Zensus 2022 - Acht Fakten der Volkszählung lassen Deutschland in neuem Licht erscheinen

Seit Deutschland seine Bevölkerung gezählt hat, bangen einige Städte und Gemeinden um ihre Existenz: Dort leben deutlich weniger Menschen als gedacht.<span class="copyright">Getty Images</span>
Seit Deutschland seine Bevölkerung gezählt hat, bangen einige Städte und Gemeinden um ihre Existenz: Dort leben deutlich weniger Menschen als gedacht.Getty Images

Die neue Bevölkerungszählung der Bundesregierung bringt überraschende Zahlen: In Deutschland leben deutlich weniger Menschen als gedacht. In einigen Gegenden bis zu zwei Drittel weniger. Das bringt Orte in Existenznot, weil ihnen Einnahmen wegbrechen. Eine von acht überraschenden Folgen des neuen Zensus.

Die nun vorgestellte Bevölkerungszählung Zensus 2022 enthält acht überraschende Zahlen, die Deutschland in neuem Licht erscheinen lassen.

1. Die Heizwende dauert noch 44 Jahre

Welch weiten Weg die Energiewende bei Wohnhäusern noch vor sich hat, zeigt ein Blick auf die Heizstatistik:

  • Fast 80 Prozent aller Häuser heizen mit Öl oder Gas.

  • Gebäude eingerechnet, deren Fernwärmelieferanten ihre Energie aus Gas, Öl oder Kohle gewinnen, stammt die Wärme in rund 85 Prozent aller deutschen Häuser aus fossilen Quellen.

  • Weniger als fünf Prozent aller Häuser heizen mit Sonnenkraft, Erdwärme oder Wärmepumpe.

  • Die Zahl der Wärmepumpen in Deutschland muss sich versechzehnfachen, um Öl und Gas vollständig abzulösen.

  • Verbauen künftig weiterhin genauso viele Haushalte eine Wärmepumpe wie im Jahr 2023, dauert es 44 Jahre, ganz Deutschland umzurüsten.

Obwohl die Daten andeuten, dass die Heizwende mehrere Jahrzehnte dauert, hat die Bundesregierung ihre derzeitigen Förderungen auf einige Jahre ausgelegt. Wahrscheinlich erfordert der Umstieg langfristigere Konzepte. Zuletzt rüstete die Mehrheit der Häuslebauer ihre Gebäude weiter mit Öl- und Gasheizungen aus.

 

2. Ihr Bundesland verliert womöglich Hunderte Millionen Euro

Der Zensus kostet das Land Niedersachsen einen dreistelligen Millionenbetrag. Anteilig an der Gesamteinwohnerzahl Deutschlands leben dort nach den Zensusdaten 0,5 Prozent weniger Menschen, als die Vorausberechnung auf Basis der Daten von 2011 vorhersagte. Weniger Einwohner bedeuten weniger Geld aus dem Länderfinanzausgleich.

In diesem Jahr erwartet das Land, auf einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag verzichten zu müssen, sagt ein Sprecher. Für die Jahre 2022 und 2023 muss es Millionen zurückzahlen. Genau Beträge stehen noch nicht fest.

Kein Einzelfall:

  • Mecklenburg-Vorpommern erwartet laut einer Sprecherin für die Jahre 2022 und 2023 ein Minus von insgesamt 175 Millionen Euro. 2024 dürfte der Ausfall mindestens ähnlich hoch liegen,

  • Hamburg muss 130 Millionen Euro mehr in den Länderfinanzausgleich einzahlen und bekommt rund 60 Millionen Euro weniger aus der Umsatzsteuer. Wie die Hansestadt den Gesamtverlust von 190 Millionen Euro im Jahr ausgleichen will, weiß sie noch nicht.

Einige Länder profitieren von den neuen Zahlen. Die, denen überraschend Gelder wegbrechen, trifft der Zensus hart.

3. Ihre Stadt oder Gemeinde geht womöglich pleite

Besonders hart trifft der Zensus Städte und Gemeinden, in denen nach den neuen Zahlen in Extremfällen bis zu zwei Drittel weniger Menschen leben als angenommen. Abweichungen von 15 Prozent sind keine Seltenheit.

Zuweisungen an Städte und Gemeinden richten sich in vielen Fällen nach der Einwohnerzahl. Sinkt die Einwohnerzahl, brechen Einnahmen weg. Betroffene Bürgermeister sprechen deshalb von massiven Problemen.

In Jagsthausen bei Heilbronn sank die Einwohnerzahl um 14,9 Prozent. Das kostet den 1731-Einwohner-Ort laut Stuttgarter Zeitung rund eine halbe Million Euro im Jahr. Der Bürgermeister hält sich eine Klage offen.

Die immensen Abweichungen überraschen viele Gemeinden, die ihre Einwohnerzahlen auf Basis des Zensus 2011 mit Zuzügen, Wegzügen und Sterbefällen berechnen. Sie müssen nun unter Zeitdruck ihre Haushalte überarbeiten.

