hohen Preises verkaufte sich der Sport quattro nicht von selbst. Daher wurde zum Beispiel Röhrls Beifahrer Christian Geistdörfer beauftragt, den damaligen spanischen König Juan Carlos zu überreden. Mit Erfolg: Der Monarch orderte ein Auto.

 

Doch ob mit blauem Blut oder ohne: Viel wichtiger ist sowieso der Spaßfaktor. Er ist beim Sport quattro hoch, obwohl die Schaltung unexakt ist und ich in Kurven die Lenkkräfte deutlich spüre. Aber mit kurzen Gasstößen, unterlegt von herrlicher Fünfzylindermusik, lässt sich der Kurze zum leichten Drift überreden. Wohlgemerkt leicht, denn der Wagen ist a) selten, b) teuer (ersetze D-Mark von 1984 durch Euro von 2019) und c) kaltverformt für Audi ein Anlass, um mich körperlich zu züchtigen.

Audi Sport Quattro (1984)

Aber ich merke trotzdem bald, welches Potenzial im Sport quattro steckt. Wie viel Spaß drin wäre, wenn man könnte, wie man wollte. Gebt mir den Col de Turini. Abgesperrt für einen Tag. Und Walter als Instruktor. Es wäre ein Fest, werte Freunde der Quertreiberei. Oder um Röhrl zu zitieren: „Gute Fahrer haben die Fliegenreste auf den Seitenscheiben.“ Kurios nur, dass er auf Audi nie Weltmeister wurde, diese Ehre hatten Hannu Mikkola und Stig Blomqvist. Doch Thomas und ich haben das nachgeholt. Im Maßstab 1 zu 64.