Zwei Drittel der Deutschen wollen umweltfreundlicher verreisen: Macht Corona "bessere" Urlauber aus uns?

Eric Leimann
·Lesedauer: 6 Min.

Die ZDF-Doku "Sehnsucht Urlaub" wollte am Dienstagabend wissen, wie Corona das Reisen der Deutschen langfristig verändert. Neben einem eher unterhaltenden Historien-Abriss des Tourismus in Ost und West zeigte das Primetime-Programm durchaus interessante Gedankenspiele und Trends.

"Harz statt Hawaii": Das ist einer der Trends des Sommers 2020. Die Deutschen, lange als Reiseweltmeister gefeiert und verpönt, bleiben dieses Jahr der Pandemie wegen gern im eigenen Land. Hat sich ja als vergleichsweise krisensicher in Sachen Covid erwiesen, dieses Deutschland. Zumindest bisher. Im Rahmen der "ZDFzeit"-Dokumentation "Sehnsucht Urlaub" untersuchten Filmemacher am Dienstagabend um 20.15 Uhr, inwieweit sich das Reiseverhalten statistisch tatsächlich verändert hat - und was dies für die Zukunft des Tourismus bedeuten könnte. Doch keine Angst - allzu soziologisch wurde es zur besten Sendezeit nicht. Dafür sorgten ein quietschbunter Abriss über acht Dekaden west- und ostdeutschem Urlaubsverhalten seit dem Zweiten Weltkrieg sowie gut abgehangene Promis wie Andrea Kiewel, Katrin Müller-Hohenstein, Richy Müller, Patrick Lindner, Heinz Hoenig oder Wolfgang Fierek - die über Urlaub parlierten.

Trotzdem erfuhr man durch Trendforscherinnen wie Christiane Varga auch Dinge, die über pure Andock-Nostalgie für ältere Zuschauer, die sich an Camping mit dem Trabi oder den ersten Italien-Urlaub in den Sechzigern erinnerten, hinausging: "Der Trend, Urlaub im eigenen Land zu machen, hat sich von vor Corona abgezeichnet, wurde jetzt aber noch mal verstärkt."

Die Pandemie befeuert also jene Entwicklung hin zum nachhaltigen Urlaub und wider den Massentourismus, die schon zuvor vorhanden war. Jedoch weist auch der Inlandstrend Nachteile auf. "Einer der schönsten Flecken Deutschlands zu sein, ist in Corona-Zeiten kein einfaches Schicksal" hieß es in der Doku. Die Überfüllung des Zugspitz-Massivs oder der Gegend um den ihm zu Füßen liegenden Eibsee wurden im Bild dokumentiert.

45 Prozent der Deutschen änderten ihre Urlaubspläne 2020

Zwischen Promis und Normalos, die im Film laut über Urlaubs-Philosophie nachdachten, gab es zwischendurch auch belastbares Material in Form einer ZDF-Datenerhebung. "Haben Sie ihre Urlaubspläne wegen Corona geändert", lautete da die erste Frage, die immerhin 45 Prozent mit "ja", 23 Prozent mit "nein" und 32 Prozent mit der Angabe, keinen Urlaub geplant zu haben, beantworteten. Von denen, die ihre Pläne geändert hatten, blieben 40 Prozent daheim, 28 Prozent buchten auf deutsche Ziele um, 17 Prozent verschoben ihre Reise und 13 Prozent wählten ein anderes Reiseziel im Ausland. Umfrage zwei wollte wissen: "Nimmt Corona Ihnen die Freude am Urlaub?" 28 Prozent der Befragten bejahten dies, 39 Prozent sagten "nein" und abermals 32 Prozent bestätigten, dass sie keinen Urlaub machen.

Nicht minder spannend war ein historischer Abriss deutscher Urlaubs-Kultur nach dem Zweiten Weltkrieg: Die ersten Touristen waren Kinder, die innerhalb der Besatzungszone "landverschickt" wurden. Erst das Wirtschaftswunder nährte die Reiselust von allen. Im Osten waren es gewerkschaftlich organisierten Ferienlager. Ende der 50-er begann dann das Fernweh im Westen - mit Italien als erstem Traumziel: Sonne, blaues Meer, Pasta, guter Wein. Es gab kaum einen Deutschen, der sich davon nicht begeistern ließ. Es folgte der vielleicht beste Satz der Doku im kurzen Interview-Ausschnitt mit dem Historiker Valentin Groebner: "Urlaub ist eine Art Sozialkarneval", sagte der Reise-Professor. "Man tut für zwei Wochen im Jahr so, als wäre man reich und sorglos. Man macht das für sich - und für die anderen".