Einige Bürgermeister kritisieren auch den Zensus. Gerade in Gegenden mit vielen Umzügen – Studenten, Arbeitsmigranten – stoße die Stichprobenerhebung an ihre Grenzen, sagt Mannheims Oberbürgermeister Christian Specht (CDU).

4. Deutschland fehlen 1,4 Millionen Einwohner

Die Bevölkerungszahlen vieler Gemeinden, Städte und Bundesländer schwanken auch deshalb so stark, weil in Deutschland laut Zensus rund 1,4 Millionen Menschen weniger leben als angenommen. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl Münchens.

Erklärungsansätze verweisen auf ukrainische Kriegsflüchtlinge, die womöglich ohne Abmeldung in ihre Heimat zurückgekehrt sind, oder zweifeln an der Genauigkeit der Volkszählung.

5. Deutschland ist gar nicht so alt, der Osten schon

Dass die Bundesrepublik altert, ist bekannt. Die Zensusdaten zeigen: Der Osten Deutschlands ist deutlich älter als der Westen. Ein Geburtenknick nach der Wende, Abwanderung in alte Bundesländer: In allen neuen Bundesländern kommen auf einen 25- bis 39-Jährigen mindestens zwei über 60-Jährige. In Bayern sind es nur 1,4, im Bundesschnitt 1,6.

Besonders jung ist die Bevölkerung in Metropolen: In Hamburg, Berlin und München leben praktisch genauso viele 25- bis 39-Jährige wie Menschen über 60. Auch ländliche Landkreise in Großstadtnähe bleiben vergleichsweise jung. Ländliche Ost-Landkreise sind hingegen besonders alt.

6. In AfD-Hochburgen gibt es kaum Ausländer

Ausländer leben in Deutschland sehr unterschiedlich verteilt:

  • In Bremen und Berlin leben rund viermal so viele Deutsche wie Ausländer.

  • In den übrigen westdeutschen Bundesländern leben meist rund fünf- bis siebenmal so viele Deutsche wie Ausländer.

  • In den ostdeutschen Bundesländern leben mindestens 15-mal so viele Deutsche wie Ausländer, in Mecklenburg-Vorpommern sogar fast 20-mal so viele.

Die Umfrageergebnisse der AfD laut Infratest Dimap spiegeln diese Zahlen in umgekehrter Reihenfolge: In den Bundesländern, in denen die AfD ihre stärksten Ergebnisse erzielt, leben die wenigsten Ausländer. Offenbar mindert der tatsächliche Kontakt mit Ausländern die Angst vor ihnen.

7. Die Durchschnittswohnung? 94 Quadratmeter, drei Zimmer, alt – oder ein Singlehaushalt

Sie wollen wissen, ob Sie luxuriöser wohnen als der Durchschnittsdeutsche? Hier eine Einordnung: Durchschnittlich besitzt eine deutsche Wohnung 94 Quadratmeter und drei Zimmer. Sehr wahrscheinlich befindet sie sich in einem Haus, das mindestens 50 Jahre alt ist. Die Zahl der Gebäude aus den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren übersteigt die Zahl der neueren Gebäude deutlich. Deutsche Gebäude altern.

Künftig dürfte dieser Wert eher zunehmen: In rund 17,5 Millionen Haushalten lebt nur eine Person. Der Wert steigt seit Jahrzehnten, und mit ihm der durchschnittliche Wohnraum pro Person. In Frankfurt lag der Anteil der Einpersonenhaushalte bei 53,1 Prozent. Kein Wunder also, dass immer mehr Menschen über Einsamkeit klagen.

8. Trotz Wohnungsnot stehen viele Wohnungen grundlos leer

Während die Bundesrepublik unter Wohnungsnot leidet, stehen in Deutschland fast zwei Millionen Wohnungen leer. Das entspricht jeder 23. Wohnung.

Vorrübergehende Leerstände, etwa durch Mieterwechsel, Sanierung oder Verkauf, erklären nur einen Teil dieser Fälle. Knapp 400.000 Wohnungen stehen aus „sonstigen Gründen“ leer, wie es die Statistik nennt. Das sind rund doppelt so viele Wohnungen, wie die Bundesrepublik in diesem Jahr neu baut.

Rund 100.000 dieser Wohnungen stehen in Großstädten und deren Umland, wo viele Menschen besonders dringend Unterkünfte suchen.

Welche Gründe genau für ihren Leerstand verantwortlich sind, erfasst die Statistik nicht. Medien berichten seit einigen Jahren etwa über Anleger, die ausschließlich auf Wertsteigerungen hoffen und die Mühe des Vermietens scheuen, sowie von Eigentümern, die eigentlich zum Vermieten gedachte Wohnungen auf Übernachtungsportalen wie Airbnb anbieten.