Zwischen Shakespeare und Kneipen-Tresen

Berlin (dapd-bln). Keine Berlinale ohne Roten Teppich. Er ist ein Laufsteg vor allem für angesagte Schauspieler, die sich dort glanzvoll präsentieren. Der Mehrheit der deutschen Schauspieler wird dieses Podium allerdings versagt bleiben - weil sie arbeitslos sind oder sich von Projekt zu Projekt durchschlagen. Wie Hans-Jürgen Pabst. Der Künstler erlebt seit Jahren trotz solider Ausbildung ein berufliches Auf und Ab - obwohl er sogar einmal selbst über den Teppich lief.

Pabst hat etwas, das gern mit "sprechenden Augen" umschrieben wird. Sein Blick leuchtet, und das nicht nur, wenn er über seinen Beruf spricht. Er hat Präsenz, er hat Ausstrahlung. Und trotzdem muss er regelmäßig am Zapfhahn in der Altberliner Klause "Sophien 11" in der Sophienstraße in Mitte stehen. Er schämt sich dieser Arbeit nicht: "Hier lernste Leute kennen und kannst Pointen ausprobieren", sagte der gebürtige Thüringer. Doch die wirtschaftliche Lage des Künstlers ist alles andere als rosig. Wenn er nicht in einer Kneipe hinterm Tresen steht, muss der 58-Jährige von Hartz IV leben.

Gerade einmal 93 fest angestellte Schauspieler an den städtischen Bühnen Berlins gibt es, wie eine Sprecherin des Deutschen Bühnenvereins sagt. Bezugspunkt ist eine Statistik für 2010/2011. Neuere Zahlen lägen noch nicht vor. "Aber der Wert gilt auch für 2013." Natürlich gibt es in Berlin mehr Bühnen als Deutsches Theater, Berliner Ensemble, Schaubühne oder das Hebbel am Ufer. Berlin ist Theatermetropole, aber naturgemäß auch die Hauptstadt der arbeitslosen Schauspieler. Die Schätzungen reichen von 1000 bis 10.000. Ganz genau weiß das niemand, weil die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist. Neben den renommierten staatlichen Schauspielschulen wie "Ernst Busch" bieten unzählige private Häuser und Trainer ihre Dienste an, manche kaum über Amateurniveau. Viele ihrer Absolventen bleiben allerdings am Markt und sind damit Teil der riesigen Konkurrenz von Pabst.

Er selbst hat seine Ausbildung zwischen 1975 und 1978 an der besten Lehranstalt dieser Art in der DDR erhalten, besagter Staatlicher "Schauspielschule Ernst Busch". Deren Vorläufer war 1905 von Max Reinhardt gegründet worden - als erste deutsche Schauspielschule überhaupt. Noch heute zählt das Haus - nun als "Hochschule für Schauspielkunst" - zur ersten Liga im deutschsprachigen Raum.

Nach seiner Lehrzeit war Pabst Jahre ununterbrochen am Theater. Zunächst in Zwickau, dann in Bautzen, dann in Schwedt, wo er unter anderem mit Regisseurin Freya Klier arbeitete. Ab 1987 leitete er die Straßentheater-Gruppe Gaukelstuhl. Seither führte Pabst auch immer wieder Regie auf der Bühne. Ab 1983 wirkte er auch in Fernsehproduktionen mit. Hinzu kamen Dreharbeiten in den Babelsberger Defa-Studios.

Die Wiedervereinigung bescherte ihm eine Menge Tourneetheater und wieder viele Fernseharbeiten, womit er den Leidensgenossen von heute weit voraus ist. "Aber solche Jobs bringen immer weniger ein", sagt er. "Billigkräfte" würden den Markt "versauen". Seine Rolle im Berlinale-Wettbewerbsfilm "Komm näher" 2006 scheint inzwischen von der Szene vergessen. Allein bei Berliner Filmschulen ist er noch gefragt, wie die Besetzung in zwei Abschlussproduktionen 2012 zeigte. Geld ist dort aber auch keines zu verdienen. Dann arbeitet Pabst für eine Handwerksfirma. Schließlich hat er nicht nur das Abitur in der Tasche, sondern auch einen Abschluss als Lokschlosser. Oder er muss warten, bis ein Anruf aus der Kneipe kommt.

Verzagen gilt allerdings nicht. Immer wieder stürzt sich Pabst in neue künstlerische Projekte. Da gibt es die Franz-Fühmann-Lesung, die wahlweise schottischen und irischen Whiskey-Abende sowie das kleine Christa-Wolf-Programm. Ihn hält mobil, dass er sich als suchenden, denkenden, immer zweifelnden Schauspieler sieht, der seine Texte erarbeiten will, der ums Verstehen von Inhalten ringt. Daraus wiederum erwachsen dann Träume. Zum Beispiel der über eine Berliner Version vom französischen Tanzstück "Le Bal", erzählt er mit glänzenden Augen. Ganz dem Motto folgend: "Denn Kunst erst, mag sie auch brotlos sein, gibt dem Leben einen Sinn."

dapd