Zylinder-Kult vor dem Aus - Der erste Elektro-Ferrari ist ein enormes Risiko für die Kultmarke

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Ferrari Elektrofertigung Maranello / Bild: Ferrari

2025 soll das erste Elektromodell der sportlichen Norditaliener präsentiert werden. Der Druck auf Ferrari ist größer als bei anderen Herstellern, denn kaum ein anderer Autohersteller wird derart in Verbindung mit emotionalen Verbrennermotoren gebracht.

Ferrari – allein bei diesem Namen bekommen viele Autofans Gänsehaut und den nicht enden wollenden Drang, einmal einen Ferrari bewegen zu wollen. Doch egal ob Enzo, F40, 599 GTB oder ein 250 GTO – alle dieser Modelle haben sich zwar auch durch ein einzigartiges Design einen Namen gemacht, doch zumeist machten deren Aggregate den großen Unterschied zur Konkurrenz. Der Sprung in die Elektromobilität ist daher schwer und für so manchen Kunden nachrangig, denn wohl kein Ferrari ist das einzige Fahrzeug im wohl betuchten Hausstand. Andere Modelle unterschiedlichster Hersteller bevölkern die eigene Garage und da ist mittlerweile auch das ein oder andere Elektromodell dabei. Der Ferrari oder bestenfalls die Ferraris stehen dagegen für hoch drehende Acht- oder Zwölfzylinder – unter Umständen sogar mit einer Hybridisierung. Das beflügelt die Emotionen seit Jahrzehnten.

Elektro-Modell stellt Ferrari auf den Kopf

Doch auch Ferrari will elektrisch werden – Schritt für Schritt und eher im Kleinen als im ganz großen Stil. Denn die Ialiener sind sich bewusst, wie groß das Risiko der Verwässerung ihrer Marke ist. Eine deutlich zaghaftere Wandlung steht deshalb bevor als etwa beim Wettbewerber Porsche, der mit seinen viertürigen Modellen abseits der Sportwagen längst zu einer begehrten Volumenmarke geworden ist. Porsche wird nach dem Taycan sukzessive elektrisch und hat mit dem 911 T-Hybrid jüngst auch seine Ikone mit einem ersten zaghaften Stromstoß vorgestellt. Boxster und Cayman werden ebenso wie alle anderen zukünftigen Modelle komplett elektrisch.

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Ferrari Elektrofertigung Maranello / Bild: Ferrari

Einen anderen Weg schlägt Ferrari am Stammsitz in Maranello ein – kann sich der Elektromobilität jedoch nicht komplett verschließen und will seine geänderte Strategie insbesondere mit einer neuen Produktion umsetzen. Möglich machen soll das eine Fertigung, deren Herz das jüngst eröffnete e-Building ist. So will der Sportwagenbauer seine Produktion insbesondere mit Blick auf die unterschiedlichen Antriebskonzepte flexibler gestalten.

Grüne Energie für das neue Ferrari-Werk

Anders als andere Hersteller hat Ferrari dafür keine eigenständige Elektroproduktion aufgesetzt, sondern bündelt die unterschiedlichen Antriebsarten unter einem Dach – auch, um dadurch variabel auf entsprechende Nachfragen reagieren zu können. Im neuen e-Building werden dabei alle elektrischen Bauteile produziert, die bei Technologie und Leistung den Unterschied ausmachen: Hochvoltbatterien, elektrische Achsen und Elektromotoren. Das Gebäude, gestaltet von Architekt Mario Cucinella Architects, entstand mit seiner Fläche von mehr als 42.000 Quadratmetern in den vergangenen zwei Jahren und bietet Platz für 300 Angestellte. Während im Untergeschoss insbesondere die Systemtechnik untergebracht ist, befinden sich im Erdgeschoss Fahrzeugmontage und Logistik. In der obersten Etage werden ebenfalls Fahrzeug montiert sowie an Motoren an speziellen Komponenten gearbeitet.

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Ferrari Elektrofertigung Maranello / Bild: Ferrari

Altes Kraftwerk wird abgeschaltet

Nach Vorbild anderer Autofabriken, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, wurde auch das neue Ferrari-Gebäude auf maximale Energieeffizienz und maximale Vernetzung ausgelegt. So erzeugen zum Beispiel über 3.000 Solarpaneele auf dem Dach in Spitzenzeiten bis zu 1,3 Megawatt Energie. Daher kann der Autobauer sein bisher am Standort in Maranello betriebenes Blockheizkraftwerk zum Ende des Jahres abschalten, sodass die Energieversorgung komplett aus erneuerbaren Energien erfolgt. Ganz neu sind diese Technologien nicht, denn bereits seit dem Jahre 2009 erzeugt Ferrari Strom sowie Warm- und Kaltwasser mit einer eigenen Kraft-Wärme-Kopplungsanlage, die vor zwei Jahren um eine Ein-Megawatt-Brennstoffzellenanlage zur Stromerzeugung ergänzt wurde. Im vergangenen Jahr produzierten diese beiden Anlagen immerhin zwei Drittel des Energiebedarfs im Werk Maranello, während erneuerbare Ressourcen die restlichen 33 Prozent deckten. Darüber hinaus gibt es eine Regenwassernutzung und 60 Prozent der Energie, die für Batterie- und Motorentests verbraucht wird, kann zurückgewonnen, gespeichert und nochmals genutzt werden.

Ferrari setzt parallel auf Elektro und Verbrenner

Der erste Schritt in Sachen Elektromobilität ist getan – jetzt warten alle auf den ersten elektrische Ferrari-Sportwagen. Ferrari-Chef Benedetto Vigna ist sicher: „Es gibt Fans unserer Marke, die werden erst dann einen Ferrari kaufen, wenn er elektrisch ist.” Und genau solche Kunden gilt es zu gewinnen, ohne die traditionelle Klientel zu vernachlässigen. Ferrari bleibt deshalb bei den Antrieben flexibel und sieht sogar Wasserstoff als künftigen Energieträger, „als Grundlage für synthetische Kraftstoffe“, so der Ferrari-Chef. Im E-Building können auch Autos mit Verbrennungsmotoren gebaut werden. Ferrari-Aufsichtsratschef John Elkann will es den Kunden überlassen, für welche Technologie sie sich entscheiden: „Im E-Building werden wir alle Autos montieren, die wir anbieten. Wir glauben, dass technische Veränderungen nicht über Nacht passieren und unsere Kunden letztlich die Wahl haben sollten“, sagt der Spross der italienischen Industriellen-Dynastie Agnelli.

Von Patrick Solberg