Zwei Tage nach Anschlag von Nizza orthodoxer Priester in Lyon angegriffen

Frédéric GARLAN
·Lesedauer: 3 Min.
Soldaten und Polizisten riegeln Angriffsort in Lyon ab
Soldaten und Polizisten riegeln Angriffsort in Lyon ab

Nur zwei Tage nach dem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag auf Kirchgänger im französischen Nizza ist in Lyon ein griechisch-orthodoxer Priester mit einer Schusswaffe schwer verletzt worden. Die Hintergründe der Tat am Samstag waren zunächst völlig unklar. Nach dem Angriff von Nizza waren am Sonntag noch drei mögliche Komplizen des Täters in Gewahrsam. Premierminister Jean Castex stimmte die Franzosen auf einen "ideologischen Kampf" gegen den Islamismus ein.

Nach Angaben der Ermittler wurde der griechisch-orthodoxe Priester am Samstagnachmittag aus nächster Nähe angegriffen, als er gerade seine Kirche abschloss. Ein Mann, auf den die von Augenzeugen abgegebenen Täter-Beschreibungen passten, wurde zunächst festgenommen - am Sonntag aber wieder auf freien Fuß gesetzt. 

Es gebe keine Anhaltspunkte für eine Verwicklung in die Tat, erklärte die Staatsanwaltschaft. Auch die Tatwaffe, vermutlich eine abgesägte Schrotflinte, wurde zunächst nicht gefunden. Das Opfer kam schwer verletzt ins Krankenhaus.

So kurz nach dem Angriff von Nizza, bei dem ein Tunesier am Donnerstag drei Menschen in der Kirche mit einem Messer angegriffen und getötet hatte, und nach der Enthauptung eines Lehrers in einem Vorort von Paris ließ der Angriff in Lyon erneut die Alarmglocken schrillen. 

Das Motiv für die Tat sei jedoch noch völlig unklar, hieß es aus Polizeikreisen. Laut Staatsanwaltschaft schlossen die Ermittler schlössen keine Hypothese aus. Die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft wurde jedoch vorerst nicht eingeschaltet. 

Das französische Innenministerium richtete ein Krisenzentrum ein. Castex betonte, die Regierung sei fest entschlossen, "jedem zu ermöglichen, seinen Glauben in völliger Sicherheit und Freiheit zu praktizieren". Am Abend sagte der Premier im Sender TF1, es habe zu lange "Zugeständnisse" an den radikalen Islamismus gegeben. Nun müssten alle in Frankreich geeint einen "ideologischen Kampf" gegen diese Form des Extremismus führen.

Der Präsident des Europarats, Charles Michel, verurteilte die "abscheuliche Tat". In Europa sei die Glaubensfreiheit für alle garantiert und "muss respektiert werden". EU-Parlamentspräsident David Sassoli sprach von einem "neuerlichen Anschlag". Europa werde sich "Gewalt und Terrorismus niemals beugen".

Das Oberhaupt der orthodoxen Kirche in Griechenland, Ieronymos, sprach von einer Tat von "Terroristen", "die vom Hass geblendet sind". Es sei nicht hinnehmbar, dass der Glaube als Vorwand für Angriffe auf die Freiheit anderer genutzt werde, um "jede andere Überzeugung auszulöschen". 

Nach dem Anschlag von Nizza nahm die Polizei derweil zwei weitere mögliche Komplizen fest. Damit waren am Sonntag zwischenzeitlich sechs Verdächtige in Polizeigewahrsam. Drei von ihnen wurden aber ohne Anklage freigelassen, wie aus Justizkreisen verlautete. 

Weiter in Gewahrsam blieben ein 25-Jähriger, ein 63-Jähriger und ein tunesischstämmiger 29-Jähriger, der kürzlich mit dem mutmaßlichen Attentäter nach Frankreich eingewandert sei, hieß es es aus Ermittlungskreisen.

Der 21-jährige Tunesier Brahim Issaoui hatte laut Ermittlungen am Donnerstagmorgen in der Basilika Notre-Dame von Nizza drei Menschen getötet. Dabei soll er mehrfach "Allahu Akbar" (Gott ist groß) gerufen haben.

Der Täter sei erst kurz vor der Tat aus Italien nach Frankreich eingereist, sagte Innenminister Gérald Darmanin der Zeitung "Voix du Nord": "Offensichtlich ist er hierhergekommen um zu töten." Sobald er in Frankreich eingetroffen sei, habe der 21-Jährige mehrere Messer besorgt. Nach Angaben aus Ermittlungskreisen hielt Issaoui sich seit Dienstag in Nizza auf und wurde einen Tag vor dem Angriff nahe der Basilika von einer Überwachungskamera gefilmt.

Mitte September war er von Tunesien per Flüchtlingsboot auf die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa gelangt, seit dem 9. Oktober hielt er sich auf dem italienischen Festland auf.

yb