Zwei Bischöfe bieten nach Veröffentlichung von Gutachten Papst den Rücktritt an

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Kardinal Rainer Woelki 2017 bei einer Predigt in Israel

Die Veröffentlichung eines für mehrere Geistliche belastenden Gutachtens zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Köln hat am Donnerstag unmittelbar zu ersten personellen Konsequenzen geführt. Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße und der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp boten dem Papst ihren sofortigen Amtsverzicht an, der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki entband zudem einen weiteren Geistlichen vorläufig von seinen Aufgaben. Woelki selbst wurde durch das Ergebnis der Untersuchungen entlastet.

In dem mit Spannung erwartetet Gutachten bewerteten Juristen den Umgang des Kölner Erzbistums mit Missbrauchsfällen in den Jahren 1975 bis 2018. Heße war dort früher Generalvikar und Diozesänadministrator und trug Verantwortung für das Personal, bevor er im März 2015 zum Erzbischof in Hamburg ernannt wurde.

"Ich habe mich nie an Vertuschung beteiligt - ich bin dennoch bereit, meinen Teil der Verantwortung für das Versagen des Systems zu tragen", sagte Heße am Donnerstag in Hamburg. Er habe immer "nach bestem Wissen und Gewissen" gehandelt, wie jeder Mensch aber auch "Fehler" gemacht. Durch seinen Rückzug wolle er Schaden vom Erzbistum und dem Bischofsamt abwenden.

Schwaderlapp bat Woelki nach eigenen Angaben selbst um eine Freistellung, bis Rom über sein Rückzugsersuchen entscheidet. "Als Bischof, Priester und gläubiger Mensch erkenne ich mein Ungenügen an", hieß es in einer Stellungnahme des Weihbischofs.

Neben Schwaderlapp stellte Woelki am Donnerstag als Reaktion auf das mit Spannung erwartete Gutachten des Strafrechtlers Björn Gercke den Leiter des Bischöflichen Gerichts, Offizial Günter Assenmacher, frei. In dem Gutachten werden Heße elf und Schwaderlapp acht konkrete Pflichtverletzungen vorgeworfen, Assenmacher soll zweimal falsche Rechtsauskünfte gegeben haben.

"Handeln muss auch für Kleriker Konsequenzen haben", betonte Woelki. Er kündigte an, das Gutachten noch am Donnerstag nach Rom weiterzuleiten. "Eine erste Zusage ist damit eingelöst: Aufdecken, was war und was ist, Vertuschung aufklären und die Namen von Verantwortlichen nennen", sagte der Erzbischof. Er müsse das über 800 Seiten starke Gutachten in den kommenden Tagen erst einmal lesen, um "Konsequenzen ableiten zu können".

Die mit Abstand schwersten Vorwürfe machten die Gutachter dem 2017 verstorbenen Kölner Kardinal Joachim Meisner. Diesem seien 24 Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung von Missbrauchsvorwürfen und damit fast ein Drittel aller Fälle vorzuwerfen. Auch dem 1987 verstorbenen Kardinal Joseph Höffner seien Pflichtverletzungen vorzuwerfen. Der Skandal um die Vorgänge in dem Erzbistum versetzt die katholische Kirche seit Wochen in Aufruhr, zahlreiche Gläubige traten dort bereits aus.

Gercke und seine Mitgutachter werteten Akten aus und stellten dabei 75 Pflichtverletzungen fest, die von acht lebenden oder verstorbenen Verantwortlichen bei der Aufarbeitung begangen wurden. Demnach gab es insgesamt 202 Beschuldigte und 314 Opfer sexuellen Missbrauchs. Mehr als die Hälfte der damaligen Opfer waren laut Gutachten Kinder im Alter unter 14 Jahren

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, sah in dem Gutachten einen klaren Auftrag für Reformen. "Alle Bistümer können aus den offensichtlichen Verfahrensfehlern, mangelnden rechtlichen Regelungen und der mangelnden Rechtskenntnis in Köln lernen", erklärte Sternberg.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) erklärte, "auf die heutigen ersten personellen Konsequenzen" hätten "viele Opfer viel zu lange gewartet". Diese könnten nicht "darüber hinwegtäuschen, dass die so lange überfällige unabhängige Aufarbeitung in Köln und andernorts immer noch am Anfang steht".

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, nannte das Ausmaß des Missbrauchs im Erzbistum Köln "erschreckend". "Das Gutachten ist ein wichtiger von vielen weiteren Mosaiksteinen der unabhängigen Aufarbeitung", erklärte Rörig. Er hoffe, dass sich das "mächtige Erzbistum Köln nun an die Spitze der unabhängigen Aufarbeitung" innerhalb der Kirche setze und die Betroffenen dabei "uneingeschränkt" unterstütze.

bro/cfm