"Camping ist einer der Urlaubstrends des Jahres"

Einer vor kurzem noch als anachronistisch belächelten Reiseform hat Corona extrem gutgetan: Camping ist einer der Urlaubstrends des Jahres, der Absatz von Wohnmobilen zog in diesem Jahr extrem an - allein im Mai um fast 30 Prozent, wie die ZDF-Filmer erfahren haben. Dabei war Campen ein Megatrend der späten 50er- und 60er-Jahre. Auch im Osten übrigens, selbst wenn Zelte und Orte, wo man sie mit Genehmigung aufstellen durfte, dort lange knapp waren. Im Westen wurde während jener Jahre der VW Bully zum Kult.

Ende der 60-er boomten dann Flugreisen in Deutschland. 1970 reisten erstmals mehr Urlauber ins Ausland als in deutsche Urlaubsregionen. Pauschalreisen schufen den Massentourismus. Spanien wurde zum beliebtesten Urlaubsziel der Deutschen, die Costa Brava und Orte wie Torremolinos aber auch in rasendem Tempo zugebaut. Es war die Zeit der Demokratisierung des Reisens. Als Massenprodukt wurde Tourismus deutlich billiger. Pauschalreisen hatten jedoch schon vor Corona an Attraktivität verloren, wusste Trendforscherin Vargas. "Ein Trend, der nun verstärkt wird." Die Wissenschaftlerin glaubt, dass der "Bespaßungs- und Betäubungsurlaub" immer weniger werden wird.

Im Rahmen seines historischen Reise-Abrisses war der Film nun bei der Freikörperkultur der DDR angekommen. "Wenigstens die Kleider wollten wir loswerden." Auch Reisen nach Ungarn zum Plattensee lagen nunmehr im Trend, auch wenn das Luxus-Ziel für DDR-Bürger teuer blieb. Erstmals trafen sich nun dort Ost und West im Urlaub. Allerdings in einer Zweiklassengesellschaft, denn die Wessis hatten die härtere D-Mark und die besseren Hotels. Ende der 80er-Jahre, als es mit der DDR sichtlich bergab ging, waren die Ostdeutschen sogar Reiseweltmeister. "Es gab kein anderes Land, in dem so viel gereist wurde", wusste ein Historiker Überraschendes zu verkünden.

Nach dem Mauerfall boomten im Osten dann Bustouren wie nach Paris. Das eigene Land war erst mal abgemeldet. Selbst ehemalige Traumregionen wie das Elbsandstein-Gebirge gerieten in Vergessenheit. In den 90-ern wurden die Deutschen zu Vielfliegern, und der Globus geriet zunehmend kleiner. Fernreisen wie nach Thailand boomten. 900.000 Deutsche reisen zuletzt pro Jahr dorthin - zu extrem günstigen Preisen. Heute kämpft der Tourismus dort ums Überleben.

"Sehnsucht nach lokaler Verankerung, nach Ortsgebundenheit"

Umfrage drei wollte nun wissen: "Geben Sie wegen Corona dieses Jahr weniger Geld für Urlaub aus?" 47 Prozent bejahten dies, 36 Prozent investierten wie immer. Tatsächlich ist 2020 ein Sommer quasi ohne Fernreisen. Wird es nach der Pandemie so weitergehen? Trendforscherin Anja Kirig sprach von einer gewissen Beliebigkeit, die vor Corona die Wahl des Urlaubsziels umwehte. "Man hatte eine Fülle von Optionen, wo man hinfahren konnte. Es war gar nicht mehr so wichtig, wo es am Ende war." Das klingt fast nach Verdruss. Kirig nennt Corona als Chance für übervolle Destinationen, sich nun anders zu positionieren. "Je komplexer, digitaler und globaler unsere Welt wird, desto höher ist auch wieder die Sehnsucht nach lokaler Verankerung, nach Ortsgebundenheit", glaubte ihre Kollegin Christiane Varga.

Macht uns die Pandemie also in Sachen Verreisen zu besseren Menschen? Umfrage vier stellte die - etwas suggestive - Frage: "Wollen Sie in Zukunft umweltfreundlicher verreisen? 62 Prozent beantworteten sie mit "ja", 31 Prozent sagten "nein", der Rest macht keine Angabe. Ob uns die Krise zurück zu Natur führt, zu einer neuen Einfachheit, konnte die ZDF-Doku natürlich nicht abschließend beantworten.

Immerhin zeigte der Film, dass sich im Tourismus in den kommenden Jahren eine Menge ändern könnte. Der Deutschlandchef des Reiseriesen TUI vermutete gar, dass Corona als Problem bleiben wird und das Reisen - auch abseits soziologischer Trends - dauerhaft verändern könnte. Auf jeden Fall, so viel ist sicher, wird sich eine gesamte Branche inklusive ihrer Helfer wie Airlines und anderer Urlaubs-Verkehrsmittel komplett neu aufstellen müssen.